Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Bayerische Kraftplätze Der Wertstoffhof

Ein Ort der Befreiung, an dem wir Ballast abwerfen. Ein sozialer Treffpunkt von Brüdern und Schwestern im Geiste des achtsamen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen. Eine Aufladestation für das gute Gewissen. Fundgrube für Brauchbares. Schauplatz einer heilsamen Katharsis. Sorge dich nicht, entsorge! Der Wertstoffhof ist ein echter Kraftplatz. Für alle. Überall in Bayern. Vor allem am Samstagvormittag …

Von: Ulrich Zwack

Stand: 20.10.2018 | Archiv

Kraftplätze sind nach esoterischer Weltanschauung Orte, an denen sich Lebensenergie manifestiert. Unser kapitalistisches Wertesystem bezieht seine Lebensenergie bekanntlich vor allem aus materiellem Besitz. Indes existiert zu jeder Welt auch eine Gegenwelt. Anders als man zunächst vielleicht annehmen möchte, heißt die Gegenwelt von Besitz keineswegs Armut oder Mangel, sondern – Abfall.

Grenzenloses Wirtschaftswachstum erzeugt unendlich viel Abfall

Wertstoffhof plus, München-Freimann

Die Koordinaten von "Abfall-Kraftplätzen" werden durch die Mülltonne bestimmt, den Recycling-Container, die Mülldeponie, die Müllverbrennungsanlage - und nicht zuletzt den Wertstoffhof.

Dorthin bringt frau oder man alles Sperrige, was sie oder er nicht mehr für erstrebenswerten Besitz hält. Bis auf Sprengstoffe und radioaktiv Strahlendes gibt es fast nichts, was man nicht auf dem Wertstoffhof abgeben könnte.

Das meiste davon wandert in große Container oder in chemikaliensichere Kunststoffbehälter und wird dann fachgerecht recycelt, vernichtet, verbrannt, neutralisiert oder anderweitig entsorgt.

Saisonal bedingter Abfall

Auf den Wertstoffhof soll der Bürger alles bringen, was nicht in die Restmülltonne gehört oder mengenmäßig die Kapazität der Papier- und der Biomülltonne übersteigt. Elektroschrott, Energiesparleuchten, Eisenschrott Bauschutt, Sperrmüll. Vieles davon ist regelrechte Saisonware.

Der Wertstoffhofmeister Domink Panzer

"Nach Weihnachten gibt es viel Papier, im Frühjahr viel Gartenabfall und momentan auch wieder Herbstschnitt. Nach Weihnachten kommen dann die ganzen Weihnachtsbäume.

An Holz und Sperrmüll merkt man natürlich auch, wenn viele umziehen. Das ist immer so um den Monatsersten herum. Semesterferien spielen auch mit eine Rolle. Wenn die Semesterferien um sind und das neue Semester anfängt, kommen viele Studenten und räumen ihre Buden aus."

(Domink Panzer, Wertstoffhofmeister)

"Giftbunker" für Problemabfälle

Behälter für giftigen Sondermüll

Ganzjährig Saison haben die sogenannten Problemabfälle, wie säurehaltige alte Autobatterien oder Lacke und Chemikalien im weitesten Sinn.

Die Wertstoffhofmitarbeiter sind bestens geschult, können aber trotzdem unmöglich immer wissen, mit welchen Chemikalien genau ihre Kunden daherkommen. Deshalb werden die Problemabfälle in einem eigenen Raum aufbewahrt, einer Art Giftbunker. Mit schweren Stahltüren, vor denen im Boden eingelassene Flüssigkeitsbremsen den etwaigen Austritt flüssiger Umweltgifte verhindern sollen. Es gibt Schutzbrillen und Schutzkleidung und für den Fall der Fälle auch ein Atemgerät. Überdies werden sämtliche Problemabfälle vor dem Abtransport in Spezialkunststoffbehältern aufbewahrt.

Vieles kann noch wiederverwendet werden

Möbelangebot in Secondhand-Kaufhaus

So manches, was der eine wegwirft, kann der andere allerdings noch gut gebrauchen. Darum fischen die Wertstoffhof-Mitarbeiter die besten Stücke gezielt aus dem Wohlstandsmüll und führen sie kommunalen Secondhand-Kaufhäusern zu, die noch gut erhaltene Möbel, Computer, Fernseher, Fahrräder, Sportartikel, Musikinstrumente, Werk- und Spielzeuge etc. zu moderaten Preisen verkaufen.

Und das Beste vom Besten aus der Abfall-Schattenwelt des Kapitalismus wird z.B. in München an jedem Samstag-Vormittag öffentlich versteigert.

Abfallvermeidung statt Verbrennung oder Deponierung

Wertstoffhöfe sind ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Münchner Abfallkonzepts von 1988, das mit der bisherigen Müllentsorgungsphilosophie gründlich aufräumen sollte und das auch erfolgreich tat. Denn seine Eckpfeiler sind:

  • Abfallvermeidung geht vor Wiederwertung
  • Wiederverwertung von Abfällen geht vor Müllverbrennung
  • Verbrennung geht vor Deponierung


Auf die angestrebte Abfallvermeidung hat die Stadt allerdings kaum Einfluss. Schuld daran sind die Verpackungsindustrie und das damit verbundene, sogenannte duale System, alias der grüne Punkt. Evi Thiermann, die Pressesprecherin vom Abfallwirtschaftsbetrieb München meint hierzu:

Evi Thiermann, Pressesprecherin des städtischen Abfallwirtschaftsbetriebs München

"Die Verpackungsabfälle, die machen uns Sorgen, weil wir darauf wenig Einfluss haben. Wir haben zwar jetzt eine große Kampagne gestartet, gegen Plastikmüll und die hat auch große Resonanz gehabt. Aber letztendlich sind wir da nicht die direkten Akteure.

Wir haben gesehen, seit diese Verpackungsverordnung Anfang der 90er Jahre in Kraft getreten ist, haben die Plastikverpackungen um 30 Prozent zugenommen. Und das ist wirklich der verkehrte Ansatz.

Man muss ein Gesetz machen, das Anreize zur Vermeidung dieser Verpackungen schafft, und nicht ein Gesetz, das Anreize schafft, diese Verpackungen in irgendeinen Recycling-Prozess zu schieben, wo man gar nicht weiß, was hinten dabei eigentlich rauskommt - weder mengenmäßig, noch qualitätsmäßig. Das ist das eigentliche Problem.

Also bei Glas und Papier macht das Recyclen Sinn, aber bei Plastik und Kunststoff macht's in den meisten Fällen eben keinen Sinn."

(Evi Thiermann, Pressesprecherin des städtischen Abfallwirtschaftsbetriebs München)

Ulrich Zwack hat sich an einigen Kraftplätzen der müllträchtigen Subkultur der Konsumgesellschaft umgesehen und mit ihren Bewohnern gesprochen.


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