Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Else und Siegfried Rosenfeld "Unerwünscht" - Ausgrenzung einer Familie

In Schönau am Königssee, wo sie früher schöne, unbeschwerte Sommerferien verbracht hatten, ziehen die Rosenfelds in ein Wochenendhäuschen. Die Kinder gehen in die Regelschule und finden neue Freunde, doch bald wird klar, hier am Obersalzberg, im Führerbezirk, haben Juden erst recht nichts zu suchen.

Von: Marita Krauss

Stand: 09.11.2013 | Archiv

Else Rosenfeld in den 20ern mit ihren Kindern Hannah und Peter | Bild: Hannah Cooper

Wegen eines durch und durch nationalsozialistischen Lehrers holten die Rosenfelds ihre Kinder von der Schule und unterrichteten sie zuhause. Doch auch das war nicht genug: Die Gemeinde bat die Familie nachdrücklich, den Ort zu verlassen. Sie zogen nach Bayerisch Gmain, wo es ihnen nicht besser erging, sie wurden von ihrer Vermieterin so gründlich denunziert, dass beide ihre Pässe verloren, Siegfried Rosenfeld wurde vorübergehend verhaftet.

Atempause in Icking

Im August 1934 zog die Familie Rosenfeld nach Icking im Isartal. Auch hier standen zwar Schilder "Juden unerwünscht" und seit 1935 war es Juden verboten, "arische" Hausangestellte zu beschäftigen, aber die Rosenfelds bekamen viel Besuch von Münchner Juden und Freunden. Die älteste Tochter Gustel konnte 1937 nach Argentinien emigrieren, doch für den Rest der Familie sah es schlecht aus mit einem Auslandsvisum.

Else und Siegfried Rosenfeld

Atempause in Icking

"Wir haben das friedlich schöne Leben alle miteinander unendlich genossen. Wir machten Entdeckungsreisen in die nähere und weitere Umgebung, und als mit dem näherkommenden Winter das Wetter sie verbot, versammelte sich die Familie am Nachmittag im Wohnzimmer, und es wurde vorgelesen. Wir hatten ja auch unsere Bücher wieder, und wir konnten sie aus der Staatsbibliothek in München ergänzen. Die ganzen Jahre im Isartal bis zum Frühjahr 1937, als uns die Kinder verließen, erschienen uns nach dem schweren Jahr in Berchtesgaden und Reichenhall wie ein schönes, buntes Märchen, das nur selten kleine Trübungen erfuhr. Viele alte Freunde stellten sich ein und freuten sich mit uns der überwundenen Schwierigkeiten."

Else Rosenfeld. Tagebuch

Angst nach den Novemberpogromen

"Ihr Lieben, Guten, diese Zeilen sind wieder für dich, meine liebste Hanna und ebenso für Dich, liebe gute Eva, bestimmt. Habt ewigen Dank für eure Briefe, Ihr könnt nicht ahnen, was jede Zeile von Euch für mich, für uns, heute bedeutet! Bitte, bitte, schreibt bald wieder an die gleiche Adresse, ich bin weiter in M[ünchen], komme nur übers Wochenende nach Hause. Ich wate buchstäblich in einer Flut von Elend, und nur wenig Hilfe ist möglich! Trotzdem sollt Ihr wissen, dass wir den Mut nicht verlieren, dass wir viel Liebe erfahren, die uns hilft, dass wir fest entschlossen sind, alles Negative an Gedanken und Gefühlen nicht bis zu uns kommen zu lassen, dass wir Euch lieben und segnen und froh sind, um Euch zu wissen und von euch zu hören! Bitte, bitte, schreibt bald wieder! Wir grüßen Euch alle, alle innigst! Die Kinder sind ein ganz großer Trost. Immer Eure Else ."

Else Rosenfeld an Dr. Eva Schmidt und Dr. Hanna Schadenwald.

Vergebliche Hoffnung auf das Exil

"Meine liebe Eva, heut nur in aller Eile einen kurzen Gruß, wir sind in scheußlichen Aufräumungsarbeiten und verkaufen zwischendurch immer ein Stück nach dem anderen von unseren Sachen! Mit unseren Plänen ist nichts weiter gekommen, im Gegenteil, vorläufig von England und U.S.A. für die Kinder immer nur neue Hemmnisse. Unsere letzte und einzige Hoffnung scheint Argentinien bleiben zu sollen. Aber was tun, wenn die auch zunichte wird?! Aber beunruhige Dich nicht, wir lassen es drauf ankommen und halten den Kopf hoch!"
Elsa Rosenfeld an Frau Dr. Eva Schmidt. Isartal, 4.3.1939. Siegfried ergänzt:
"Verehrte liebe Frau Doktor! Für Ihre warmen einfühlenden Worte danke ich Ihnen. Die Kraftquelle, aus der wir schöpfen, ist Freundschaft und unsere Kinder: Sie wird nicht versiegen. Es grüßt Sie herzlich Ihr Rosenfeld."

Allein zurückgeblieben

"Meine liebe, gute Eva, nur kurz heut, damit Du auf dem Laufenden bist. Fritz ist gestern Abend abgereist und ich warte sehr auf seine Nachricht, die mir den guten Verlauf seiner Reise melden soll. - Ich habe ihn sehr schwer dazu bekommen können, ohne mich zu fahren, aber ich bin froh, dass er schließlich eingesehen hat, daß es viel wichtiger ist, einer von uns ist in der Nähe der Kinder. - Ich bleibe vorläufig hier, hoffentlich kann ich ihm bald folgen. Ab Montag arbeite ich wieder ganz regelmäßig in München [in der jüdischen Gemeinde], und das wird das Allerbeste für mich sein."

Elsa Rosenfeld an Isartal, am 26. August 1939

Mit den Pogromen am 9. November 1938 war die relativ ruhige Zeit in Icking vorbei. Die Rosenfelds erlebten diese Tage in München. Es gelang ihnen schließlich, wenigstens auch die beiden jüngeren Kinder in Sicherheit zu bringen: der Sohn Peter und die Tochter Hanna entkamen mit Hilfe der Quäker nach England.

Rettung der Kinder

Bayerisches Feuilleton - B | Bayern | Bild: Bayern 2 zum Audio England: Zuflucht für Juden Else Rosenfeld in der BBC

Nach den Progromen vom 9. und 10. November 1938 war es den meisten Juden klar, dass sie Deutschland verlassen mussten. Doch die Wartelisten waren lang. Die beiden jüngeren Kinder bekamen schließlich ein Visum. Was es heißt, halbwüchsige Kinder allein in ein fremdes Land zu schicken, das erinnert Else Rosenfeld. [mehr]

Zum Glück weiß keiner, was die Zukunft bringt!

Auch Siegfried Rosenfeld erhält im August 1939 ein Visum für England. Else überredet ihn, allein zu fahren. Zum Glück weiß sie nicht im Voraus, wie lange sie nun getrennt von ihrem Mann leben muss. "But a blessed thing is, nobody knows, what the future will bring", sagte sie später in der BBC. Er schreibt in sein Tagebuch, dass er seine Frau allein zurück gelassen habe, sei "die größte Schuld meines Lebens".


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