Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Christian Stückl Der passionierte Theaterberserker

Viola Schenz hat den passionierten Theaterregisseur Christian Stückl bei seiner Arbeit und durch Oberammergau begleitet, mit Weggefährten, Widersachern, Bewunderern, Schauspielern und Politikern gesprochen.

Von: Viola Schenz

Stand: 04.11.2017 | Archiv

"I mach auf der einen Seiten meinen Job total gern, i hab auch immer gewusst, dass i Regisseur werden will. Des is für mi a innerer Motor, des Ganze in Bewegung zu halten. Manchmal geht mir des aber auch selbst auf die Nerven, und manchmal denk ich mir, ich kompensier damit Dinge im Leben, die zu kurz gekommen sind; ich halte des Ganze in Bewegung, damit ich andere Sachen nicht aufkemma lass. Wenn ich zurückdrehen könnte, anders machen … das Private kommt bei mir schon zu kurz. Ich fühl mi a net unwohl … aber manchmal würd ich den Pendel gern anhalten."

(Christian Stückl)

Er ist der bekannteste zeitgenössische Oberammergauer, das Gesicht des Ortes, der jüngste und talentierteste Passionsspielleiter, den das kleine Alpendorf  je hervorgebracht hat.

"Wir werden als Ort wahrgenommen über die Passionsspiele, und wir werden auch über'n Christian wahrgenommen. Salzburg, Jedermann, Zürich … der Weg dahin ist unbequem, der ist fordernd für die Bevölkerung, fordernd für mich, fordernd für seine Mitstreiter. Er gibt halt auch immer Gas, er hat 'nen hohen Anspruch an sich selbst, er ist mit Haut und Haaren und mit jeder Faser immer dabei, und zieht da auch alle mit."

(Arno Nunn, Bürgermeister von Oberammergau)

Er interessierte sich von klein auf fürs Theaterspielen

Wie es sich für einen gebürtigen Oberammergauer gehört, lernte der Gastwirtsohn Christian Stückl erst mal Holzbildhauer. Aber wie es sich für einen Oberammergauer ebenfalls gehört, hat er sich von klein auf fürs Theaterspielen interessiert, zog schon als Bub lieber als Nikolaus verkleidet von Haus zu Haus statt Hausaufgaben zu machen.

Ein konservativer Rebell

Christian Stückl

Begeisterter Theatermacher ist er bis heute, mit Verve stürzt er sich auf jedes Projekt. Meriten hat er etliche gesammelt: Regisseur an den Münchner Kammerspielen, Regisseur des "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen oder bei der Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft in München, Gründer des "Heimatsound Festivals" in seinem Heimatort, Intendant des Münchner Volkstheaters– und natürlich vor allem: seit 1990 Leiter der Passionsspiele. Als solcher besitzt er den Ruf eines konservativen Rebellen: Stückl hat die Spiele im Lauf der Jahrzehnte grundreformiert, sie von antisemitischen Altlasten befreit, damit aber dem Dorf einiges zugemutet. Die meisten Oberammergauer wissen, was sie ihm zu verdanken haben, manche verbindet mit ihm eine Hassliebe. Es gab Zeiten, da wurde Stückl die Haustür zugemauert und mit Schmähsprüchen besprüht; aber jeder Oberammergauer weiß um seine Fangemeinde "da draußen" - und dass der Ort ohne ihn nicht kann.

Als Intendant schenkt er auch mal Bier aus

Nicht alles, was Stückl auf die Bühne stellt, findet bei Publikum und Kritikern Applaus. Gemocht wird er dennoch - weil er sich nicht verstellt und immer sagt, was er denkt; weil er viel wagt; weil er sich für nichts zu schade ist und selbst als Intendant Karten abreißt und in den Pausen Bier ausschenkt.


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