Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Dinge wieder heil machen Eine Re-Parabel

Rund 100 000 Jahre lang verstand sich der Mensch darauf, schadhafte Gebrauchsgegenstände wieder zu reparieren. Aber heute? Weg damit und Neugerät kaufen! Angesichts wachsender Kosten und schrumpfender Ressourcen stellt sich die Frage: Muss, ja darf das so weitergehen?

Von: Ulrich Zwack

Stand: 08.08.2015 | Archiv

Reparatur eines Elektrogeräts | Bild: picture-alliance/dpa

Viele Geräte versagen kurz nach Ablauf der Gewährleistungspflicht

Reparieren? War einmal. Selbst in der Autoreparaturwerkstatt kann man defekte Teile nur noch austauschen. Dabei verstand sich der Mensch seit tausenden von Jahren nicht nur auf die Kunst des Austauschs, sondern auch auf die des wieder Herrichtens. Aber heute? Computer, Kaffeemaschine oder Eierkocher defekt? Ab damit zum Wertstoffhof und Neugerät kaufen. Naht aufgegangen, Knopf abgefallen? Ab in die Tonne mit den zerschlissenen Klamotten und neues Kleid oder Hemd kaufen. Stuhl aus dem Leim gegangen? Ab damit zum Sperrmüll. Freilich sorgt auch die Industrie durch Spezialschrauben, Nieten oder unlösbare Kunststoffverklebungen dafür, dass sich Otto Normalverbraucher oft gar nicht mehr ans Innere des jeweiligen Gerätes wagt. Gleichzeitig  gibt es kaum noch ortsansässige Reparaturfachleute. Wenn etwas kaputt ist, muss es oft an den Hersteller geschickt werden. Und dort weilt das defekte Teil dann erst einmal ein paar Wochen, ehe man erfährt, dass sich eine Reparatur nicht mehr rentiert, weil ein Neugerät billiger kommt. Darüber hinaus kommt immer wieder der Verdacht auf, dass manche Dinge nicht ganz zufällig just nach Ablauf der Gewährleistungspflicht kaputtgehen.

Wenn die Glühbirne zu früh durchbrennt

Die Rückkehr zur "Kultur der Reparatur"

Prof. Wolfgang Heckl

Angesichts schrumpfender Ressourcen ist dieses System der helle Wahnsinn. Deshalb macht sich Prof. Wolfgang Heckl, der Generaldirektor des Deutschen Museums, in einem höchst lesenswerten Buch für die Rückkehr zur "Kultur der Reparatur" stark. Und in den meisten Großstädten kann man heute in Selbsthilfeeinrichtungen wie den sogenannten Repair-Cafés mit kaputten Gegenständen aller Art aufkreuzen. Denn es kann zwar nicht jeder selber nähen, nieten, sägen oder löten. Aber mit vereinten Kräften schafft man es in der Regel allemal.

"Was ist so schön am Reparieren? Da gibt's eine ganze Menge Gründe. Es ist eine sinnvolle Beschäftigung, für jedes Kind schon. Weil durch das Reparieren, ich sag mal, auch durch das Zerlegen oder durch das Basteln ein Einblick in die Funktionalität von Dingen möglich wird. Wenn man nämlich was zerlegt hat, festgestellt hat, warum geht was nicht, warum funktioniert was nicht. Selbst wenn man's gar nicht reparieren kann, kommt man durch diese manuelle, aber auch geistige Tätigkeit auf die Idee 'da könnt ich vielleicht was besser machen, was anders machen'. Es kommen mir Ideen, wie ich in meinem eigenen Umfeld vielleicht die eine oder andere Kleinigkeit verbessern, erfinden könnte."

(Prof. Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums in München)

Reparieren-Können macht viel Freude

Ulrich Zwack hat sich in der aktuellen Reparatur-Szene umgesehen und festgestellt, dass dort nicht nur Gegenstände aller Art wieder heil gemacht werden können, sondern im Idealfall auch die Seele. Denn Reparieren-Können hebt das Selbstvertrauen und macht viel Freude. Mehr Kultur geht kaum …

Geplanter Verschleiß

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Buchtipp: "Die Kultur der Reparatur"

  • Autor: Wolfgang M. Heckl
  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (26. August 2013)
  • ISBN-10: 3446436782
  • ISBN-13: 978-3446436787

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