Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Michael Ballhaus Zum 80. Geburtstag

Moritz Holfelder hat den Kameramann Michael Ballhaus in seiner Wohnung in Berlin getroffen, aber auch die Plätze seiner Kindheit und Jugend aufgesucht. Ballhaus erzählt von seiner Zeit in Franken, von seiner Zusammenarbeit mit Fassbinder in München - und wie er dann den Sprung in die USA schaffte. - Am 5. August 2015 wird Michael Ballhaus 80 Jahre alt.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 01.08.2015 | Archiv

Michael Ballhaus (2013) | Bild: picture-alliance/dpa

Er arbeitete mit Regisseuren wie Martin Scorsese, Francis Ford Coppola oder Robert Redford zusammen. Drei Mal war er für den Oscar nominiert. Gewann den Europäischen Filmpreis. Versuchte dabei, immer bescheiden zu bleiben. Blieb bescheiden. Film ist Teamwork.

Wilde Schauspieler-Kommune in Unterfranken

Sein erstes Bild aufgenommen hat er mit einer Agfa Box, einem einfachen quadratischen Kasten, der weniger als zehn Mark kostete. Das war 1948 in Unterfranken, auf dem Schloss Wetzhausen, wo seine Eltern ein Domizil für ihr Fränkisches Theater sowie ihre wilde Schauspieler-Kommune gefunden hatten. Michael Ballhaus war damals zwölf Jahre alt. Er sieht das Foto des Schlosses noch heute vor sich, mit dem Torbogen, dem alten Innenhof und dem viergeschossigen Erker.

Er konnte Max Ophüls in München beobachten

Max Ophüls im Jahr 1952 in Hamburg | Bild: picture-alliance/dpa

Max Ophüls (1952)

Geboren wurde der weltberühmte Kameramann 1935 in Berlin. Seine Kindheit verbrachte er in Coburg, seine Jugend in Wetzhausen. Als er 18 war, bekam er durch seinen Vater die Gelegenheit, zum ersten Mal in seinem Leben bei einem Filmdreh dabei zu sein: Er konnte Max Ophüls in München beim Inszenieren der Zirkusszenen für "Lola Montez" zuschauen. Bald arbeitete er selbst als Kameramann, zuerst beim SWR in Baden-Baden, dann für Rainer Werner Fassbinder und ab Mitte der achtziger Jahre für Regisseure wie Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Robert Redford und Wolfgang Petersen.

"Michael Ballhaus ließ sich bei Max Ophüls von vielen Details für seine späteren Arbeiten anregen. Gerne wird er etwa als Erfinder der Kamera-Kreisfahrt bezeichnet. Der von ihm erstmals in Rainer Werner Fassbinders Beziehungsdrama 'Martha' eingesetzte 360°-Schwenk wird sogar als Ballhaus-Kreisel bezeichnet. Doch eine vergleichbare Fahrt gab es bereits 1955 in 'Lola Montez', in Szene gesetzt von Christian Matras, dem französischen Kameramann des Films. Gemeinsam mit Ophüls schuf er bewegte Bildfolgen, dynamisch und voller Leben, wie sie der jüdische Regisseur aus Saarbrücken mochte."

(Moritz Holfelder)

Ein Augenmensch par excellence

Im Bayerischen Feuilleton erzählt Michael Ballhaus von seiner Zeit in Franken, von seiner Zusammenarbeit mit Fassbinder in München – und wie er dann den Sprung in die USA schaffte. Er, ein Augenmensch par excellence, spricht auch über den unaufhaltsam fortschreitenden Verlust seiner Sehkraft.

"DAS AUGE
Ich sehe nichts mehr.
Ich bin das einzige Sinnesorgan, welches sich verschließen kann.
Ich verschließe mich vor der Welt.
Meine Wimpern verschränken sich sanft.
Jetzt nehmen meine Geschwister alles wahr.
Sie hören. Sie fühlen. Sie riechen.
Das Draußen ist nur noch ein Schein.
Diffus dringt das Licht durch das geschlossene Lid.
Rote Flecken flackern und fluoreszierende Ströme wabern.
Farbpunkte wandern. Schlieren tänzeln.
Jetzt sehe ich auch bei offenem Lid nichts mehr.
Nicht mehr viel.
Der Sehnerv ist geschädigt.
Man nennt es Glaukom oder Grüner Star.
Ich bin das Auge.
Das Auge eines berühmten Kameramannes.
Ein Auge, das nichts mehr sehen kann.
Aber Erinnerungen haben ihre eigenen Bilder."

(Moritz Holfelder)

Das Fränkische Theater auf Schloss Maßbach

Anne Maar, Leiterin des Fränkischen Theaters Schloss Maßbach, sitzt auf der Freilichtbühne des Schlosses (2009)

Moritz Holfelder hat Michael Ballhaus in Berlin getroffen, aber auch die Plätze seiner Kindheit und Jugend aufgesucht. Das von den Eltern gegründete Fränkische Theater gibt es heute noch, nur ein paar Kilometer von Wetzhausen entfernt auf Schloss Maßbach. Geleitet wird es von Ballhaus‘ Nichte Anne Maar, der Tochter von Kinderbuchautor Paul Maar.

Buchtipps:

Bilder im Kopf: Die Geschichte meines Lebens
Autor: Michael Ballhaus, Claudius Seidl
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt; Auflage: 3 (17. März 2014)
ISBN-10: 3421045666
ISBN-13: 978-3421045669

Das fliegende Auge
Autor: Michael Ballhaus
Gebundene Ausgabe: 264 Seiten
Verlag: Berlin Verlag; Auflage: Aktualis. N.-A. (1. Januar 2002)
ISBN-10: 3827004608
ISBN-13: 978-3827004604

Filmen wie Ballhaus: Basics der Bildgestaltung
Autor:
Timo Landsiedel
Gebundene Ausgabe: 220 Seiten
Verlag: atoll medien; Auflage: 1 (17. Juni 2012)
ISBN-10: 3938619058
ISBN-13: 978-3938619056


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