Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Zentrum der Anthroposophie Wie Rudolf Steiner in München wirkte

Im September 1919 wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet. Das pädagogische Konzept stammte von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. In München waren seine Ideen schon vor dem Ersten Weltkrieg auf fruchtbaren Boden gefallen.

Von: Friedemann Beyer

Stand: 25.05.2019 | Archiv

Eine Hochburg der Esoterik war Anfang des 20. Jahrhunderts München. Hier trafen Strömungen wie Okkultismus, Theosophie und später die Anthroposophie Rudolf Steiners auf ein ebenso empfängliches wie engagiertes Publikum aus Künstlern, Intellektuellen und Bildungsbürgern, die mit ihrer Hinwendung zum Übersinnlichen dem "Ungeist des Materialismus" entgegentreten wollten.

Was junge, in München lebende Bohemiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewegte, schildert der aus Österreich zugereiste, junge Schauspieler Alexander Strakosch:

Das "Wiener Café Stefanie" in München an der Ecke Amalienstraße/Theresienstraße (1905)

"Bald lernte ich auch junge Künstler kennen und verkehrte viel im Café Stephanie, das auch unter dem Namen ‘Café Größenwahn‘ bekannt war. Hier saßen die Größen der Kunst und die, welche es zu werden gedachten oder sich schon dafür hielten.

Damals lebte in der Bohème vielfach ein Suchen nach einer vertiefteren Lebensauffassung und einer Lebensführung aus geistigen Impulsen.

Besonders bewegte uns die Frage, ob es jenseits der Sinneswelt eine geistige Wirklichkeit gäbe. Manche merkten, dass jeder seinen eigenen Weg finden müsse und dass es auf diesen Weg ankäme: auf die Verwirklichung des Geistes im Leben."

(Alexander Strakosch)

4. Congress der Theosophischen Gesellschaft in München, 1907

4. Congress der Theosophischen Gesellschaft - Rudolf Steiner (Markierung) sitzt in der ersten Reihe zwischen zahlreichen Damen der High Societey

München war 1907 Schauplatz eines internationalen Theosophischen Kongresses, der den Aufbruch Rudolf Steiners zur Anthroposophie markiert.

Ebenfalls in München wurden zwischen 1910 und 1913 unter großem öffentlichen Interesse Steiners "Mysteriendramen" uraufgeführt.

Hier schließlich plante Steiner mit dem "Johannesbau" das erste überregionale anthroposophische Bildungs- und Veranstaltungszentrum. Nach dem Scheitern des Projektes in München wurde es 1913 im schweizerischen Dornach als "Goetheanum" realisiert – bis heute Herzstück der Bewegung.

Rudolf Steiners "Goetheanum"

Das Internationale Zentrum der anthroposophischen Gesellschaft ("Goetheaneum") in Dornach im Schweizer Kanton Solothurn

Die Aufführung der Mysteriendramen Rudolf Steiners, seine regelmäßigen Vorträge sowie Ausstellungen, künstlerischen Darbietungen, Lesungen, Rezitationen und Tagungen: all das hatte schon 1910 bei Münchner Freunden und Unterstützern die Idee eines eigenen Hauses reifen lassen. Bislang fanden die Veranstaltungen in angemieteten Sälen und Theatern statt. Dieses Provisorium sollte durch den Bau eines anthroposophischen Tempels beendet werden.

Im April 1911 wurde ein Verein zur Errichtung einer solchen Weihestätte gegründet: des Johannesbaus, benannt nach Johannes Thomasius, einer Hauptgestalt der Mysteriendramen.

Bereits im Sommer 1911 wurde in Schwabing ein Grundstück gefunden und angekauft: es lag unmittelbar hinter der evangelischen Erlöserkirche, zwischen Germania-, Fuchs- und Ungererstraße, dem Standort des heutigen "Fuchsbaus".

Die nach Angaben Rudolf Steiners erstellten Baupläne wurden der Münchner Lokalbaukommission vorgelegt. Doch die Verhandlungen zogen sich hin. Es gab Einsprüche von Anwohnern. Besonders die evangelische Erlöserkirchengemeinde fühlte sich durch die unmittelbare Nachbarschaft zu einem "Anthroposophentempel" gestört und bekämpfte das Projekt.

Rudolf Steiner zögerte nicht lange und wich ins Schweizerische Dornach bei Basel aus. Dort schenkte ihm ein wohlhabender Anhänger ein großes Hügelgrundstück in unbebauter Natur. Im September 1913 wurde der Grundstein für das "Goetheanum" gelegt, bis heute Zentrum der internationalen Anthroposophischen Bewegung und Sitz der "Freien Hochschule für Geisteswissenschaft".

Friedemann Beyers Feature beleuchtet ein bedeutsames, bislang kaum beachtetes Kapitel Münchner Kulturgeschichte vor dem Hintergrund des geistigen Klimas der Stadt in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.

Steiners Mysteriendramen auf DVD

4 Mysteriendramen von Rudolf Steiner (120 Minuten)

  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Lehrprogramm
  • Studio: Aladinfilm
  • ASIN: B0060J8NOK

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