Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Literaturlandschaft Bayern Porträt der Schriftstellerin Ruth Rehmann

Ruth Rehmann gehört zu den Menschen, bei denen man nur staunt, wie all das, was sie tun und sind, in ein einziges Leben passen kann. Seit über 50 Jahren lebt sie in Oberbayern, genau so lange schreibt sie Bücher. Aber sie ist auch ausgebildete Geigerin, Sängerin, Lehrerin, Botschafterin, Reise-Journalistin, Globalisierungs-Kritikerin, Friedens-Aktivistin und Politikerin.

Von: Joana Ortmann

Stand: 20.08.2011 | Archiv

Ruth Rehmann | Bild: picture-alliance/dpa; Markus Konvalin

Geboren 1922 in Siegburg, hat sie den 2. Weltkrieg als Jugendliche miterlebt, floh 1945 aus ihrer Heimat in den Chiemgau und schlug sich zunächst als Landarbeiterin durch. Zwar gehörte Ruth Rehmann zu den jüngsten Autoren der renommierten Gruppe 47, doch der große Durchbruch gelang ihr erst 1979 mit dem Roman: "Der Mann auf der Kanzel: Fragen an den Vater". Ein Buch, in dem die Pastorentochter bohrende Fragen nach der Schuld der Vätergeneration und der Rolle der Kirche in der NS-Zeit aufwirft und das gleich nach Erscheinen neu aufgelegt werden musste – so groß war die Nachfrage.

Leben und Schreiben ...

Ruth Rehmann 1961

"Ich brauche das Schreiben, um mein Leben anzuschauen und zu befragen", hat Ruth Rehmann einmal gesagt. Dieses Bedürfnis ist in fast all ihren Romanen, Erzählungen und Hörbüchern spürbar, ganz gleich, ob sie über den gesellschaftlichen Wandel in bayerischen Dörfern („Die Schwaigerin“, 1985) oder über schwierige deutsch-deutsche Annäherungsversuche schreibt („Unterwegs in fremden Träumen“, 1993) – und immer schimmert dabei ihr eigenes, abenteuerliches Leben durch, nicht aufdringlich oder selbstgefällig, sondern diskret und fern jeglicher Nabelschau.

Das Gefühl, nirgends zu bleiben ...

Sie gibt es ganz offen zu: sie schmuggelt sich, ihr Leben, ihre Person in ihre Geschichten, widmet den für sie entscheidenden Abschnitten ihrer Biographie ganze Romane, besonders ihrer Kindheit und Jugend. Lockt damit auch den Leser in die trügerische Illusion, ihr nah zu kommen – und entzieht sich dann wieder. Wie eine Agentin, die ihr eigenes Leben ausspioniert, als müsse sie sich in ihren Büchern immer wieder selbst auf die Spur kommen, sich stellen, sich versichern, wer sie war und ist.

Ruth Rehmann:
„Aber das geht so ganz ohne Plan eigentlich, da spinn ich einfach nur so rum und denke mir was aus, auch was, das nicht gewesen ist, das setzt sich dann selber zusammen. Ich schreibe gerne, ich mach die Bewegung des Schreibens gern, heute noch, ich spinne gerne herum, langweile mich nie, weil ich immer etwas im Kopf habe, woran ich herum murkse, um Menschen zu verstehen, um mich selbst zu verstehen; um genauer zu sehen, wie ich reagiert habe, um von einer Zeit nicht nur die Tatsachen zu schildern, sondern auch das Drumrum, die Atmosphäre, das Fluchtgefühl, wie das war, nichts zu haben, das Gefühl, zu leicht über die Dinge hinwegzugehen, nirgends zu bleiben. Das ist sicher auch ein Charakterfehler von mir, weil ich nirgends wirklich geblieben bin.“

Neuer Roman mit 87 Jahren

In letzter Zeit ist es still geworden um Ruth Rehmann. Doch jetzt – mit 87 Jahren – ein neuer Roman: „Ferne Schwester“. Die Geschichte einer Nachkriegsjugend zwischen Deutschland, Frankreich und Algerien von erstaunlicher Aktualität. - Ein Grund für Joana Ortmann, sie im oberbayerischen Trostberg zu besuchen.

Schriftstellerisches Werk von Ruth Rehmann:

  • Illusionen, Frankfurt a.M. 1959
  • Die Leute im Tal, Frankfurt a.M. 1968
  • Paare, München 1978
  • Der Mann auf der Kanzel, München [u. a.] 1979
  • Abschied von der Meisterklasse, München [u. a.] 1985
  • Der Abstieg, Stuttgart 1987
  • Die Schwaigerin, München [u. a.] 1987
  • Unterwegs in fremden Träumen, München [u. a.] 1993
  • Bootsfahrt mit Damen, München 1995
  • Der Oberst begegnet Herrn Schmidt, Stuttgart 1995
  • Fremd in Cambridge, München [u. a.] 1999
  • Ferne Schwester, München 2009

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