Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Abgesang Karl Gensberger und die Comedian Harmonists

Im März des Jahres 1934 gaben die Comedian Harmonists ihr letztes Konzert in München. Dass es überhaupt zu diesem Auftritt kam, hatten sie vor allem der "Bayerischen Konzertdirektion Gensberger" zu verdanken. Ein knappes Jahr später, am 22. Februar vor 80 Jahren, wurde das wegen seiner jüdischen Mitglieder von der NS-Propaganda schon lange geächtete Vokalensemble per Beschluss der Reichsmusikkammer endgültig verboten. Die freundschaftliche Beziehung zwischen dem Sänger Robert Biberti und den Gensbergers überdauerte jedoch den Krieg und das NS-Regime.

Von: Tom Fleckenstein

Stand: 21.02.2015 | Archiv

Die Comedian Harmonists sind bis heute das berühmteste Vokalensemble der Welt. Im Frühjahr 1934 planen sie eine Tour durch ganz Bayern. Die Nazis sabotieren die Gruppe, in der drei jüdische Musiker singen. Doch die Bayerische Konzertdirektion Gensberger kämpft für die Auftritte. Mit Erfolg. Am 13. März 1934 findet in der Münchner Tonhalle das legendäre letzte Konzert des Sextetts in Bayern statt.

Johanna Gensbergers Idee einer Konzertdirektion nahm Gestalt an

Der Verlagskaufmann Karl Gensberger verlor in der Wirtschaftskrise sein gesamtes Vermögen. Doch dann hatte seine Frau Johanna, die leidenschaftlich gern Klavier spielte, die Idee, eine Konzertdirektion zu gründen. Zunächst organisierten sie die Auftritte der Regensburger Domspatzen. Dann nahmen sie die Comedian Harmonists unter Vertrag. Auch Jazzgrößen wie Oscar Peterson und Louis  Armstrong zählten später zu ihren Kunden.

Barbara Ackl erzählt über ihre Großeltern:

Gensberger-Enkelin Barbara Ackl

"Die waren beide kaufmännisch vorbelastet. Sie waren auch musikalisch, mein Großvater hat sehr gut Zither gespielt. Meine Großmutter hat auch Klavier gespielt. Und es kam dem Charakter meiner Großmutter entgegen, dass sie immer etwas organisieren wollte. Immer Kontakt mit Menschen brauchte. Da kam meiner Großmutter die Idee, dass man sich selbstständig macht und Künstler begleitet auf Tourneen."

Gensbergers und Comedian Harmonists - auch privat Freunde

Robert Biberti, Bassist der Comedian Harmonists

Aus der beruflichen Verbindung zwischen den Comedian Harmonists und ihren bayerischen Konzertagenten entwickelt sich eine Freundschaft. Karl und Johanna Gensberger schicken an Weihnachten als kleines Dankeschön einen Kasten Augustiner Fasten-Starkbier nach Berlin. Auch im Krieg halten sie Kontakt und senden Essenspakete. Dann muss die Konzertdirektion die Arbeit einstellen, weil die Konzertsäle ausgebombt sind. Die Gensbergers ziehen vom Münchner Marienplatz raus aufs Land, wo sie die ausgehungerte Frau von Bassist Robert Biberti aufnehmen und hochpäppeln. Biberti selbst tauscht seinen Volksempfänger gegen Speck ein. Über 30 Jahre lang bleiben die Gensbergers und die Bibertis einander freundschaftlich verbunden. Autor Tom Fleckenstein hat bei seinen Recherchen ihren Briefwechsel entdeckt. Ein Dokument der Zeitgeschichte.

Nach München traten die Comedian Harmonists in Augsburg auf ...

Zeitzeugin Marianne Schwaiger

160 Seiten Korrespondenz hält Barbara Ackl - die Enkelin von Johanna und Karl Gensberger - in Händen, fein säuberlich abgeheftet in einem Ordner. Aus der geschäftlichen Beziehung zwischen ihren Großeltern und Robert Biberti sollte sich eine tiefe Freundschaft entwickeln. Einen Tag nach München traten die Comedian Harmonists in Augsburg auf. Marianne Schwaiger ist heute 98 Jahre alt. Sie war damals im Publikum ...

"Ich war im Jahr '33 oder '34, das weiß ich nicht mehr genau, war ich auf einem Konzert der Comedian Harmonists als junges Mädchen und begeistert natürlich. Das war eine ganz neue Form, was die gebracht haben. Und die Lieder waren wunderschön, gingen ins Ohr: 'Wochenend und Sonnenschein' hat man eigentlich am meisten gehört im Radio."

(Marianne Schwaiger)

Als 16jährige Stenotypistin konnte Marianne Schwaiger gerade noch einen Stehplatz ergattern. Für eine Reichsmark, das wären heute 4 Euro. Die Musik der Comedian Harmonists bringt Farbe in den Alltag ...

"Dieses Lied: 'Ich hab für Dich 'nen Blumentopf bestellt', das haben wir gesungen, fünf Mädchen! Wie das geklungen hat, das weiß ich nicht mehr. Das war der Abschluss von einem Tanzkurs in St. Stephan in Augsburg und wir traten auf bei diesem Abschlussabend mit einem Blumentopf in der Hand, weißer Bluse und schwarzer Hose. Ob wir Zylinder aufgehabt haben, das weiß ich nicht mehr."

(Marianne Schwaiger)

Literaturhinweis:

In der Staatsbibliothek zu Berlin ist der Briefwechsel zwischen Robert Biberti und der bayerischen Konzertdirektion Gensberger archiviert. - Hier befindet sich der Nachlass des Comedian-Harmonists-Sängers.

Staatsbibliothek Berlin
Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv
Dorotheenstraße 27
10117 Berlin (Mitte)
Tel.: +49 30 266-435201


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