Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


25

Unter Königstreuen Guglmänner, Patrioten, Monarchisten

Was sind das nur für Menschen, die dem Königtum nachtrauern oder den "Mord an unserem geliebten Kini" aufdecken wollen? Kann, darf, muss man ihre Motive und Beweggründe ernst nehmen? Das "Bayerische Feuilleton" lädt ein zu einer Forschungsreise in die aus der Zeit gefallenen, geheimnisdunklen Sehnsuchtsregionen der bayerischen Seelenlandschaft.

Von: Michael Zametzer

Stand: 17.11.2018 | Archiv

Die Verfassung des Königreiches Bayern von 1818 regelte auch die Trauerfeierlichkeiten für einen verstorbenen Monarchen. Dem Wagen mit dem Sarg sollten 25 "Guglmänner" voranschreiten, dunkle Gestalten in bodenlanger Mönchskutte, gekreuzte Kerzen vor der Brust, die Gugl, eine Kapuze mit Sehschlitzen, über das Gesicht gezogen. So geschah es 1886 bei der Beisetzung von Ludwig II., so geschah es selbst noch nach dem Ende der Monarchie 1921, als Ludwig III. zu Grabe getragen wurde.

Die Guglmänner sind überzeugt, dass Ludwig II. ermordet wurde

Protestaktion der Guglmänner vor dem Kreuz von König Ludwig II. im Starnberger See (1999)

Und es gibt sie noch heute. Sie nennen sich die "Guglmänner SM. König Ludwig II." und sind davon überzeugt, dass Seine Majestät ermordet wurde – mutmaßlich vom preußischen Geheimdienst. Sie selbst bilden einen Geheimbund und verstehen sich als eine Art königlicher Leibgarde über den Tod hinaus. Die Wahrheit über die Umstände dieses Todes wollen sie ans Licht bringen. Dazu bedürfe es nur einer forensischen Untersuchung der sterblichen Überreste Seiner Majestät. Derlei Forderungen finden sich auf der Homepage der Guglmänner im Internet.

Zu besonderen Anlässen, meist am Todestag des Monarchen, treten sie sogar auf spektakuläre Weise öffentlich in Erscheinung. Doch niemand weiß, wer sich unter den Kapuzen verbirgt. Man munkelt, der eine oder andere bayerische Politiker stecke darunter ...

Überzeugter Königstreuer und Initiator der alljährlich stattfindenden Patriotentreffen in Gammelsdorf: der Autor Georg Lohmeier (1926-2015)

"Es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit vor anno '14. In Bayern gleich gar. Damals hat noch seine königliche Hoheit, der Herr Prinzregent regiert, ein kunstsinniger Monarch.

Das Bier war dunkel, und die Menschen typisch – die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren, a bissl vornehm, und a bissl leger.

Es war halt noch vieles in Ordnung. Denn für Ordnung sorgte die Gendarmerie – und für Gerechtigkeit das Königliche Amtsgericht."

(Vorspann zu Georg Lohmeiers Fernsehserie 'Königlich Bayerisches Amtsgericht')

Mehr Glanz! Lieber ein weiser Monarch als korrupte Politiker!

Winterpatriotentreffen des "Verbands der Königstreuen in Bayern" (Gammelsdorf, 20. Januar 2018)

Neben den finsteren Guglmännern nimmt sich der "Verband der Königstreuen in Bayern" vergleichsweise bieder aus. Und dann sind da noch die unzähligen nicht-organiserten Verehrer des "Märchenkönigs" im Freistaat Bayern – einer Republik, die in diesem Jahr die Abschaffung der Monarchie feiert. Für die monarchistisch gesinnten Patrioten im Lande kein Grund zum Feiern. Jährlich treffen sie sich in Gammelsdorf bei Freising, wo sie der Schlacht von 1313 gedenken, in deren Verlauf österreichische Truppen von den Rittern des Wittelsbacher Herzogs Ludwig geschlagen wurden.

