Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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"Scham di!" Was den Bayern peinlich ist

Schon Adam und Eva schämten sich. Nicht so der Bayer. Wofür sollte er sich auch schämen? Wurde er je aus seinem Paradies vertrieben? Das Schamgefühl ist etwas sehr Komplexes. Treten Menschen in Horden auf, fällt es ganz von ihnen ab, etwa auf der Wiesn. Zum Glück kann man sich auch für andere schämen …

Von: Thomas Kernert

Stand: 29.09.2018 | Archiv

Tiere schämen sich nicht. Das Schamgefühl gehört allein den Menschen. Seit dem Sündenfall, da Adam und Eva entdeckten, dass sie splitternackt waren, bestimmt die Scham, wofür man sich zu schämen hat und wofür nicht. Häufig sind es sexuelle Dinge, aber nicht nur. Keine Macht lenkt den mitteleuropäischen Alltag omnipräsenter und omnipotenter als die Scham, keine Macht tut dies freilich derart im Verborgenen. Sie ist "die" Graue Eminenz schlechthin.

Ein gewisser Hang zum Grobianismus

Naturverbundenes Gemeinschafts-Wildpinkeln

Bayern ist weiß-blau und sein Bier gülden. "Gschamige" Gefühle fechten den Bayern nur selten an. Nach dem Wiesn-Besuch uriniert er ungeniert in den nächstbesten Hauseingang, vor den Landtagswahlen schwappt die politische Debatte über alle Ufer des Anstandes und der zwischenmenschlichen Schicklichkeit.

Der Bayer definiert sich als Rousseau'sches Naturkind und als solches glaubt er sich einem gewissen Hang zum Grobianismus verpflichtet.

Im Sonntagsanzug kann man etepetete sein, in der Tracht muss man "krachert" sein. Heilig wird man, wenn überhaupt, immer erst posthum.

Der Bayer weiß, dass er gut ist. Die moralische Unbedenklichkeits-bescheinigung stellte ihm bereits vor knapp 500 Jahren Johann Turmair alias Johannes Aventinus in seiner Bayerischen Chronik aus:

"Das baierisch volk ist geistlich, schlicht und gerecht, läuft gern kirchferten ..., legt sich mêr auf den ackerpau und viech dan auf die krieg, denen es nit vast nachläuft ..."

(Johann Turmair alias Johannes Aventinus)

"Eigenwillige Modellierung des Triebhaushaltes"

Der Soziologe Norbert Elias (1977)

Halten wir fest: Das "baierisch Volk" ist schlicht und tierlieb. Das Schamgefühl hingegen ist etwas sehr Komplexes: Kein Kirchferten, respektive keine Wallfahrt, kein Ackerbau, kein Viech, sondern eine ...

"... eigenwillige Modellierung des Triebhaushaltes, herangezüchtet durch eine Selbstzwangapparatur ..."

... die das Individuum dazu nötigt, zu tun, was andere, sprich: die Gesellschaft, wollen, dass es, das Individuum, tue. So oder so ähnlich sah es jedenfalls der große deutsche Soziologe Norbert Elias in seinem zweibändigen Standardwerk "Über den Prozess der Zivilisation".

Freiräume, in denen die Schamgrenzen auf weit unter Normalnull sinken

Doch trotz dem ihr innewohnenden Grobianismus wird gerade die bayerische Interaktion von vielen Anstandsregeln und oft unsichtbaren Schamgrenzen geregelt. Auch wenn er gerne den Elefanten mimt, weiß der Bayer doch sehr genau, dass er in einem Porzellanladen lebt. Achtungsverluste der unterschiedlichsten Art lauern immer und überall.

Eben deshalb inszeniert er Freiräume wie die Wiesn, in denen die Schamgrenzen auf weit unter Normalnull sinken dürfen. Eben deshalb geht aber jede Wiesn nach zwei Wochen wieder unwiderruflich zu Ende.

Thomas Kernert enthüllt schamlos die Schammechanismen im bayerischen Gefühlshaushalt.


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