Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Wilde Meile Die Leopoldstraße in den 60ern

In ihrer Mischung aus römischem Dolce Vita und Swinging London brach sich in der Leopoldstraße ein Lebensgefühl Bahn, das vehement Abschied von Gestern nahm und den Eindruck eines ständigen Ausnahmezustands erweckte. - Eine Wiederbegegnung mit dem pulsierendsten Jahrzehnt der Geschichte einer ganz besonderen Straße, mit Lokalitäten, Menschen und Klängen von Münchens einstiger "Wilder Meile".

Von: Friedemann Beyer

Stand: 28.11.2015 | Archiv

Gammler sitzen auf dem Bürgersteig vor dem "Picnic", einem beliebten Treffpunkt der Gammler- und Hippieszene in der Leopoldstraße der sechziger Jahre | Bild: picture-alliance/dpa

Kettenläden, Fast-Food-Restaurants und Supermärkte bestimmen heute das Bild der Münchner Leopoldstraße. Die wenigen Eisdielen und ein jährliches Straßenfest können nicht darüber hinweg täuschen, dass der Boulevard seine einstige Anziehungskraft verloren hat.

Die Schwabinger Krawalle

Dies war einmal anders. Im Sommer 1962 machten die auf der Leopoldstraße tobenden Schwabinger Krawalle die Pappelallee bundesweit berühmt. Sie markierten den Aufbruch der Leopoldstraße zu Münchens "Wilder Meile".

Ein Tanzlokal namens "Big Apple"

Schräg gegenüber, wo 1962 die Schwabinger Krawalle begonnen hatten, wird anderthalb Jahre später ein Neubau fertiggestellt. Im Untergeschoss des wuchtigen, zwischen Franz-Josef- und Ainmillerstraße gelegenen Wohn- und Geschäftshauses eröffnet ein Tanzlokal namens "Big Apple": Ein Ableger der gleichnamigen Diskothek in West-Berlin, die dort, in der Nähe des Ku'-Damms, als eine der heißesten Adressen gilt. Zur Eröffnung des Münchner "Big Apple" kommt aus Berlin der 20-jährige Jürgen Herrmann. Herrmann hat eine Lehre als Großhandelskaufmann abgebrochen, jobbt jetzt als Kellner und an der Garderobe des Berliner "Big Apple" - und ist passionierter Tänzer. Als Stammgast des Berliner "Big Apple" soll Herrmann, vom Bruder des Betreibers darum gebeten, Schwung in die Eröffnungsparty der Münchner Dependance bringen.

Jürgen Herrmann, Ex-Moderator bei Bayern 3, im Interview mit Friedemann Beyer (r.)

"Es hatte diesen, ich sagte immer: Bonanza-Look. Es war alles Holz. Sie kamen die große Treppe runter. In der Mitte war die Tanzfläche, darüber eine große Stoffdecke, da war die Tonanlage drunter, dann Holztische, Holzstühle und eine Tribüne. Das war so ein legerer Look, das passte in die Zeit damals."

(Jürgen Herrmann)

Die Eröffnungsparty steigt am 19. Dezember 1963 und dauert drei Nächte. Danach steht für Herrmann fest:

"Da war für mich klar: da geh' ich nicht mehr weg."

(Jürgen Herrmann)

"Wir sind im Spätsommer '62 nach München gekommen, und an was ich mich erinnere: Es war warm, es war südlich, es hatte einen Flair, wie ich es im Leben bisher nie erlebt hatte."

(Johannes Michael, Zeitzeuge)

Improvisierte Freiluftgalerien

Eine nächtliche Stadtrundfahrt über die Leopoldstraße in den 60er Jahren. Nach der streng ausgerichteten Ludwigstraße mit ihrem imperialen Gestus eröffnet sich gleich hinterm Siegestor ein völlig anderes Bild: Auf der Leopoldstraße mit ihren Pappeln und Vorgärten flanieren nach Einbruch der Dunkelheit tausende Schaulustige an improvisierten Freiluftgalerien vorbei.

"Der Boulevard, der war immer voll. (…) Man musste manchmal richtig durchdrängeln. (…) Hier war alle Schwellenangst aufgehoben. Da konnte man mit Künstlern hautnah sein. Da musste man nicht in eine Galerie. (…) Das war ganz spontan: 'Was kostet das? Du Egon, das nehmen wir doch mit, wir haben da doch eine freie Ecke im Wohnzimmer …'"

… sagt Alfred Darda. Er war 1961 zum Studium an der Kunstakademie nach München gekommen und hatte im Leopoldpark für 20 Mark Monatsmiete ein Zimmer in einer Baracke aus Kriegszeiten gemietet. Rasch entdeckt Darda die Leopoldstraße als einen Ort ungeahnter Möglichkeiten: Vor dem "Studio 15", einem viel besuchten Tanzboden am Nordrand des Leopoldparks, spannt er eine Wäscheleine zwischen zwei Pappeln und hängt seine Bilder daran auf …

"Ohne Genehmigung hatte die Stadt das geduldet. Alle stellten ihre Kerzenlichter auf und stellten alles Mögliche aus. (…) Das fing sehr lebendig an, also: ursprünglich!"

Impressionen aus dem München der 60er Jahre

Eine Mischung aus römischem Dolce Vita und Swinging London 

In den 60er Jahren entfaltete sich zwischen Siegestor und Münchner Freiheit ein urbanes Schauspiel, das an Vielfalt und Vitalität seinesgleichen sucht und nie wieder erreicht wurde. Beat-Keller, Cafés, Eisdielen, Gammler- und Flower-Power-Treffs, Freiluftgalerien, hippe Plattenläden und Boutiquen, Würstelbuden, Programm-Kinos: all dies drängte sich auf einer Distanz von gerade mal einem Kilometer, dicht bevölkert von Scharen erlebnishungriger Flaneure, die einander an lauen Sommerabenden das Fortkommen schwer machten. In ihrer Mischung aus römischem Dolce Vita und Swinging London brach sich in der Leopoldstraße ein Lebensgefühl Bahn, das vehement Abschied von Gestern nahm und den Eindruck eines ständigen Ausnahmezustands erweckte.

Eine Wiederbegegnung mit dem pulsierendsten Jahrzehnt der Geschichte einer ganz besonderen Straße, mit Lokalitäten, Menschen und Klängen von Münchens einstiger "Wilder Meile".


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