Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Welt im Umbruch Bayern vor 500 Jahren

Gerald Huber beschreibt in seinem Beitrag zum Gedenkjahr "500 Jahre Reformation" die fundamentalen kulturgeschichtlichen Umbrüche jener Wendezeit und das Lebensgefühl der Menschen in Bayern auf dem Weg in die Neuzeit.

Von: Gerald Huber

Stand: 05.11.2016 | Archiv

Kaum jemals hatte sich die Welt in vergleichsweise kurzer Zeit so gewaltig verändert wie innerhalb dieses einen Jahrhunderts von 1450 bis 1550. Wie mit einem Katapult fühlten sich die Menschen des ausgehenden Mittelalters in eine neue Zeit, die Neuzeit geschleudert. Seither sind zehn mal fünfzig Jahre vergangen. Eigentlich keine lange Zeit. Und die großen Revolutionsschübe sind seit damals in immer kürzeren Abständen gekommen. Auch heute wieder spüren die Menschen, dass sie in ein neues Zeitalters geworfen worden sind. Und sie fühlen die Seelenverwandtschaft mit den Menschen, die um das Jahr 1500 lebten, als die Welt im Umbruch war.

Aventins Bayerische Chronik

Johannes Aventinus (1477-1534)

Weltuntergangsstimmung vermerkte Aventinus, der Vater der bayerischen Geschichtsschreibung, in seiner "Bairischen Chronik" für das Jahr 1453. So wie bei Aventin mit dem Kometen, dem Fall Konstantinopels und der Krankheit des Weizens Ereignisse kosmischen, weltgeschichtlichen und regionalen Ausmaßes ineinander spielen, wurden sie tatsächlich von den Menschen vor rund 500 Jahren wahrgenommen. Die Bayern erlebten eine gigantische Umbruchssituation in allen Bereichen ihres Lebens: Seit 1450 revolutionierte die neu erfundene Buchdruckerei die globale Kommunikation. Ohne diese neue Kunst ist der weltweite Erfolg der Entdeckung Amerikas 1492 genauso wenig denkbar wie die Reformation Luthers seit 1517.

Eine unglaubliche Blüte von Kunst und Kultur

Die bayerischen Herzöge rivalisieren mit dem österreichisch-habsburgischen Kaiserhaus, versuchen, selbst auf den römisch-deutschen Thron zu kommen. Trotz all dieser Verwerfungen erlebt das Land eine unglaubliche kulturelle Blütezeit. 1472 wird die erste Bayerische Landesuniversität gegründet. Neben den Wissenschaften blühen auch die schönen Künste: Malerei, Bildhauerei, Musik, Literatur. In jeder dieser Gattungen hat Bayern außerordentliches vorzuweisen. Männer, die es wagen, mit der alten überkommenen Vorstellungswelt des Mittelalters zu brechen und sich aufmachen in eine neue Zeit, die Neuzeit.

Albrecht Dürer, der seine Werke als einer der ersten hierzulande selbstbewusst mit seinen Initialen zeichnet, Lucas Cranach, die Holbeins und Albrecht Altdorfer, dazu die Bildhauer Tilman Riemenschneider, Veit Stoß, Hans Leinberger; Heinrich Isaac, Heinrich Finck und Ludwig Senfl wirken als Komponisten. Die Literatur vertreten auf die unterschiedlichste Art der Abt Angelus Rumpler aus dem niederbayerischen Vornbach, der in geschliffenstem Humanistenlatein die Geschichte des großen Erbfolgekrieges erzählt, der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs oder der gebürtige Mainfranke und Ingolstädter Latein-Professor Conrad Celtis. Der avanciert geradezu zum Literaturstar jener Zeit. Celtis' folgender Hexameter ist fast programmatisch für diese neue, erstmals selbstbewusste, Künstlergeneration.

"Beginne und wag was, von dem noch die Zeiten reden!
So fliegt Dein Name berühmt zu den Himmeln empor.
Gleich ist's fürwahr, wo Du stirbst. Zu Jupiters Thronsaal
Hast Du von üb'rall auf Erden den nämlichen Weg."

(Conrad Celtis)

Zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit

Gerald Huber

Gerald Huber spannt einen Bilderbogen über die Epochengrenze zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit, zwischen der Erfindung des Buchdrucks 1450 und dem Augsburger Religionsfrieden von 1548. Ein Beitrag zum Gedenkjahr "500 Jahre Reformation", der die fundamentalen kulturgeschichtlichen Umbrüche jener Wendezeit  beschreibt und das Lebensgefühl der Menschen in Bayern  auf dem Weg in die Neuzeit vergegenwärtigen möchte.

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