Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Waldi, Bazi und Wiggerl Eine bayerische Maskottologie

Jeder kennt sie, niemand braucht sie. Sie sollen Sympathieträger sein und werden nach allen Regeln und mit allen Mitteln medialer Vermarktungskunst ins Rampenlicht der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Entsprechend bewegt sich ihr Sympathiewert zwischen den Extremen "erste Sahne" und "unterste Schublade. Thomas Kernert lädt ein zu einer Expedition in die wunderbare Welt der Maskottchen - und lässt ausgewählte Vertreter dieser illustren Spezies persönlich zu Wort kommen.

Von: Thomas Kernert

Stand: 24.02.2018 | Archiv

Sie sind harte Jungs. Sie haben einen brutalen Job. Da kommt man leicht ins Schwitzen. Auch wenn sie unter ihrer Last fast zusammenbrechen, müssen sie grinsen, was das Zeug hält. Denn sie sind "offizielle Sympathieträger", auch "Maskottchen" genannt. Ihre Knochen halten sie für alles und nichts hin: Für Großveranstaltungen und Müsliriegel, Fußballclubs und Abfallbetriebe, ja sogar für politische Parteien. Man sieht sie im TV, auf Plakatwänden und an Rückspiegeln baumeln. Dass sie meist ausschauen wie grenzdebile Comic-Missgeburten, macht die Sache nicht einfacher. An ihnen dürfen sich Farbe, Kitsch und Infantilismus hemmungslos austoben.

FC-Bayern-Maskottchen "Bazi" wurde eiskalt durch "Berni" ersetzt

"Bazi", das ehemalige Maskottchen des FC Bayern München

Kein Wunder, dass der Dackel Waldi, einer der Pioniere des Genres, kurz nach den Olympischen Spielen von München 1972 verstarb. Bis heute steht die Münchner Bevölkerung unter Schock und lehnte deshalb erneute Spiele in München ab.

Oder nehmen sie Bazi, bis 2004 offizielles FC-Bayern-Maskottchen. Die SZ mutmaßte schon lange, dass diese Mischung aus Lederhose, Knollennase und Segelohren rauschgiftsüchtig sei. Und siehe da: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde er durch Berni, einen Bären, ersetzt. Reaktion vieler Fans: "Auf den blöden Bärn is g’schissen!" Einen gewissen Lichtblick immerhin stellte vorübergehend Wiggerl, das Maskottchen von "schwangau.de" dar, der Internet-Seite, auf der sich der Märchenkönig eingeloggt hätte.

"Wiggerl" das Schwanenmaskottchen von "schwangau.de"

Schwan aus Porzellan im Lesezimmer von Bayerns König Ludwig II., auf Schloss Neuschwanstein

Schwäne können streitbar, sie können aber auch einfach nur schön sein. So wie Schwangau im hintersten Allgäu. Üppige Felder und dunkle Wälder schmiegen sich so hinreißend an kristallklare Seen, dass des Betrachters Brust nicht anders kann als sich eines inbrünstigen Seufzers zu entledigen. Schon die alten Römer waren von der Gegend am Fuße des Ammergebirges fasziniert. Ebenso die Alemannen. Später zog es vor allem feinbesaitete Gemüter in die Gegend. Einer von ihnen war im Mittelalter der Minnesänger Hilbolt von Schwangau, ein anderer im 19. Jahrhundert unser Märchenkönig und oberster Schwanenritter Ludwig. Sein Traumschloss setzte der Landschaft die Spitze auf.

Besonders viele Schwäne gibt es in Schwangau freilich nicht. Der Name „Schwangau“ hat mit den eleganten Entenvögeln höchstwahrscheinlich nichts zu tun , sondern leitet sich von „swânig-au“ ab und bezeichnet eine Au bzw. einen Ort, an dem junger Holzwuchs gerodet wurde. So prosaisch dies klingt, so wenig stört dies die Schwangauer. Schon die Herren von Schwangau schmückten ab dem 13. Jahrhundert ihr Wappen mit einem Schwan. Ganz dieser Tradition verpflichtet, schmückten auch die Schwangauer 2010 ihre Webseite mit einem Schwanenmaskottchen. Sein Name: Wiggerl.

Thomas Kernert hat sich die Marketing-Fetische von heute - sowie  ihre magischen Ahnen von gestern - etwas genauer angeschaut und dabei fast das Fürchten gelernt.


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