Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Bayern im Ersten Weltkrieg "Tu ein jeder freudig seine Pflicht!"

Bayern im Krieg - seit 1871 hat es das nicht gegeben. Über 40 Jahre Frieden der Prinzregentenzeit haben die Erinnerung verklärt. Die alten Reservisten am Stammtisch erzählen bierselig von Sedan und Metz. Freilich: Es gibt die Manöver, zusammen mit den Preußen. Und auch in der bayerischen Gesellschaft hat das Militär sein Ansehen, aber ein Kriegervolk sind die Bayern wohl auch 1914 nicht. Viele Bayern schreien dennoch "Hurra!". Aber je mehr Opfer der Krieg fordert, desto mehr schwindet die Begeisterung. Im November 1918 endet die Katastrophe und die Bayern hoffen wieder auf friedvolle Zeiten.

Von: Michael Zametzer

Stand: 22.09.2018 | Archiv

Das Königlich-Bayerische Leibregiment zieht unter dem Beifall der Münchner aus der Residenz – stellvertretend für eine halbe Million Soldaten aus Altbayern, Franken, Schwaben. "Tu jeder freudig seine Pflicht!" ruft König Ludwig III. seinen Bayern zu.

Die Bluttat von Sarajewo und ihre Folgen

König Ludwig III. von Bayern (l.) bei der Vereidigung von Truppen im 1. Weltkrieg

München ist entsetzt - über die Bluttat von Sarajewo am 28. Juni 1914. Nur drei Monate zuvor, im April, war das Thronfolgerpaar doch noch zu Besuch gewesen, in Bayern. Bei König Ludwig III. Und nicht nur das: Franz Ferdinand war sogar mit den Wittelsbachern verwandt - immerhin war die Mutter seines Onkels, des greisen Kaisers Franz Joseph, Sophie Frederike von Bayern. Das zweite Schwere-Reiter-Regiment in Landshut trägt seinen Namen: "Franz-Ferdinand von Österreich-Este".

Nun ist der Thronfolger tot, und seine Frau auch. Niedergeschossen von Gavrilo Princip, einem serbischen Nationalisten. Und jetzt? Drückende Schwüle, wie kurz vor einem Sommergewitter. Die Julikrise. Am 25. Juli das Ultimatum Österreichs an Serbien. Dann die Mobilmachung.

König Ludwig III. von Bayern (1912)

"An meine Bayern!
Deutschland hat den Kampf nach zwei Fronten aufgenommen. Der Druck der Ungewissheit ist von uns gewichen, das deutsche Volk weiß, wer seine Gegner sind.

In ruhigem Ernst, erfüllt von Gottvertrauen (...) wollen wir, jeder nach seiner Kraft, im eigenen Land Helfer sein für die, die hinausgezogen sind, um mit starker Hand den Herd der Väter zu verteidigen.

Tue jeder freudig die Pflicht, die sein vaterländisches Empfinden ihn übernehmen heißt. (...)

Gott segne unser tapferes deutsches Heer, unsere machtvolle Flotte und unsere treuen österreich-ungarischen Waffenbrüder! Er schütze den Kaiser, unser großes Deutsches Vaterland, unser geliebtes Bayern!
München, den 4. August 1914. Ludwig."

(König Ludwig III.)

Fern der Städte, auf dem Land, da jubeln sie nicht. Es rufen andere Pflichten. Die Bauern sorgen sich weniger um Deutschlands Ehre als um die Ernte. Wer soll den Hof bestellen, wenn Söhne und Knechte ins Feld ziehen? - Anders die Stimmung an den Schulen und Universitäten: Ganze Klassen melden sich geschlossen an die Front. Der Krieg soll nur ja nicht ohne sie losgehen.

Eine "verlorene Generation"

Die Ernüchterung kommt schnell. Nach wenigen Wochen erstarrt die Front in Frankreich, wo die meisten Bayern kämpfen, im Stellungskrieg. In Briefen, Tagebüchern und Feldpostbriefen erzählen sie noch heute, nach 100 Jahren, von ihren Hoffnungen, Zweifeln und Ängsten - eine "verlorene Generation" junger Bayern.

Das Ende der "guten alten Zeit" in Bayern

Der Maler Franz Marc starb am 4. März 1916 in Braquis bei Verdun

Und die Künstler, die Schriftsteller, die Geistesgrößen? Viele setzten sich freiwillig die Pickelhaube auf. Franz Marc meldet sich euphorisch zur Artillerie. Lena Christ ist hin und her gerissen zwischen patriotischer Begeisterung und Angst. Für den Augsburger Gymnasiasten Berthold Brecht ist der Krieg unumgänglich. Und selbst der "Simplicissimus" - sonst messerscharfes Satireblatt - respektiert den Burgfrieden. - Der Erste Weltkrieg ist aber vor allem eins: Der Anfang vom Ende der "guten alten Zeit" in Bayern.

Bayern im August 1914

Die Spanische Grippe war eine Pandemie, der zwischen 1918 und 1920 ca. 27 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

"Die ganzen Kriegsfronten waren ins Wanken gekommen. Man sah schon, dass der Krieg verloren ist, es wurde alles, was irgend möglich war, einberufen.

In jenen Monaten herrschte auch überall die so genannte 'Spanische Grippe', an der viele Leute starben. Auch ich war krank. Als ich richtig darnieder lag, kam ein Telegramm, sofort einrücken nach Passau. Meine Frau sandte ein Antworttelegramm an das 16. Infanterieregiment nach Passau, dass ich schwer krank sei und jetzt nicht kommen könne.

Nach circa zehn Tagen fuhr ich nach Passau und wurde einer Ersatzkompanie zugeteilt. Da die Tiroler Front zusammenbrach, wurde entlang der österreichischen Grenze ein Grenzschutz aufgestellt, weil man glaubte, die Italiener würden den zurück flutenden Österreichern nachrücken. Das war nicht der Fall, denn alle Krieg führenden Mächte waren so erschöpft, dass das Ende des Krieges frohlockend begrüßt wurde. Auch in Deutschland kam die Revolution, so dass es auch an der Westfront zum Waffenstillstand kam. Russland hatte schon eher kapituliert.

Ich kam von Passau nicht mehr an die Front und erlebte dort den Zusammenbruch."

(Max Weidinger, Zeitzeuge)

Rund 15 Millionen Menschen kamen während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 ums Leben. Rund neun Millionen von ihnen waren Soldaten, mindestens sechs Millionen Zivilisten.

Die größten Verluste musste die Entente (Frankreich, England, Russland und deren Verbündete) hinnehmen. Sie verzeichnete rund fünf Millionen gefallene Soldaten. Das entsprach einem Anteil von 13 Prozent der eingesetzten Soldaten.

Auf Seiten der Streitkräfte der Mittelmächte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Verbündete) starben rund 3,6 Millionen Soldaten, 15 Prozent der eingesetzten Soldaten. Die meisten von ihnen waren mit zwei Millionen Soldaten Deutsche. Die meisten gestorbenen Zivilisten hat es – vor allem durch die Vertreibung von Armeniern – im Osmanischen Reich gegeben.


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