Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Das Andechser Schlaflabor So wurde die Innere Uhr erforscht

Wie tickt die innere Uhr des Menschen? Um das zu erforschen, experimentierten Biologen ab den 1960er Jahren mit Freiwilligen, die über Wochen in einer Art Bunker bei Andechs lebten - ohne Uhr, Radio oder Kontakt nach außen.

Von: Joana Ortmann

Stand: 22.06.2019 | Archiv

Es waren Versuche, die heute nicht mehr durchführbar wären. Andechs, ab Mitte der 1960er: Hinter meterdicken, isolierten Wänden leben Freiwillige, jeweils für mehrere Wochen oder sogar Monate, und lassen sich überwachen. Kein Tageslicht, keine Uhren, kein Radio, kein Kontakt – auch nicht zum Forscherteam um den Biologen Jürgen Aschoff, dem es um genau diese Frage ging: Wie verhalten sich Menschen ohne Zeitmesser und Taktgeber von außen? Welchen Rhythmus von Wachsein, Essen, Schlafen nehmen sie an? Wie "ticken" sie auf sich allein gestellt?

Bilder aus dem Andechser "Schlaf-Bunker"

Dr. Jürgen Zulley

"Es war Pionierarbeit. Der ganze Bunker war Pionier-Tätigkeit. Im Bunker waren zwei völlig getrennte Räume. Eine Einheit war immer für einen Versuch vorgesehen. Es war unterirdisch gebaut. Man ging in den unteren Teil eines Hügels hinein. Dann kam zuerst der Technikraum, der Registrierraum, und dann die Eingänge zu diesen beiden Bunkerräumen. Aber auch hier gab's zwei Türen. (...)

Drinnen hat man überhaupt nichts von draußen gehört, kein Licht gesehen. Und selbst wenn wir in dem Technikraum waren, hat man überhaupt nichts von uns gespürt. Man lebte also völlig isoliert.

Und der Kontakt bestand über die Schleuse. Da konnten die Versuchspersonen Zettel reinlegen, wenn sie Lebensmittel brauchten, da war ein großer Kühlschrank. Oder wir konnten Nachrichten und die gewünschten Lebensmittel rein legen.

Man hat sich über diese vier Wochen, das war die Dauer eines Standard-Versuchs, nicht gesehen, nicht gesprochen; nur über Zettel fand die Kommunikation statt."

(Dr. Jürgen Zulley, Diplompsychologe und langjähriger Mitarbeiter von Jürgen Aschoff am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie)

Jürgen Zulley, Deutschlands bekanntester Schlafforscher

In diesem so unerschrockenen wie fröhlichen Forscherkreis, der sich ab 1964 um den Biologen Jürgen Aschoff in Andechs formierte, haben einige heute renommierte Wissenschaftler ihre Karriere begonnen. Auch der Regensburger Psychologe und Chronobiologe Jürgen Zulley gehört dazu, Deutschlands bekanntester Schlafforscher, damals mit diesem seinem Interessengebiet ein Exot.

"Schlaf war lange Zeit auch für die Wissenschaften kein Thema, weil man dachte, Schlaf ist Ruhe, ist Nichtstun – warum soll ich mich mit dem Nichts befassen."

(Dr. Jürgen Zulley, Diplompsychologe und langjähriger Mitarbeiter von Jürgen Aschoff am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie)

Zulley ist einer der wenigen Forscher, die auch selbst einige Wochen im "Bunker" – so wurde dieses frühe, für damalige Verhältnisse äußerst ambitioniert ausgestattete Schlaflabor genannt – gelebt hat. Danach leitete er über viele Jahre die Experimente.

Der Beginn der Chronobiologie

"Das Ergebnis (der Versuche) lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen", schrieb Jürgen Aschoff 1981, "alle unter natürlichen Bedingungen beobachtbaren tagesperiodischen Prozesse bleiben erhalten." Nur eine kleine Verschiebung zeigt sich: Die meisten Probanden leben statt einen 24-Stunden- einen 25-Sunden-Tag. Eine wissenschaftliche Sensation: der Beweis dafür, dass es eine Art "innere Uhr" gibt – und der Beginn der Chronobiologie.

Ein Bayerisches Feuilleton zur Geschichte und Gegenwart dieses besonderen, heute längst verlassenen und verfallenen Ortes.


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