Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


9

Das Bayerische Viertel in Berlin Streifzug durch die einst "Jüdische Schweiz"

Kein Haus wie das andere. Nach 1900 wurde das Viertel rund um den bayerischen Platz in ganz kurzer Zeit mit erstaunlichen Mietpalästen bebaut. Für gutsituierte Leute. Vom zentralen Platz gehen die Straßen strahlenförmig auseinander, sie segmentieren Eckgrundstücke, die wertvoller sind als solche mit nur einer Straßenfront. Viele Straßen heißen nach bairischen Städten – drum „Bayerisches Viertel“. Es gibt auch Tiroler Namen, da nahm man es nicht so genau. Sträßchen und Fußwege verknüpfen die Verkehrs- und Geschäftsstraßen - ein richtiges Netz ...

Von: Henrike Leonhardt

Stand: 20.10.2012 | Archiv

Berlin, Bayerischer Platz | Bild: picture-alliance/dpa

Schöneberg, so wirbt eine Berliner Immobilienseite, sei nicht unbedingt für sein buntes und wildes Treiben bekannt und nicht so "hip" wie Berlin-Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, habe aber mit seinem "Bayerischen Viertel" den Vorzug, eines der ruhigsten und sichersten Wohnquartiere der Berliner Innenstadt zu sein - nur ca. 15 Gehminuten vom Kudamm entfernt. Hier "stehen vornehmlich schöne und repräsentative Altbauten dicht an dicht". Als wären nicht 70 % der Bauten im 2. Weltkrieg zerstört worden.

80 Straßenschilder erinnern an die Entrechtung der Juden

Albert Einstein | Bild: picture-alliance/dpa

Ehemaliger Viertel-Bewohner Albert Einstein

"Wer durch die Münchener, Passauer oder Regensburger Straße – die dem Bayerischen Viertel zum Namen verhalfen – schlendert, wird schnell erkennen, dass hier … viele Rechtsanwälte oder Ärzte ihre Dienste anbieten. Das passt voll ins Bild, denn das Bayerische Viertel zieht gutbetuchte Klientel an." Genau das war auch beabsichtigt, als die "Berlinische Boden-Gesellschaft" zwischen 1900 und 1914 das Viertel errichtete. Die bevorzugte "Alt-Nürnberger Bauweise" und die bayerischen Straßennamen sollten für Gediegenheit und Sicherheit stehen und großbürgerliche, finanzstarke Bewohner anlocken. Betuchte Akademiker, prominente Intellektuelle (wie Einstein, Kerr, Benn) wohnten dann hier, auch 16.000 jüdische Bürger. Über 6000 wurden 1943 deportiert. Heute markieren 80 an den Beleuchtungsmasten befestigte Schilder eindrücklich deren schrittweise Entrechtung, so dass man sich "laufend erinnert".

"Die Laternenmastbilder lassen uns ahnen, wie krakenartig sich der Vertreibungs- und Vernichtungswahn in die Häuser und Köpfe drängte. Im Gehen, laufend, erinnern uns die Schilder an den schrittweisen Entzug aller Menschenrechte."

(H. Leonhardt)

Henrike Leonhardt erkundet das Viertel rund um den "Bayerischen Platz". Was daran bayerisch ist? An München lassen die Mietpreise denken, "Qualität hat ja bekanntlich seinen Preis".

Der Platz auf dem die Spatzen schwatzen ...

U-Bahn-Ausgang "Bayerischer Platz"

Die Spatzen! Die Spatzen auf dem Bayrischen Platz! Im ganzen Viertel, in ganz Berlin! Wer nicht mehr ans Spatzen-Schwatzen gewöhnt ist, dem fällt gleich auf, dass hier die Spatzen schwatzen! Und kein Berliner glaubt, dass es in München kaum noch Spatzen gibt! Ich habe den richtigen U-Bahn-Ausgang erwischt, bin aufgetaucht aus dem weiß blauen Untergrund. Im Frühjahr hat mich hier die Kirschblüte überwältigt – genau so, wie das der Lyriker Durs Grünbein in seinem Poem „Bayerischer Platz“ festhält ...

Die Kirschblüte heute am Bayerischen Platz,
Überwältigend weiß und rosé, beinahe japanisch,
Erinnert an einen gewissen Arzt, der hier wohnte.
Die Praxis lag gleich um die Ecke.


9