Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Bayerische Berufungen und Instanzen: Der Schneider und die Schneiderin

Kleider machen Leute und Schneider machen Kleider! Justina Schreiber präsentiert einen Bilder- und Schnittmusterbogen über Geschichte und Gegenwart eines Berufes in seiner spezifisch bayerischen Fasson. Werkstattgespräche aus dem Textilgewerbe, Plaudereien aus dem Nähkästchen, alles nach Strich und Faden recherchiert und auf Kante genäht - kurz: ein maßgeschneidertes Feature.

Von: Justina Schreiber

Stand: 01.12.2018 | Archiv

Im historischen Abzählvers "Kaiser, König, Edelmann" rangiert der Schneider recht weit hinten zwischen Schuster und Leineweber. Aber auch wenn er den Lebensunterhalt für sich und die Seinen mühsam zusammennähte, war er doch ein wichtiger Mann im Dorf. Bis die Konfektionsware Einzug hielt, musste sich ja jeder mindestens einmal im Leben von ihm Maß nehmen lassen.

Der Herrenschneider galt lange als gesellschaftliche Schlüsselperson

Schneiderlehrling Dominik bei der Arbeit ("Willi Fischer - der Schneider am Dom", München)

Beim Schneider liefen alle Fäden zusammen: Tratsch und Klatsch, Politisches und Privates kamen hier auf den Tisch, während er einen Schnitt entwarf, der die körperlichen Vorzüge des Auftraggebers betonte und - soweit möglich - auch der neuesten Mode Rechnung trug.

Nicht ohne Grund galt der Herrenschneider lange als gesellschaftliche Schlüsselperson, weil er den jungen Männern zu Ansehen verhalf - und zwar mit Hilfe von Schulterpolstern und einem schnittigen Revers.

Ein Dorfschneider konnte alles nähen

Zeichnung des Schneidersohnes Herbert Moser aus den 60er Jahren

Alltagsröcke, Sonntagsröcke, lange Hosen, spitze Fräcke, Westen mit bequemen Taschen, warme Mäntel und Gamaschen. Ein Dorfschneider wusste eigentlich alles zu machen.

"Ein Schneider saß auf seinem Tisch
Und nähte für sein Dörflein frisch."


Und zwar vor allem für die Männer, die Bauern, den Lehrer, den Wirt, die Burschen.

"Die Anfertigung eines Anzugs dauerte fast eine Woche. Das war schon eine zeitraubende Tätigkeit. (...) Bei manchen Dingen musste dann meine Mutter etwas mithelfen, Knopflöcher nähen oder so was dann, was nicht so sein Fall war."

(Hans Niedermayer, Schneidersohn und Autor des Buches 'Eine Welt, die es so nicht mehr gibt')

Die Mutter, eine gelernte Näherin, kümmerte sich um die Garderobe der weiblichen Kundschaft. Dass der Vater eine Frau an pikanten Stellen "vermessen" hätte, war in dem katholischen Dorf nicht denkbar.

Weibliche Herrenschneider und männliche Damenschneider

Schneiderin bei der Arbeit (1895)

Lange war der Schneider ein rein männlicher Beruf. Mit der Gewerbefreiheit, die Bayern 1825 einführte, durften auch Frauen immerhin Damenschneiderinnen werden.

Doch bis sich ein geregeltes Ausbildungswesen etablierte, dauerte es noch fast hundert Jahre. Die überlasteten Handwerkerinnen und ausgebeuteten Näherinnen hatten keine Zeit, sich um Gesellenprüfungen und ähnliches zu kümmern.

Heute gibt es keine Geschlechtergrenzen mehr. Vielmehr geht es kreuz und quer: Damen werden Herrenschneiderinnen und Herren Damenschneider. Gelebtes Cross-Gender im Handwerk!

Schneider machen Leute

Schneider wissen, dass in textilen Stoffen das Potential für den ganz großen Auftritt schlummert.  Aber es sind Modeschöpfer wie Lagerfeld, Prada oder Givenchy, die mit ihren Labels das Geld und den Ruhm ernten, während ein Heer von Schneidern und Näherinnen die wertvolle Handarbeit leistet.  Bescheiden und unterbezahlt wirken die wahren Kleidermacher nach wie vor im Verborgenen. Wo doch letztlich sie es sind, die dafür sorgen, dass aus guten Ideen großartige Kunstwerke entstehen. Schneider machen Leute.

Die Textilkünstlerin Susanne Winter

Die Textilkünstlerin Susanne Winter in ihrem Atelier

Der Zuschnitt ist kein Buch mit sieben Siegeln, erklärt die Nürnberger Textilkünstlerin Susanne Winter.

"Ich hab mit 12 Jahren angefangen zuzuschneiden, zusammenzunähen, das hat natürlich hinten und vorne nicht gepasst. Dann fängt man an zu überlegen, warum passt das eigentlich nicht, wie macht man das wirklich. Dann hab ich mir so ein Heft gekauft: 'Wie helfe ich mir selbst?', 'Ich nähe selbst' wirklich nach Anleitung, Bild 1, Bild 2, Bild 3."

Susanne Winter ist Dozentin für Modedesign an der Hochschule Hof. Kleider sind eigentlich textile Kunstwerke, sagt sie. Aber in Zeiten des modernen bügelfreien Einheitslooks ...

Hauptsache bequem!

... fehlt das Gespür dafür. Deshalb steckt Susanne Winter mühevolle Näh-Arbeit lieber in Wandobjekte, die aus Stoff bestehen, den sie etwa mit Fotos von Küchenhandtüchern bedruckt hat. So hofft sie den Blick der Leute zu schärfen für:

"All das Textile, das um uns herum ist, und das wir nicht beachten."

"Spott' keins der Schneider mehr!
Man halte sie in Ehren!
Wenn keine Schneider wären,
Wir liefen nackt herum.
Schneidri, schneidra, schneidrum!"

(Volksmund)

Buchtipp:

Eine Welt, die es so nicht mehr gibt

  • Autor: Hans Niedermayer
  • Taschenbuch: 398 Seiten
  • Verlag: Verlag Sankt Michaelsbund (22. Februar 2016)
  • ISBN-10: 3943135721
  • ISBN-13: 978-3943135725

Das Heimatmuseum Dorfen

Der Schneider Hermann Huber in der Schneiderwerkstatt des Heimatmuseums in Dorfen

Im Dachgeschoß eines zentral gelegenen Gebäudes wurde 2004 vom örtlichen Historischen Arbeitskreis ein Heimatmuseum eingerichtet.

Gezeigt wird, wie es Mitte der 1950er Jahre in Wohnküche, Schulzimmer und Schneiderwerkstatt ausgesehen hat.

Zu sehen sind auch Werkzeuge, die zur Bearbeitung von Leder, Holz und Eisen dienten oder die der Bader in Gebrauch hatte.

Hingewiesen wird auch auf die ehemalige Eisenbahnlinie Dorfen-Velden/Vils und auf berühmte Söhne der Stadt, welche damals weithin bekannt waren: auf Josef Martin Bauer ("So weit die Füße tragen"), Rudolf Kirmeyer ("Der junge Musikant") und auf den Heimatforscher Pfarrer Josef Gammel.

Internetseite: Heimatmuseum Dorfen

Heimatmuseum
Herzoggraben 10
84405 Dorfen

Öffnungszeiten:
Das Heimatmuseum ist jeweils an den Marktsonntagen von 14 bis 16 Uhr geöffnet.


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