Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Die wahren Boandlkramer Der Tod, das muss ein Bayer sein

Die Wiener behaupten zwar, er müsse einer der Ihren sein. Wer jedoch die "G'schicht vom Brandner Kasper" kennt, der weiß, dass er genauso gut in Bayern heimisch ist - er, der Boandlkramer. Im wirklichen Leben nennt man ihn und seine irdischen Handlanger Totengräber, Grabmacher oder Bestatter. Ulrich Zwack hat sich mit Vergangenheit und Gegenwart dieses Berufsstandes beschäftigt.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 02.11.2014 | Archiv

Totengräber bei der Arbeit | Bild: picture-alliance/dpa

"Der Tod ist tot", überschrieb eine Münchner Tageszeitung die Nachricht vom Ableben des Schauspielers Toni Berger, der auf der Bühne des Residenztheaters im "Brandner Kaspar" unzählige Male den "Boandlkramer" gespielt hatte. Eines Tages sucht er jeden heim, der Boandlkramer, ganz wie es dem Betreffenden "aufgesetzet" ist. Und wenn dann kein Kirschgeist im Haus ist, tritt alsbald ein Vertreter jenes Berufsstandes in Aktion, der in Bayern - wie anderswo auch - von einem ganz besonderen Nimbus umgeben ist: der Totengräber.

Der Brandner Kasper, der Boandlkramer und der "Kersch'ngeist"

Alexander Duda als Brandner Kaspar (l.) und Maximilian Brückner (r.) als Boandlkramer (2005)

Jetzt sitzt (der Brandner Kasper) amal dahoam und über dem klopft’s an der Thür. Denkt er, wer muaß denn da draußt sei', denn des A'klopfa is bei’n ihn nit Brauch g'west, und ruft nacha: "No' eina!" Jetzt kimmt da an elendiger Loda 'rei, zaundürr, daß er g'rad' klappert hat und bloach und hohlauget, an' abscheuligen Kerl.

Der Kasper sagt: "Was geit's, was willst?"
Na' der ander':
"Kasper, i bi' der Boanlkramer und ho Di' frag'n woll'n, ob D'nit ebba mit mir geh' willst?"
"So? der Boanlkramer bist, na' Bruader, i' mag nit mitgeh', g'fallt ma' no' ganz guat auf der Welt."

So wird der Boanlkramer in Franz von Kobells berühmter Geschichte vo’n Brandner Kasper dem Leser vorgestellt. Im bayerischen Volksbewusstsein ist der Tod nämlich kein stolzer Gevatter oder Schnitter, sondern ein heruntergekommener G'sell. Eine Art armseliger Fuhrknecht zwischen Erde und Himmel. Entsprechend springt man auch mit ihm um. Der Brandner Kasper z.B. füllt den Boanlkramer mit Kersch'ngeist ab, bis er einen mordstrumm Rausch hat, und bescheißt ihn dann beim Kartenspielen, um zehn weitere Lebensjahre zu gewinnen.

Ist der Tod ein Meister aus Bayern?

"Rauchend, singend und pfeifend pflegte er die Schaufel zu schwingen", schreibt Josef Ruederer in seiner Erzählung "Der Totengräber" über den unheimlichen Meister Friedl, der in seiner Wohnung ein Skelett mit Zylinder auf dem Schädel beherbergt. Ist der Tod ein Meister aus Bayern? - Was sind das nur für Menschen, die anderen eine Grube graben, um sie fachmännisch unter die Erde zu bringen? Abgebrühte Nihilisten, die längst mit allem abgeschlossen haben? Abgeklärte Philosophen der Tat, die über die letzten Dinge Bescheid wissen? Oder mitfühlende Zeitgenossen, die ihren Mitmenschen einen letzten Liebesdienst erweisen wollen?

Der Tod gehört zum Leben

Der Boandlkramer im ursprünglichen Sinn

"In der heutigen Zeit, der schnelllebigen modernen Welt, verdrängen viele Leute das Thema Tod. Unsere Vorfahren haben dies als völlig natürlich angesehen, dass zum Leben auch der Tod gehört; und sind mit dieser Thematik, so meine ich, auch natürlicher umgegangen. Die Aufgabe, die ihr alle ausübt, Bestatter und damit auch Totengräber und Leichenfrau, sind sehr wichtig. Es ist ein Teil unserer Kultur, dass unsere Verstorbenen würdig beerdigt werden."
(Aus einer Rede beim Totengräbertreffen in Rettenbach)

Bis ins 18. Jahrhundert hinein zählte ihr Metier zu den "unehrenhaften Berufen". Oft wurde das Amt über Generationen hinweg vererbt. Die Totengräber unserer Tage sind bemüht, ihr eher düsteres Image aufzuhellen. Im unterfränkischen Münnerstadt findet sich ein modernes Ausbildungszentrum für "Bestattungsfachkräfte" nebst angeschlossenem Lehrfriedhof. Ist der Totengräber der alten Schule bald ausgestorben, wird er vom "Funeral Master", "Sepulkraltechniker" oder "Trauermanager" abgelöst? Einstweilen sind, vor allem auf dem Land, noch immer die althergebrachten Begräbniszeremonien lebendig. Von Herbert Achternbusch stammt allerdings der denkwürdige Satz: "In Bayern möchte' ich nicht einmal begraben sein."

"Du weißt nicht mehr wie Blumen duften,
kennst nur die Arbeit und das Schuften
So geh’n sie hin, die schönen Jahre,
auf einmal liegst Du auf der Bahre.
Und hinter Dir, da grinst der Tod
kaputt gerackert - Vollidiot!"

(Werner Pausch)


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