Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Anarchie im Kabarett Warum Jörg Hube ein Querdenker war

Jörg Hube war ein Ereignis, eine Wucht, ein Mann der Gegensätze. Empfindsam und rebellisch. Verletzend und verletzbar. Polternd und leise. Ein Herzkasperl mit schmerzhaft scherzhafter Pritsche. Eine Collage zum 10. Todestag.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 15.06.2019 | Archiv

„Lieber ein Spatz in der Freiheit als ein Pfau im Zoo“; mit diesem Zitat bilanzierte Jörg Hube sein Leben: unangepasst, unkonventionell, ein bayerischer Don Quijote in rostiger Rüstung, ein Revoluzzer, wenn es gegen sich festgefressene Strukturen ging. Ein Eigenbrötler und Einzelkämpfer, der sein Leben lang mit Konventionen im Konflikt stand. Schulzeugnisse beschreiben ihn als jähzornig, als einen, der sich weder in eine Klassengemeinschaft einordnen, noch Vorschriften unterordnen kann. Vor allem, wenn sie ihm „unsinnig“ erschienen, konnte er explodieren.

Er war Anarchist, ein Dickschädel, ein Sturkopf, eine „Tretmine“, wie ihn sein Kollege Werner Schneyder einmal nannte.  Ein Zweifler, ein Moralist, hoch empfindsam, zurückhaltend und polternd zugleich.

Jörg Hube (1988)

"Eigentlich muss ich sagen, fühle ich mich immer als ein Außenseiter und als ein Fremder, aber natürlich, grade weil man Außenseiter ist, versucht man, sich anzupassen.

Das ist vielleicht so das Phänomen, dass man dem jüdischen Volk auch attestiert, dass sie gezwungen sind, sich anzupassen, damit nicht attackiert werden.

Und ich glaube, das ist ein frühkindliches Symptom, dass man irgendwie nicht so hinein gepasst hat in die allgemeine Erziehungsebene und dass man immer wieder Anstoß erregt hat, und daher lernt man, gewissermaßen emotional und intellektuell, sich sehr opportunistisch zu verhalten, um nicht angegriffen zu werden, obwohl man sich immer in gewisser Weise fremd fühlt. Sowohl in der Heimat und in der Welt sowieso.

Natürlich schau ich in die Welt hinaus, aber ich sag immer, mir ist in Bayern schon alles so fremd, warum soll ich nach China reisen. Für mich sind die Bayern auch nicht fremder als die Chinesen."

(Jörg Hube)

Umfangreicher Nachlass

Sein umfangreicher Nachlass, eine unendliche Fundgrube aus Zetteln, unzähligen Briefen, Schulaufsätzen, Kinderzeichnungen, Kritzeleien,  Manuskripten, Bildern, Notizen über Auseinandersetzungen mit der „Obrigkeit“, den Hierarchien im künstlerischen Bereich und im praktischen Leben, belegt all diese Eigenschaften. Am pointiertesten aber zeigt sich das in seinen fünf Herzkasperl-Programmen, die immer etwas mit seiner Biografie zu tun hatten. Sie waren Nabelschau, hier konnte er sich an sich selber abarbeiten.

Die vielen Gesichter des Jörg Hube

Immer mit ganzem Herzen bei der Sache

Auf der Kabarettbühne konnte er sich als Künstler und Mensch hinterfragen. Manchmal so exzessiv, dass es einem, der ihn kannte, fast peinlich werden konnte. Wenn er etwas angenommen hatte, eine Rolle, einen Sprechertext, dann floss dabei Herzblut und nicht zu wenig. Immer full power, immer mit ganzem Herzen. Dass dabei oft die Fetzen flogen, ist ganz selbstverständlich.

Jörg Hube, der Schauspieler, der Kabarettist, der Regisseur und Schauspiel-Lehrer: eine Collage aus Selbstzeugnissen und Erinnerungen von künstlerischen Wegbegleitern und Freunden. Wiederholung aus dem Jahr 2012 anlässlich von Jörg Hubes 10. Todestag am 19. Juni 2019.

Buchtipp: "Herzkasperls Biograffl"

"Jörg Hube - Herzkasperls Biograffl"

  • "Jörg Hube - Herzkasperls Biograffl: Ein Künstlerleben"
  • Autorin: Eva Demmelhuber
  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
  • Verlag: Langen/Müller (2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 378443276X
  • ISBN-13: 978-3784432762

CD-Tipp: "Herzkasperl" [Doppel-CD]

"Herzkasperl" [Doppel-CD]

  • Audio CD (2010)
  • Anzahl Disks/Tonträger: 2
  • Format: Doppel-CD
  • Label: Trikont (Indigo)
  • ASIN: B00447KHVW


Auf diesen zwei CDs sind erstmals ausgewählte und autorisierte Szenen und Lieder aus den fünf "Herzkasperl"-Programmen von 1975 bis 2003 zu hören, die vom Bayerischen Rundfunk seinerzeit mitgeschnitten wurden. Außerdem Ausschnitte aus seinem letzten großen Hörfunkinterview, das Sigrid Menzinger im April 2009 mit Jörg Hube in München geführt hat.

DVD-Tipp: "Löwengrube - Die Grandauers und ihre Zeit"

Darsteller: Jörg Hube, Georg Einerdinger, Sandra White, Alexander Duda, Christine Neubauer
Regisseur(e): Rainer Wolffhardt
Komponist: Walter Traub
Künstler: Roswitha Frankenhauser, Willy Purucker, Carl-Friedrich Koschnick, Manfred Rühmer, Walter Deml
Format: Dolby, PAL
Sprache: German (Dolby Digital 2.0)
Region: Region 2
Bildseitenformat: 4:3 - 1.33:1
Anzahl Disks: 8


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