Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Austragler und Senioren Das Älterwerden, das Alter und die Alten

Die Anzahl der 100-Jährigen in Bayern wächst. Die Menschen werden älter, aber bleiben sie auch länger jung? - Der Schriftsteller Harald Grill hat sich über das Älterwerden, das Alter und die Alten in Bayern Gedanken gemacht.

Von: Harald Grill

Stand: 19.03.2016 | Archiv

Ursprünglich war es die christliche Pflicht der Kirchen, Kommunen und zu allererst der Angehörigen, sich um die hilflosen Alten zu kümmern. Schon im Mittelalter errichteten die Klöster und Städte Siechenheime für die Ärmsten. Die Wohlhabenderen unter den Bauern zogen nach der Hofübergabe in ein Austragshäusel.

"Gibt es überhaupt noch Greise oder depperte Alte?
Ich kann mich nur erinnern, früher hat es geheißen: 'Der ist ganz schön verkalkt'.
Gab es früher keine Demenz? Ist man heute länger jung?"

(Harald Grill)

Die Menschen werden älter, aber bleiben sie auch länger jung?

Rüstiger Rentner beim Nordic Walken

Die Anzahl der 100-Jährigen in Bayern wächst. Die Menschen werden älter, aber bleiben sie auch länger jung? Die Großeltern der Nachkriegszeit sahen mit 50 älter aus als heute viele Achtzigjährige. Andererseits, ob mit oder ohne Diridari: Früher hätten sie vielleicht ihre Demenz nicht mehr erlebt. Heute geht es vielen, wie dem Griechen Tithonos, dem der Götterchef Zeus das ewige Leben, nicht aber ewige Jugend verliehen hat: Er schrumpft zusammen bis er nur noch ein schleimiger Batzen ist, der sich mit zirpender Stimme über sein Leben beklagt. Die Geschichte vom Brandner Kaspar geht nicht gar so tragisch aus – er kommt am Ende doch noch in den Himmel und sagt: "I' bleib da und will nix mehr wissn vo der Welt drunt."

Gibt es noch so etwas wie "Ehrfurcht vor dem Alter"?

Pflegerin betreut alte Dame

Für die wachsende Zielgruppe der Alten hat sich ein riesiger öffentlicher wie privatwirtschaftlicher Versorgungsapparat herausgebildet. Die Jungen haben keine Zeit mehr, sich um die betagten Angehörigen zu kümmern. Schließlich gibt es Essen auf Rädern, den Pflegedienst oder das Senioren-Domizil. So mancher sehnt sich zurück nach der Geborgenheit und Selbstbestimmtheit der Großfamilie. Ja, früher habe es noch so etwas wie "Ehrfurcht vor dem Alter" gegeben, heißt es. Fehlanzeige! Bereits 1857 stellte der oberpfälzische Volkskundler Franz Xaver Schoenwerth zornig fest:

"Allmälig macht sich die Klage immer mehr geltend, wie die alten Aeltern im Austrage von den undankbaren Kindern mißachtet werden … Mit Posaunen wird verkündet, was die Moral oder Menschenwürde dem Menschen zu thun und zu lassen auferlege. Es widert oft an, von der Humanität unserer Tage zu hören; Pharisäertum wäre ein rechter Name dafür."

(Franz Xaver Schoenwerth)

Heribert Prantl denkt über einen neuen Generationenvertrag nach ...

Der Journalist Heribert Prantl

"Früher hat das Leben bestanden aus Frühling, Sommer und Winter: Also Kindheit, Arbeitsleben und dann ist man relativ schnell gestorben. Heute gibt’s einen unendlich langen Herbst. So die 65- bis 75-, 80-Jährigen, wenn’s gut geht den goldenen Herbst und wenn’s schlecht geht, den tristen Herbst. Und ich denke, mit dem Herbst, wenn man an die ganz Alten denkt, unendlich viel anfangen. Und neuer Gesellschaftsvertrag hieße für mich, dass die Menschen in der gewonnen Zeit im Herbst des Lebens, in der dritten gewonnenen Lebensphase, sich um die Menschen in der vierten Lebenszeit, also im Winter, kümmern. Dass der 70-Jährige sagt, ich kümmere mich jetzt um den 85-jährigen so, wie ich gern hätte, dass man sich um mich kümmert, wenn ich 85 und 90 bin. Wenn daraus sich eine neue Selbstverständlichkeit entwickelt, die ich als den neuen Generationenvertrag bezeichne, dann, glaube ich, wäre diese Gesellschaft auf einem guten Weg. Und das ist etwas, was mir im Kopf herum spukt, wenn ich selber meine eigene Unzulänglichkeit beim Mich-Kümmern um meine Mutter erlebe und ich glaub, es geht ganz vielen so. Wenn ich so in meiner Redaktion mich umschaue bei den über 50-Jährigen …, die eigenen Kinder werden älter, und das Problem, was passiert mit meinen Eltern, wird immer virulenter. Das Nachdenken darüber, wie kann ich mich kümmern, wo kommen sie unter, wenn sie nicht mehr selbständig leben können? Das ist schon etwas, was diese Generation der 50-, 60-jährigen unglaublich umtreibt."

Buchtipps:

Alt. Amen. Anfang.: Neue Denkanstöße

  • Autor: Heribert Prantl
  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: Süddeutsche Zeitung Edition; Auflage: 1 (5. Oktober 2013)
  • ISBN-10: 3864971675
  • ISBN-13: 978-3864971679


so wos schüins mou ma soucha: Gedichte im Oberpfälzischen Dialekt

  • Autor: Eugen Oker
  • Taschenbuch: 97 Seiten
  • Verlag: Koch, Schmidt u. Wilhelm; Auflage: Veränd. Neuaufl. (1. Januar 2003)
  • ISBN-10: 3936721076
  • ISBN-13: 978-3936721072


Wurzelherz. Gedichte in Oberpfälzer Mundart

  • Autorin: Margret Hölle
  • Illustrator: Erich Hölle
  • Gebundene Ausgabe: 111 Seiten
  • Verlag: MZ Buchverlag GmbH (August 2001)
  • ISBN-10: 3927529311
  • ISBN-13: 978-3927529311

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