Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Es geschah in der Villa Stuck Geschichte der Tochter der Sünde

"Der Wächter des Paradieses" war Franz Stucks erstes großes Ölbild und markierte wie ein Paukenschlag den Beginn seines öffentlichen Auftretens. Auf diesem Bild porträtierte sich der Maler selbst als Schutzengel vor dem Eingang zu einer Welt aus feurigem Licht. Man konnte nur unter seiner Führung in diese Welt hineingelangen - oder überhaupt etwas von ihrer Existenz wissen. Seine Münchner Zeitgenossen waren sich dessen vollkommen bewusst und feierten seinen 50. Geburtstag mit einem feierlichen Fackelzug zu seiner Villa ...

Von: Ulrike Voswinckel

Stand: 23.02.2013 | Archiv

Maria Franziska von Stuck auf dem Bild "Mary als Griechin" | Bild: picture-alliance/dpa

Ein Müllersohn aus Tettenweis wird zum geadelten Ritter der Kunststadt München, doch was sich so märchenhaft anhört und es zeitweise auch war, hatte Verwicklungen, die Qual der Wahl, Versuchungen und Prüfungen parat. Und für das einzige Kind des Malerfürsten Franz Stuck - seine „Prinzessin“ - viel Leid, Einsamkeit und Anfälle von Wahnsinn.

Die drei Marias im Leben des Franz von Stuck

Drei Frauen spielen im Leben des Künstlers die entscheidenden Rollen: die bildschöne Anna Maria Brandmaier aus Bayerdilling, Stucks Jugendliebe, eines der Modelle für Stucks berühmtestes Bild „Die Sünde“ – sie ist die Mutter der Prinzessin, der Tochter Maria Franziska. Aber Königin wird eine andere; Stuck heiratet die reiche und ebenfalls sehr schöne Mary Lindpaintner, die ihm den Weg in die Münchner Gesellschaft ebnet, und malt gleichzeitig Bilder, in denen er zwischen zwei Frauen hin und her gerissen ist. Die dritte und wichtigste Frau wird schließlich seine Tochter. Alle drei Frauen tragen den Namen Maria – die Tochter Maria Franziska wird nach der amerikanischen Ehefrau in Mary umbenannt: zweimal Mary Stuck.

Salomes Tanz der Sieben Schleier und die "Sünde" von Stuck

Nicht nur Anna Maria Brandmaier stand Modell für "Die Sünde"

Die Femme fatale, die noch um die letzte Jahrhundertwende mehr als alle anderen gefährlichen Frauen die Männerphantasien in Angstlust versetzte, war Salome. Salome, die vor dem König Herodes so tanzt, dass er ihr zu geben bereit ist, was immer sie fordert. Sie will den Kopf des Johannes auf einem Silbertablett präsentiert haben und bekommt ihn auch. Der Maler Gustave Moreau war besessen davon und machte mehr als hundert Bilder von ihr, auf die sich der symbolistische Dichter Joris Karl Huysmans beruft, wenn er Salome "die symbolische Gottheit der unzerstörbaren Wollust, die Göttin der unsterblichen Hysterie, die verfluchte Schönheit" nennt.

In München nahm das Salome-Fieber eine neue Form an, als Oscar Wildes Einakter hier 1903 zuerst aufgeführt wurde und 5 Jahre lang auf dem Programm blieb, gespielt von Lili Marberg, die von verschiedenen Malern in dieser Rolle gemalt wurde. Ob sie auch Stucks Vorbild war, ist nicht eindeutig festzustellen - vom Typ her könnte es jede seiner dunklen, verführerischen Frauen sein.

Maria Franziska - die "geraubte Prinzessin"

Ein Selbstporträt des Künstlers Franz von Stuck

Mary Lindpaintner, die keine Kinder von Stuck bekam, setzte alles daran, seine uneheliche Tochter ins Haus zu holen, da sie um ihre Ehe fürchtete. Nach einem aufwändigen Prozess gelang es Stuck mit Hilfe des Prinzregenten, die Tochter gegen den Willen der leiblichen Mutter Anna Maria zu adoptieren. Die kleine Mary liebte ihren Vater abgöttisch, der damals im Zenith seines Ruhmes stand.

Ulrike Voswinckel verfolgt den Lebensweg der „geraubten Prinzessin“, die bis zu ihrem Lebensende 1961 die Stuck-Villa als ihr Vermächtnis betrachtet hat.


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