Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Domholz Die Münchner Frauenkirche und ihre Geigen

In dieser Ausgabe unseres Feuilletons bringen wir eine wundersame, aber wahre Geschichte zu Gehör: Sie beginnt mit einem Instrumentenbauer, der aus dem jahrhundertealten Holz des im Krieg eingestürzten Dachstuhls der Münchner Frauenkirche Geigen von außergewöhnlichem Klangcharakter fertigt …

Von: Sarah Khosh-Amoz

Stand: 13.07.2013 | Archiv

"Domholzgeige" mit den Türmen der Münchner Frauenkirche im Hintergrund | Bild: picture-alliance/dpa; Franz Fuchs (Montage BR)

In der Zeit der Not und des Mangels unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muss auch der Geigenbauer Franz Fuchs Mittel und Wege finden, um über die Runden zu kommen. Auf der Suche nach Klangholz für neue Geigen wird er in den Trümmern der Frauenkirche fündig. Das jahrhundertalte Holz aus dem eingestürzten Dachstuhl, erfüllt vom Klang der Glocken, erscheint ihm für seine Zwecke besonders geeignet. Und wie durch ein Wunder erhält er als einziger Handwerker die urkundlich bestätigte Genehmigung, das Holz aus dem Liebfrauendom zu verwenden. Dieses Glück wird jedoch getrübt: Eine Zigeunerin beschuldigt den Geigenbauer, nur an sich und seine Instrumente zu denken, während doch die notleidenden Münchner Bevölkerung so dringend Brennholz benötige! Und mehr noch: die Frau belegt ihn mit Verwünschungen. Franz Fuchs lässt sich davon zunächst nicht beirren und baut sie dennoch: Geigen aus Domholz, deren Klang tatsächlich von ganz besonderer Güte ist. Doch die Erinnerung an den Fluch der vorgeblich bösen Tat lässt Franz Fuchs und seine Familie nie mehr ganz los ...

"Alles zerstört in München, alles kaputt, gebrannt hat es an allen Ecken. Und aus dieser äußerst negativen Geschichte sind Instrumente entstanden, die einen schönen Abschluss, eigentlich einen positiven Abschluss bringen könnten zu diesem ganzen Kriegsgeschehen und Gräueln. Man muss ja auch dazu rechnen, nicht nur in München ist viel kaputt gegangen - auch dieses ganze Flüchtlingsproblem. Das hat sich alles zum Guten gewendet und ein Ausdruck davon, sind meiner Meinung nach jetzt diese Geigen, die wir jetzt dann im Dom erklingen lassen. Das ist jetzt dann mein Herzenswunsch!"

(Gerald Fuchs)

Der Lebenstraum des Gerald Fuchs hat sich erfüllt

Gerald Fuchs mit einer der "Domholzgeigen" seines Vaters

Drei der "Domholzgeigen" befinden sich heute im Besitz von Gerald Fuchs, dem Sohn des Geigenbauers. Lange träumte er von einem ganz besonderen Geigentrio, das den seit Jahren nicht mehr gespielten Instrumenten neues Leben einhauchen sollte. Dieses Ensemble hat sich inzwischen gefunden: Unter der Leitung der passionierten Geigerin Ruth-Maria Ostermann wurden die drei alten Domholzgeigen wieder zum Klingen gebracht - und zwar in der Münchner Frauenkirche. Der Lebenstraum des Gerald Fuchs hat sich erfüllt und der Kreis sich geschlossen: Das jahrhundertealte, vom Klang der Glocken erfüllte Domholz kehrte an den Ort seines Ursprungs zurück...

Das Domholzgeigentrio spielt in der Frauenkirche

Das Domholzgeigentrio (v.l. Judith Altmann, Ruth-Maria Ostermann, Andreas Mittler)

Die zauberhaften Klänge hallen durch den Liebfrauendom und verklingen hoch oben im Gewölbe. Ein ornamentales Netz, das einem Sternenhimmel gleicht, der sich über uns auftut. Die Frauenkirche: ein Ort, an dem man dem Himmel ganz nah ist – das waren die Worte von Domkapellmeisterin Lucia Hilz. Wir erinnern uns: Die Musik im Dom, sie kann ein Stück Himmel bedeuten, hat Gabriele Steinherr gesagt. Wie Recht sie doch haben! Im Chorgestühl der Frauenkirche, wo normalerweise Besucher nicht hinkommen, haben Gerald Fuchs, seine Frau und seine Tochter Platz genommen. Inmitten von geschnitzten Büsten der Propheten und Heiligen lauschen sie andächtig und aus nächster Nähe den Domgeigen. Kann aus Fluch Segen werden? Aus den Domgeigen selbst erklingt die Antwort. Der Kreis, er hat sich endlich geschlossen. Die Geigen sind dort angekommen, wo sie Jahrhunderte lang das Gewölbe der Kirche gestützt haben und spielen ihr Dankeschön. - Ein Dankeschön, dass sie das werden durften, was sie heute sind:  Instrumente, die noch mehr an Strahlkraft, Wärme und Innigkeit gewinnen, sobald man ihre Geschichte kennt.


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