Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Karl Wilhelm Diefenbach "Erkenne, Menschheit, deine Mutter, die Natur"

Karl Wilhelm Diefenbach war Maler und Kulturrebell, Sonnenanbeter und Vegetarier - von seinen Anhängern verehrt, von den meisten seiner Zeitgenossen jedoch verachtet als "Kohlrabiapostel" und weltfremder Spinner. Diefenbach starb am 15. Dezember 1913 auf Capri. Hören Sie zum 100. Todestag des Künstlers und Sozialreformers eine Sendung von Claudia Wagner.

Von: Claudia Wagner

Stand: 14.12.2013 | Archiv

Karl Wilhelm Diefenbach an Starnberger See, 1886 | Bild: Archiv der Spaun-Stiftung, Seewalchen; Claudia Wagner

"Erhebet euch mit kühnem Flügel
Hoch über euern Zeitenlauf!
Fern dämmre schon in eurem Spiegel
Das kommende Jahrhundert auf!"

(Friedrich Schiller)

In einem seiner letzten Briefe, geschrieben 1913, zitiert Karl Wilhelm Diefenbach Schillers Appell an Die Künstler, erinnert an seine ehrgeizigen Ziele und fordert die kämpferische Umsetzung seiner Ideale. Nach dem Anspruch, wegweisend für ein ganzes kommendes Jahrhundert zu wirken, hat er sein Leben lang gehandelt.

Barfuß und in Kutte gekleidet gegen Tiermord und Krieg

Karl Wilhelm Diefenbach in Kutte vor befrackten Herren, um 1900

Maler und Kulturrebell, Pazifist, Symbolist und "Sonnenanbeter": so lässt sich in Schlagworten die bizarre Künstlerpersönlichkeit Karl Wilhelm Diefenbachs charakterisieren. Barfuß und in Kutte gekleidet macht er Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur in München von sich reden. Vor dem Münchner Hofbräuhaus wettert er "gegen den Verzehr von Tierfetzen", sieht im "Tiermord" die Ursache für den "menschenmordenden Krieg", propagiert Licht-Luft-Bäder des nackten Körpers und muss sich nicht zuletzt aufgrund deren praktischer Umsetzung wegen "groben Unfugs" im Rahmen des ersten "Nudistenprozesses" der deutschen Geschichte verteidigen.

Endstation Capri

Seine Suche nach neuen Wegen führt ihn aus dem Schwabinger "Wahnmoching" ins einsame Isartal, von dort nach Wien, Kairo, Triest und schließlich auf die von Bohemiens und Künstlern besuchte und besiedelte Mittelmeerinsel Capri, wo er 1913 stirbt und in Vergessenheit gerät.

Sein Tod war wie sein Leben - ein Sturm

Am 15. Dezember 1913 starb Diefenbach in der "Casa Grande" auf Capri. Einer der anwesenden Freunde notierte:

"Ja, was haben wir verloren! Und wäre unser Freund wenigstens dahingegangen, wie ein schöner Sonnenuntergang; aber ach, sein Tod war, wie sein Leben, ein Sturm: unter plötzlich auftretenden, gewaltigen Schmerzen."

Diefenbachs Thesen sind heute aktueller denn je

Karl Wilhelm Diefenbach im Kreise der Landkommune des Himmelhofs in Ober-St.-Veit bei Wien, 1898

Heute jedoch ist der damals zum "Kohlrabiapostel" und weltfremden Spinner degradierte Kulturrebell zu rehabilitieren. Sein früher Feldzug für ein Leben im Einklang mit der Natur, für Mäßigung und eine friedliche Religion der "Menschlichkeit" erscheint mit Blick auf die ökologischen, ökonomischen und politischen Probleme unserer Zeit erstaunlich aktuell. Seine Konflikte zwischen der dogmatischen Moral der prüden Gründerzeit und dem reformerischen Kampf des freien Individuums sind gleichzeitig typisch für den revolutionären Aufbruch um 1900.


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