Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Martin Sperr zum 70. Überall rausgeschmissen ...

Martin Sperr war einer der literarischen Söhne der Marieluise Fleißer. Von ihren Theaterstücken hat er viel gelernt, aber er wollte sie nie einfach nur kopieren. "Jagdszenen aus Niederbayern", das bekannteste seiner Stücke, handelt von der Diskriminierung gesellschaftlicher Außenseiter - denen er sich in mehrfacher Hinsicht verbunden fühlte.

Von: Monika Dimpfl

Stand: 13.09.2014 | Archiv

Martin Sperr | Bild: picture-alliance/dpa

Am Bremer Stadttheater, das den 21-jährigen Jungschauspieler Martin Sperr für die Spielzeit 1965/66 engagierte, wurde aufregendes Theater gemacht. Die erste Pop-Ge­neration war zum Marsch durch die Kultur-Etablissements angetreten: Peter Zadek und Wilfried Minks inszenierten, bald danach kamen Rainer Werner Fassbinder und Peter Stein. Martin Sperrs 1966 uraufgeführter Erstling "Jagdszenen aus Niederbayern" geriet zur Sensation. Peter Fleischmann verfilmte das Stück über den homosexuellen Außenseiter und die Gewalt im Dorf drei Jahre später kongenial, Sperr selbst spielte den Abram. Der Film erhielt den Bundesfilmpreis, lief auf der Berlinale und in Locarno. Sperr war berühmt.

Eskalierender Hass auf gesellschaftliche Außenseiter

"Jagdszenen in Niederbayern": Inszenierung in Cottbus 1998

"Jagdszenen aus Niederbayern" zeigen die Treibjagd eines Dorfs, dessen Bewohner sich selbstgefällig viel auf ihre Biederkeit zugute halten, auf Außenseiter. Der am meisten Gejagte ist ein homosexueller Halbwüchsiger, als "schwule Drecksau" verschrien. In Szenen, die die Selbstgefälligkeit und Grausamkeit der Dorfbewohner Schlag auf Schlag entlarven, wird das "Opfer" so lange direkt und indirekt "getrieben", bis es vor Haß zurückschlägt - natürlich nach der falschen, der noch schwächeren Seite. Der Gejagte ermordet mit rasenden Stichen das von ihm geschwängerte Dienstmädchen Tonka - eine Szene, die Sperrs deutlichste Anleihen bei Büchners "Woyzeck" enthält. Das Dorf registriert am Ende selbstzufrieden, daß man wieder "unter sich" sei. - Zur "Grundidee" der "Jagdszenen" befragt, antwortete Sperr:

"'Jagdszenen aus Niederbayern' zeigt den Anpassungsversuch von zwei Außenseitern, von denen einer gelingt und der andere gelingt nicht ... Der Versuch, der gelingt, zeigt, dass die Außenseiter sich nicht unterscheiden, außer dass sie ausgeschlossen sind, dass sie sich wahnsinnig gerne integrieren würden ... Ich wollte zeigen, dass der Mensch in jeder Situation jagdbar ist, sobald man ihn jagen will."

(Martin Sperr im Interview 1967)

Ein literarischer "Sohn" Marieluise Fleißers

Marieluise Fleißer

"Ich habe von der Fleißer viel gelernt, ohne das Bedürfnis zu haben, sie zu kopieren." Der in Steinberg/Niederbayern geborene Sperr gehörte, wie Kroetz und Fassbinder, zu den literarischen "Söhnen" der Marieluise Fleißer und galt als Erneuerer des kritischen Volksstücks. Konsequent schrieb er seine "Bayrische Trilogie" als repräsentativen Querschnitt der Nachkriegswirklichkeit fort: Die "Jagdszenen" hatte er gleich nach dem Krieg,1948, angesetzt; die "Landshuter Erzählungen" über den Konkurrenzkampf zweier Bauunternehmer ein Jahrzehnt danach; mit dem dritten Stück "Münchner Freiheit", einer Satire auf Grundstücksspekulation und Wohnraumzerstörung, war er in der Gegenwart von 1969 angelangt.

Keine Tümelei und Bayern-Nostalgie

Auch bei der Adaption historischer Stoffe für Fernsehfilme vermied Sperr Bayern-Nostalgie und Tümelei. So machte er aus dem legendären "Räuber Kneißl" einen Sozial-Rebellen und erzählte in der Tragikomödie über die betrügerische Privatbankiere "Adele Spitzeder", wie Gier und Dummheit im Geschäftsleben funktionieren.

Martin Sperr starb mit nur 57 Jahren in Landshut

1972 unterbrach ein Unfall die Karriere Sperrs. Er lag lang im Koma, danach war er nicht mehr derselbe. Sein Zustand blieb schwankend und war schon Jahre vor seinem Tod am 6. April 2002 zunehmend gefährdet. Am 14. September 2014 wäre Martin Sperr 70 Jahre alt geworden.


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