Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


8

Bayerische Kraftplätze Traumziel Balkonien – Ob Osten, ob Westen, zuhause ist's am besten

In unserer Reihe "Bayerische Kraftplätze" - Beiträge zur Philosophie des Alltags und zur Metaphysik des Banalen, beschäftigen wir uns diesmal mit der Lieblingsdestination aller Reisenden, die gern zuhause bleiben: dem Balkon!

Von: Thomas Kernert

Stand: 01.06.2019 | Archiv

"Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o meine Geliebte, ziehn!"

(Frei nach Johann Wolfgang von Goethe)

Dahin, in diesen siebten Himmel, möcht' ich ziehn!

Das kleine Paradies auf dem Balkon

Dies Land ist bei mir, Geliebter:
6 Quadratmeter Südseite, zwei Zitronen im Kübel, eine Kumquat, eine Pomeranze, eine frisch umgetopfte japanische Scheinmyrthe. Die eingetopfte Säulenzypresse spendet reinsten Bio-Schatten. Links und rechts Sichtschutzmatten aus Heidekraut, unter uns Tatami-Matten sowie eine selbst gebastelte Couch aus alten, toskanischen Weinkisten, neben uns ein Rattantischchen mit zwei Prosecco-Gläsern, über uns: Sanfter Wind vom blauen Himmel ...

Das klingt verlockend! Wievielter Stock, du meine Goldorangengeliebte?

Siebter ...

Treppe oder Lift?

Lift ...

Dahin, dahin, in diesen siebten Himmel, möcht' ich ziehn!

Auf dem Balkon können wir leben, reisen, träumen, grillen ...

Was wäre die Stadt, das Haus, der Mensch ohne Balkon? Eine Betonwüste, ein Gefängnis, ein Nichts! Erst der Balkon schenkt uns urbanisierten Sesshaften Himmel, Sonne und Freiheit. Auf dem Balkon können wir leben, reisen, träumen, grillen. Ganz Mutigen fällt sogar noch ein wenig mehr ein ...

"An heissen abenden wie schön die sonnen ·
Wie stark das herz · wie weit die himmelsluft!
Ich ruhte bei dir · königin der wonnen ·
Zu atmen glaubt ich deines blutes duft.
An heissen abenden wie schön die sonnen!"

(Charles Baudelaire)

Eine "schwebende Schnittstelle" zwischen Himmel und Erde

Romeo und Julia - innige Liebe auf dem Balkon

In elf "Stationen" hat sich Thomas Kernert, Balkonese aus Leidenschaft, der "schwebenden Schnittstelle" angenähert und sich mit allem Pipapo auf ihr gemütlich eingerichtet.

Auf der Gästeliste seiner Fassaden-Romanze stehen, neben Romeo und Julia, unter anderen: Goethe, Jean Paul, Hans Dietrich Genscher, Waldorf und Statler, Charles Baudelaire, eine Cannabis züchtende Oma, ein sexhungriger Polizist, aber auch einige sehr dubiose Gestalten.

Der Balkon ist ein Widerspruch, eine fliegende Halbinsel, eine Sackgasse, ein Sprungbrett, eine luftige Verheißung ... ein Kraftplatz.


8