Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Else und Siegfried Rosenfeld "Ich musste es wagen" - Flucht ins Exil

Von 1939 an lebte die Familie Rosenfeld in zwei Welten: Siegfried kämpfte sich in England durch die Mühen des Exilalltags, erst im Internierungslager auf der Isle of Man, dann als kleiner Buchhalter in Oxford. Else wurde zur Chronistin des Untergangs der jüdischen Gemeinde in München.

Von: Marita Krauss

Stand: 10.11.2013 | Archiv

Peter, Else und Siegfried Rosenfeld | Bild: Hannah Cooper

Für die Eheleute brach damit eine Zeit totaler Ungewissheit und Sorge an, oft dauerte es Monate, bis sie vom anderen wieder eine Nachricht bekamen. Denn seit Kriegsbeginn war der direkte Briefkontakt zwischen England und Deutschland verboten, all ihre Briefe liefen über Verwandte in Lissabon und den USA.

Zeugin der ersten Deportationen von Münchner Juden

Zunächst blieb Else Rosenfeld noch in Icking, doch 1941 wurde sie eingesetzt als Wirtschaftsleiterin des zweiten Münchner Gettos für Juden in Berg am Laim. Hilflos und entsetzt wurde sie Zeugin der ersten Deportationen Münchner Juden, fand sich 1942 schließlich selbst auf der Deportationsliste stehen und nahm Abschied.

Else und Siegfried Rosenfeld

Siegfried: Kein Mitleid mit den Deutschen

"Nach mehr als sieben Monaten Krieg habe ich wenig oder gar kein Mitleid mehr mit Deutschland. Der Mangel des deutschen Volkes an Liebe zu seinem Land entbindet uns, die Ausgestoßenen, vollends davon. Deutschland verdient ein schlimmes Schicksal, das ihm eine Schule sein muß".

Siegfried Rosenfeld, Burcote, Abingdon (England) 14. April 1940

Else im Getto Berg am Laim

Viele Freundlichkeiten in der Öffentlichkeit und noch viel mehr im Geheimen werden uns erwiesen . Und ich glaube, gerade diese Reaktion hat eine neue, sehr unangenehme Verfügung verursacht: Kein Jude darf mehr seinen Wohnsitz (z.B. zu einem kurzen Ausflug am Sonntag!) verlassen, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist verboten.

Else Rosenfeld, Berg a. Laim, Sonntag, den 26. Oktober 1941

Deportation aus München

"Direktor Stahl erklärte uns kurz und sehr ernst - ich fühle noch jetzt mein tiefes Erschrecken-, daß tatsächlich etwa tausend jüdische Menschen aus München Mitte kommender Woche deportiert werden sollten. Die endgültige Auswahl dieser Armen sei noch nicht getroffen worden. Wir saßen zunächst alle wie gelähmt, die Gesichter waren blaß geworden, wieder sah ich auf ihnen den Ausdruck steinernen Entsetzens, der mir in den Novembertagen des Jahres 1938 zum ersten Mal bei unseren Menschen aufgefallen war. Schon am Mittag des kommenden Tages, einem Sonntag, kam ein Bote von der Gemeinde mit dem Deportationsbefehl für jeden einzelnen".

Else Rosenfeld, Berg a. Laim, 16.11.1941

Siegfried Rosenfeld hadert

"Jetzt ist es durch meiner Else Brief vom 31.10. Gewißheit, sie muß bis zum bitteren Ende in Deutschland aushalten! Es ist grauenhaft, was das Schicksal über uns verhängt hat. Eine letzte Hoffnung, daß das Kriegsende einmal so jäh kommt, daß den Mördern Deutschlands keine Zeit ... bleibt. Ich sitze in warmer Stube, arbeite in Freiheit, unter freien und anständigen Menschen, kein Sklaven- und Drangsalleben. Ich gönne mir es nicht, daß ich es so viel besser habe. Wie konnte es nur kommen?! Nicht ohne eigene Schuld. Ich habe zu langsam, erst nach dem Weggang der Kinder, unsere Ausreise vorbereitet, warum nicht vorher und gleichzeitig! Die größte Schuld meines Lebens! Nun ist auch der Kuba-Traum ausgeträumt, sind Elses Worte. Wie viele Tränen hat diese Empfindung in sich! Ich habe Ich habe keinen Trost mehr, ich stehe vor einer Wand."

Siegfried Rosenfeld, Oxford, 1. Dezember 1941

Quälende Ungewissheit über Elses Schicksal

"Noch immer keine neue Nachricht von oder über Else. Soll das Schreckliche inzwischen wirklich geschehen und sie das Los anderer geteilt haben, nach Polen, in die Leere und kalte Öde, in die lebensgefährdenden Lager transportiert zu werden? Es ist ein grausiger Gedanke, der sich in mir immer wieder regt. Dann habe ich den beiden Frauen, denen ich im Leben am nächsten stand, kein Glück gebracht."

