Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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München rockt Die wilden 60er-Jahre an der Isar

Die ersten Ausläufer einer Flutwelle aus dem Norden bahnen sich Anfang der 60er-Jahre ihren Weg durch die Republik. Diese Welle mit Namen "Beat" erreicht schließlich auch den Alpenrand, all die Teens und Twens mitreißend, die nicht mit beiden Füßen auf dem Boden stehen.

Von: Florian Fricke

Stand: 28.07.2018 | Archiv

Anfang der 60er-Jahre entwickelte sich München zum Zentrum der Beatmusik im gesamten süddeutschen Raum. Was vor allem der Anwesenheit der amerikanischen Befreier zu verdanken ist, die ihre Musik nach Bayern brachten.

Tanz ins neue Zeitalter

Swing, Jazz, Chanson, Rock'n'Roll, Soul, Beat, Psychedelic, Krautrock: Knapp 50 Bühnen in München beherbergten unzählige Bands, die in schweißtreibenden Sets die Tänzer über das Parkett trieben. Livemusik war eine feste Größe in der Abendgestaltung. Musik war die Ursuppe, der alles entsprang. Nach den Weltuntergangs- und den Trümmerjahren entstand hier das neue Leben.

Die 60er-Jahre in München

Es ist eine Zeit, in der der Mainstream aus den Küchenradios noch ganz anders klingt. In der Konrad Adenauer mit fast 90 Jahren an der Spitze des Staates steht. Bevor München durch Olympia 1972 die Weltstadt mit Herz wurde, bevor es die bestgesicherte Stadt neben der verbotenen in Peking wurde und sich Revolutionen auf Biergärten beschränkten. Bevor Schwabing das Synonym wurde für den Tanz des hedonistisch aufgeladenen Künstlers auf dem Rand der Capuccinotasse - da gab es eine Zeit, als Schwabing noch gar nicht wieder begonnen hatte zu existieren.

Schwabing - der Mittelpunkt der Musik-Szene

Die britische Band "The Kinks"

1963 eröffnet in der Leopoldstraße das Musiklokal "Big Apple", wenig später in der Nachbarschaft der Liveclub "PN hit-house". Jeden Tag spielt eine Band, sieben Tage die Woche. Wenn ein Topact der so genannten "British Invasion" wie die Kinks oder die Hollies auftreten, kommen die Gäste aus dem gesamten Umland. Ja sogar bis von Stuttgart und Salzburg, um die ersten langhaarigen Musiker zu bestaunen.

Karrieren werden angeschoben

Musik ist vorerst noch die wichtigste Droge, die alle brauchen und die alles zusammenhält. Viele Karrieren werden angeschoben, im Großen wie im Kleinen. Hanns Christian Müller, der später als Regisseur der Gerhard Polt-Filme Furore machen wird, steht schon als Fünfzehnjähriger mit seiner Band auf der Bühne des PN.

Hanns Christian Müller

Hanns Christian Müller | Bild: picture-alliance/dpa

Hanns Christian Müller

Hanns Christian Müller, Jahrgang 1949, ist Film- und Theaterregisseur, Drehbuchautor und Komponist. Er wächst in Schwabing in den 50er-Jahren auf, als es noch sein Dornröschen-Dasein fristet. Der Krieg ist noch all-gegenwärtig. Die Schwabinger sind von der Bussi-Gesellschaft unserer Tage noch so weit entfernt wie Edmund Stoiber vom Islam.

Gesegnet mit einem liberalen Elternhaus sind für Hanns Christian Müller die 60er die ideale Spielwiese, um die eigene Kreativität zu entwickeln. Schon in seiner frühen Jugend ist er ein umtriebiger und erfolgreicher Musiker, der sich mit unbekümmerter Verve durch die unzähligen verrauchten Clubs und Musiklokale schlägt.

Bühne frei für ...

Pete York, später Schlagzeuger bei Helge Schneider und schon lange Wahlbayer, lässt sich damals mit der Spencer Davis Group im Big Apple feiern. Konstantin Wecker hält als Jugendlicher die Beatles für Schlagerfuzzis und steht eher auf Opern, was ihn nicht davon abhält, mit einem Kumpel und gestohlenem Geld für vier Wochen nach Italien abzuhauen.

Christian Burchardt entdeckt für sich die Musik fremder Völker, gründet "Embryo" und tourt durch Nordafrika und Indien. Die Band "Amon Düül" liefert den wilden, neuen Sound zur 68-Revolution. Viele andere namenlose Musiker beackern die Bühnen in Haidhausen und Schwabing und werden von den Nachwuchsfans gefeiert, als wären sie die Stones persönlich. Es sind wilde Zeiten, die nicht alle unversehrt überstehen. Aber kaum einer der Veteranen will sie missen.

Der Autor Florian Fricke bringt in dieser Ausgabe des "Bayerischen Feuilletons" das Lebensgefühl der Beat-Generation und den Sound der "Krautrock"-Szene in der bayerischen "Haupt- und Residenzstadt" zum Tönen.

(BR 2008)


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