Auch gibt es republikmüde Separatisten im Geiste, die sich allen Ernstes die Frage stellen, wie das heute aussehen könnte: ein eigenständiges Königreich Bayern in Gestalt einer parlamentarischen Monarchie. Mehr Glanz! Lieber ein weiser Monarch als korrupte Politiker!

Stefan Jetz

"Wir ziehen zum Schlachtendenkmal, das ist der einzige Umzug, dort wird der Kranz niedergelegt, und dann wird wieder zum Gasthaus zurückgezogen, und dann wird eine Exklamation, eine Brandrede gehalten von mir, über die Patrioten, über manche Zustände, dass wenn man nach Berlin schaut, dass uns das Grauen kommt, dass uns eines Tages vielleicht das Königreich Bayern wieder wie ein reifer Apfel in den Schoß fällt, dass man wieder zurückkehrt zum Königreich Bayern."

(Stefan Jetz, Vorsitzender des 'Verbandes der Königstreuen in Bayern')

Franz Josef Strauß - Bürgerkönig von Bayern

"Die oberste Repräsentationsfigur in Bayern sollte also schon ein König sein, und man merkt das ja auch daran, dass die Bayern das irgendwie ganz tief in ihrer DNA verborgen haben. Es gab ja ein paar Ministerpräsidenten, die als Könige aufgetreten sind, mehr oder weniger, oder sich diesen Status erarbeitet haben, wie der Franz Josef Strauß, oder auch der Edmund Stoiber, von dem man ja sogar behauptet, er könnte übers Wasser wandeln."

(Anonymer Vertreter der 'Guglmänner SM. Ludwig II.')

König Franz Josef Strauß von Bayern (Nockherberg, 1983)

1983 wurde Franz Josef Strauß – anders als alle Wittelsbacher Könige – tatsächlich gekrönt, beim Singspiel auf der Münchner Nockherberg-Bühne. Dass dieser Bürgerkönig Strauß sich damals schon längst in absolutistischer Manier einen Hofstaat um sich aufgebaut und sich relativ skrupellos seiner Macht bedient hat – das war den meisten klar. Aber König ist halt König.

Was halten eigentlich die Wittelsbacher von so viel unverbrüchlicher Treue?

Kann, darf, muss man die Motive und Beweggründe der Königstreuen wirklich ernst nehmen? Beneiden nicht viele Zeitgenossen insgeheim die Engländer, Schweden, Dänen, Norweger, Spanier um ihre Königshäuser? Wollen wir nicht alle mehr Glanz? Und was halten eigentlich die Wittelsbacher von so viel unverbrüchlicher Treue?

"Wir sind keine Engländer. Also ich glaub, dass sich das schon noch auf bestimmte repräsentative Aufgaben bei uns beschränken würde, diese Glorifizierung auch, ich glaube, da sind wir Bayern nicht die Typen. Wie heißt es immer: 'Ned gschimpft is gelobt gnua!' Und ich glaube, da haben wir eine andere Mentalität, ist auch nicht so gewachsen bei uns. Unsere Könige wurden auch nie gekrönt."

(Stefan Jetz, Vorsitzender des 'Verbandes der Königstreuen in Bayern')

Michael Zametzer

"Ehrlich – heute, nach 100 Jahren, nach Revolution, Freistaat, Räterepublik, Faschismus bin ich froh, in einer Republik zu leben. Und nichts anderes heißt ja Freistaat – Republik. Ich finde es beruhigend, keinen Lehnsherrn um Heiratserlaubnis fragen zu müssen, oder wegen Majestätsbeleidigung im Zuchthaus schmoren zu müssen.

Meine Frau muss keinen Knicks machen, wenn sie in der Fußgängerzone einer Wittelsbacher Prinzessin begegnet. Und ich darf mir das Recht herausnehmen, zuzujubeln, wem ich will. Ich bin Republikaner. Und das ist gut so."

(Michael Zametzer)


25