Siegfried Rosenfeld, Oxford: 12. Januar 1942

Elses Abschiedsbrief

"Meine liebe, gute Eva, nun ist es so weit, eben bekam ich die Mitteilung, daß ich fort muß. Viele, viele von uns werden zusammen gehen. Näheres über Ziel und Zeit der Abreise ist uns nicht bekannt. Ich bin völlig ruhig und guten Mutes und fest entschlossen durchzuhalten. Ich kann nur sehr wenig mitnehmen. Grüße mir Hanna und Kurt und die Kinder, ich kann ihnen nicht mehr schreiben. Dir, du Liebe, alles, alles Gute, ich weiß, du bist mir immer nah, wo ich auch sein werde, und das bin ich froh! Leb wohl, und sei innig umarmt und gegrüßt! Deine E."

Else Rosenfeld, Berg am Laim, am 29. März 42

Flucht

"Ich spürte eine erstaunliche Gewißheit in mir, daß ich alle etwa auftauchenden Schwierigkeiten überwinden würde. Jetzt war die Abfahrtszeit gekommen, unser Abteil war voll, es hatte sich nirgends ein bekanntes Gesicht gezeigt. Der Mann mit der roten Mütze hob die Signalscheibe, langsam setzte unser Zug sich in Bewegung. Noch war keine Kontrolle gewesen, aber ich wußte, selbst wenn sie kam, würde ich mich ihr gewachsen zeigen."

Else Rosenfeld, Tagebuch

"Schreckliches Tagebuch"

"Nach 5 Monaten Schweigen - nein, ich habe viel berichtet an Dich, Else, in vielen Briefen, die immer häufiger ausgetauscht werden, besonders nach Aufhebung der Postzensur. Und dann kam Dein großes schreckliches Tagebuch von 1939 bis 1944 und ließ mich erst die ganzen furchtbaren Jahre nacherleben, die Du ohne mich zu tragen hattest. Frau Bertholet sagte, Du hättest dem Buch einen ganz anderen Titel gewünscht "Vom andern Deutschland". Aber handelt es nicht von dem fürchterlichen Verbrecher-Deutschland fast auf jeder Seite, in jeder Zeile! Du wolltest das Böse, das Du durch Wunder, meist durch Deine große Stärke des Willens und der Liebe überstanden hast, nicht mehr sehen, Du schauderst, daran zu denken und Du siehst nur das Gute, die guten Menschen, die Dir halfen zu überwinden. Ob Du es willst oder nicht, das Buch ist in erster Reihe Anklage! Um so wichtiger und wahrer, weil kaum ein Wort von Leidenschaft oder Hass sich darin findet.

Siegfried Rosenfeld, 10. Dezember 1945

Rettung in letzter Minute

Else Rosenfeld ist noch einmal davon gekommen, sie wurde noch gebraucht vom Direktor der jüdischen Kultusgemeinde, Karl Stahl. Doch vergessen konnte sie ihre Erfahrungen mit den Deportationen nie, seit Juli 1942 wusste sie, was mit den Deportierten geschehen ist: Sie wurden massenhaft in Gaskammern umgebracht oder erschossen.

Deportation der Münchner Juden

Bayerisches Feuilleton - B | Bayern | Bild: Bayern 2 zum Audio Die Wahrheit über die Deportieren Else Rosenfeld in der BBC

Etliche sind erschossen, die anderen in der Gaskammer ermordet worden. So wäre es auch ihr ergangen. Ihr Zurückbleiben ist ihr kaum erträglich. Nur mit Mühe findet sie ins Leben zurück. [mehr]

Ekel vor der Welt

Während Else Rosenfeld nur langsam wieder zurück ins Leben fand, versuchte ihr Mann sich ziemlich frustriert als Buchhalter - was ihm in der fremden Sprache und in seinem fortgeschrittenen Alter zunehmend schwer fiel - und litt an der "Hitlerkrankheit", dem "Hochkommen des Ekels vor der Welt".

Else Rosenfeld taucht ab

Es war klar, dass Elses Deportation nur aufgeschoben, nicht aufgehoben war. Ihre Freundinnen überredeten sie, unterzutauchen, zu fliehen. Und sie wagte es - ohne gefälschten Ausweis, ganz schutzlos. Sie fuhr nach Berlin, wo sie eine Weile bei ihrer "arisch" verheirateten Schwester untertauchen konnte, und dann, als dem Schwager die Nerven wegen der Gefährdung durch sie durchgingen, bei Hans Kollmorgen, einem Rüstungsfabrikanten, der vielen Illegalen Unterschlupf bot.

Leben im Untergrund

Bayerisches Feuilleton - B | Bayern | Bild: Bayern 2 zum Audio Qualen der Illegalität Else Rosenfeld in der BBC

Die Schrecken des Gettos sind vorüber, nun beginnen die Qualen der Illegalität. Else hat jetzt, anders als in Berg am Laim, Zeit, nachzudenken. Ein Ende des Krieges ist noch nicht absehbar und damit auch kein Ende ihrer Flucht. [mehr]

Flucht in die Schweiz

Schließlich gelangte Else Rosenfeld nach Freiburg, wo Freunde sie mit einer Fluchthelferorganisation bekannt machten, die sie in die neutrale Schweiz bringen sollte. Fast wäre diese riskante Flucht nicht geglückt, denn einer der Menschenschmuggler tauchte nicht wie verabredet auf ...


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