Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


25

Die schwarze Mappe 2) Zeugin in Nürnberg 1947/48

Ihre persönliche Geschichte ist ein Teil der deutschen Geschichte: Gisela Heidenreich, geboren in Norwegen, hat die ersten Lebensmonate in einem "Lebensborn"-Heim zugebracht. - Hören Sie die zweite Folge einer Geschichte in drei Teilen über die langsame Entdeckung der eigenen Biographie, über verdrängte Schuld und die Schatten der Vergangenheit im Licht der Wahrheit - eine sehr deutsche Geschichte.

Von: Gisela Heidenreich

Stand: 05.04.2015 | Archiv

Im April 1947 wurde Emilie Edelmann von der amerikanischen Militär-Polizei in Bad Tölz verhaftet. Gisela Heidenreich: "Ich erinnere mich genau, wie ich ihr nachlief auf dem Weg zur Kaserne, die Mutter in ihrem blauen Dirndlrock mit den weißen Blümchen zwischen den beiden Uniformierten, die ihre Hände nicht von ihren Oberarmen ließen, und ich erinnere mich genau, wie sie hinter dem Tor der Kaserne verschwanden und die wachhabenden Soldaten mich verscheuchten wie eine lästige Fliege." Kaum wusste das drei Jahre alte Mädchen, dass ihre Tante in Wirklichkeit ihre Mutter war, war diese schon wieder weg. Und als die Mutter auch nach Tagen und Wochen nicht zurückkehrte, erklärte man dem Kind, sie habe "dienstlich" in Nürnberg zu tun.

"Wohlfahrtseinrichtung" für Mütter und Kinder

Emilie Edelmann war als Zeugin im Prozess gegen den "Lebensborn e.V." im Nürnberger Justizgefängnis interniert. Ihre bewusst falschen und beschönigenden Aussagen trugen wesentlich zum Freispruch der für die SS-Organisation Verantwortlichen bei, denen man ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht nachweisen konnte. Der Verein wurde vielmehr als "Wohlfahrtseinrichtung" gewertet, deren "Fürsorge den Müttern sowie den ehelichen und unehelichen Kindern" galt.

Der erwünschte Nachwuchs zur "Aufnordung des deutschen Blutes"

Ausstellung über die SS-Einrichtungen des nationalsozialistischen Vereins Lebensborn e.V. in Delmenhorst (2001) | Bild: picture-alliance/dpa

Ausstellung über die SS-Einrichtungen des nationalsozialistischen Vereins Lebensborn e.V. in Delmenhorst (2001)

Emilie Edelmann spielte als Zeugin eine wichtige Rolle im Prozess gegen den "Lebensborn e.V.". Sie war Sachbearbeiterin in  dieser rassenpolitischen SS-Organisation zur "Aufnordung des deutschen Volkes". Bis Kriegsende war sie zuständig für die Vermittlung von Pflege- und Adoptionsstellen unehelicher Kinder, zunächst für die sogenannten "Ostkinder", zuletzt für die in Norwegen von deutschen Besatzungssoldaten mit norwegischen Frauen gezeugten Kinder. Diese wurden meist in den norwegischen Heimen des Vereins "Lebensborn" geboren. Nach der gewaltsamen Besetzung 1941 hatte der sofort auch in Oslo installierte Verein damit begonnen, für den erwünschten Nachwuchs zur "Aufnordung des deutschen Blutes" Heime zu bauen, bis Ende des Krieges waren es elf, von Oslo bis Trondheim.

Gisela Heidenreich, die Tochter von Emilie Edelmann, wurde am 31.August 1943 in Oslo geboren und verbrachte die ersten Monate ihres Lebens in einem jener Heime: in Klekken, etwa 60 Kilometer von Oslo entfernt. Ihre Mutter hatte sich aus der Zentrale des "Lebensborn e.V." in München auf eigenen Wunsch "so weit weg wie möglich" versetzen lassen, weil sie ihre Schwangerschaft vor ihrer Familie verheimlichen wollte.

Die geheimnisvolle schwarze Mappe des Horst Wagner

Die Briefe, die die Mutter aus dem Gefängnis nach Hause schrieb, hat Gisela Heidenreich erst nach deren Tod gefunden, ebenso die Briefe, die die Mutter mit dem NS-Diplomaten Horst Wagner wechselte, den sie während ihrer Haftzeit in Nürnberg kennen und lieben gelernt hatte. Seine schwarze Mappe mit geheimen Dokumenten hatte er Emilie Edelmann anvertraut.

Übersicht zur dreiteiligen Sendereihe "Die schwarze Mappe":

BAYERN 2 – AM KARFREITAG
Freitag, 3.4.2015, 18.05 – 19.00 Uhr
Die schwarze Mappe (1)

Das Kind, die Zeugin und der Täter
Das norwegische Waisenkind
Von Gisela Heidenreich

BAYERN 2 – AN OSTERN
Sonntag, 5.4.2015, 18.05 – 19.00 Uhr
Die schwarze Mappe (2)

Das Kind, die Zeugin und der Täter
Zeugin in Nürnberg 1947/48
Von Gisela Heidenreich

BAYERN 2 – AN OSTERN
Montag, 6.4.2015, 18.05 – 19.00 Uhr
Die schwarze Mappe (3)

Das Kind, die Zeugin und der Täter
Der Diplomat als Täter
Von Gisela Heidenreich

Buchtipps:

Gisela Heidenreich

  • Das endlose Jahr: Die langsame Entdeckung der eigenen Biographie - ein Lebensborn-Schicksal
  • Autorin: Gisela Heidenreich
  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
  • Auflage: 3 (11. November 2010)
  • ISBN-10: 3596160286
  • ISBN-13: 978-3596160280


  • Sieben Jahre Ewigkeit: Das geheime Leben meiner Mutter
  • Autorin: Gisela Heidenreich
  • Taschenbuch: 432 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. Juli 2009)
  • ISBN-10: 3426779714
  • ISBN-13: 978-3426779712


  • Geliebter Täter: Ein Diplomat im Dienst der "Endlösung"
  • Autorin: Gisela Heidenreich
  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
  • Verlag: Droemer (2. November 2011)
  • ISBN-10: 3426274329
  • ISBN-13: 978-3426274323

25