Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Das Harem-Experiment Rainer Langhans und seine Gefährtinnen

Gibt es den sogenannten Harem überhaupt noch? Und wenn ja, in welcher Form? Und welche Erfahrungen und Perspektiven verbinden sich für die Beteiligten mit diesem Selbst-Versuch? 42 Jahre nach Beginn des Harem-Experiments ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme. Friedemann Beyer wagt den Versuch einer Annäherung.

Von: Friedemann Beyer

Stand: 24.09.2016 | Archiv

"Wie lebt man am besten, wie lebt man richtig: Das ist ja eigentlich die Frage, mit der wir uns beschäftigen."

(Rainer Langhans)

"Unser Harem ist der Versuch, als Frau ein geistiges Wesen zu werden."

(Christa Ritter)

"Es gibt ja viele Klischeebilder über uns. Also es gibt die schlimmsten Bilder: Ja, Rainer, fünf Frauen: Klasse!"

(Brigitte Streubel)

"Das Wort ‘Harem‘ mochte ich übrigens nie! Das sag‘ ich mal ganz laut und deutlich. Ich hab‘ das gehasst, immer!"

(Jutta Winkelmann)

"Erst mal assoziiere ich damit Mauern und eingeschlossene Frauen, verschleierte Frauen, die namenlos bleiben, die nur viele für einen Mann sind."

(Gisela Getty)

"Das ist eigentlich eine Jugendclique im hohen Alter. Das ist wie die ‘Fünf Freunde‘."

(Severin Winzenburg)

Bildergalerie: Rainer Langhans und seine Gefährtinnen

Eine ungewohnte Form des Zusammenlebens auf Distanz

Seit mehr als vier Jahrzehnten Jahren pflegt der Ex-Kommunarde Rainer Langhans mit vier Frauen ein privates Netzwerk, das von den Medien als "Harem" tituliert wurde, über die mit diesem Begriff verknüpften Vorstellungen jedoch weit hinaus geht. Anfangs stand die Beschäftigung mit der eigenen Biografie und die Ausbildung einer selbstbestimmten Persönlichkeit im Vordergrund der Gruppenarbeit. Auch die Auseinandersetzung mit Themen wie Eifersucht, Neid, Mobbing, die aus dieser ungewohnten Form des Zusammenlebens auf Distanz entsprangen.

"Wir bereiten uns auf den Tod vor"

Inzwischen überwiegt das Spirituelle. "Wie bereiten wir uns auf den Tod vor, wie lernen wir zu sterben?" Solche Fragen beschäftigen Rainer Langhans (76), Brigitte Streubel (66), Christa Ritter (74) und die Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Getty (beide 67) nicht erst, seit eine der Frauen schwer erkrankt ist.

"Ich persönlich sage: „Das alles war gut und ist immer besser geworden, und das ist phantastisch!“ Weil ich nämlich auch einer bin, der aus einer Welt kommt, wo er eine wirkliche Verbesserung nicht für möglich gehalten hat und sich verdammt sah, in dieser traurigen und unglücklichen Art und Weise leben zu müssen, wie wir das für normal halten. Dass ich das nicht mehr bin, und seien es nur Millimeter, das macht mich heute deutlich glücklicher als ich je in meinem Leben war. Und ich behaupte: die Frauen auch. Ich glaube auch, dass sie das auch so sehen, weil sie sonst schon längst in alle Winde verstreut wären. Sie waren ja genügend unterwegs und haben andere Leute angeguckt."

(Rainer Langhans)

Auch ohne die Krebserkrankung Jutta Winkelmanns stehen Rainer Langhans und seine Gefährtinnen verschärft vor der Frage der eigenen Vergänglichkeit und wie das Leben bis zuletzt in Würde gelingen kann. Könnte die spezielle Form dieser Gemeinschaft gar ein Modell für die alternde Gesellschaft sein?

"Es ist ja die Frage: Wie bin ich und wer bin ich im Alter? Ich sehe, dass es ein starkes Altersunglück gibt. Ich habe viel mit älteren Frauen gesprochen, ich bin viel in Krankenhäusern gewesen, natürlich durch die Krankheit von meinem Mann, und hab auch viel Gelegenheit gehabt, mit älteren Frauen oder überhaupt mit älteren Menschen zu sprechen, und da gibt’s halt doch viel, wo die sagen: 'Ach hätte ich doch mal, alles ist so furchtbar heute, ich kann nicht mehr …'"

(Gisela Getty)

Eigenständiges Wohnen bei gleichzeitig enger Nachbarschaft, gemeinsame Unternehmungen wie Spaziergänge, Saunabesuche und Tennispartien, vor allem aber der ständige Austausch von Gedanken und Gefühlen machen, so Gisela Getty, das Alter weit mehr als nur erträglich.

Eine Schicksalsgemeinschaft radikaler, älterer Individualisten

Leidenschaftlich an sich selbst Interessierte sind Rainer Langhans und seine Gefährtinnen seit etlichen Jahren. Aus dem Experiment ist eine Schicksalsgemeinschaft radikaler, älterer Individualisten geworden, geistig frisch, körperlich fit, kommunikativ, eloquent und zugewandt. Selbst Jutta Winkelmann ist aktiv und lässt sich das Gesetz des Handelns nicht von der Krankheit diktieren, die sie durch Arbeit zu ignorieren versucht.

Buchtipp: "STYX - die Reise beginnt"

Christa Ritter

Autorin: Christa Ritter
Format: Kindle Edition
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 301 Seiten
Verlag: Amazon Media EU S.à r.l.
ASIN: B00VMZOFOO

Kurzbeschreibung:
Christa Ritters (Indien-)Reisetagebuch mit zahlreichen Fotos und viel Atmosphäre: Arbeit, Familie, Sex, so das Übliche war hohl geworden. War eigentlich immer schon keine Option, vor allem seit 68. Was dann? Ich tat mich Ende der Siebziger in München mit fünf Frauen und einem Kommunarden zusammen. Nicht wohnmäßig, sondern als virtuelle Sucher. Wie geht das richtige Leben im falschen? Wer bin ich? Wir verließen die Komfort-Zone und probierten viel aus, zerdepperten uns eine Gewissheit nach der anderen. Jedesmal brach danach die Hölle los: Eifersucht, die Hasskrallen, Angst vor Freiheit und Liebe stellten sich quer. Es ist wohl nicht einfach, ein Mensch zu werden. 
So leitet die Autorin Christa Ritter dieses eBook ein. Sie beschreibt, wie Jutta, eine ihrer langjährigen Weggefährtinnen fortgeschrittenen Krebs bekam. Jutta würde kämpfen und entschied sich, nach Indien zu reisen. Meistersuche als Doku-Filmprojekt ihres Sohnes. Jutta suchte sich Sterbebegleiter: Rainer Langhans, sogar uns böse Schwestern, Brigitte und mich. Eine fulminante Reise nach Indien. Keine Romantische Reise zwar, dafür ein Reisetagebuch, das unserer Generation den Spiegel vorhält.


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