Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


35

Alpenschamanismus Eine Reise zu Propheten und Visionssuchern

Justina Schreiber begibt sich auf eine magische Trommelreise durch die wunderbare Welt des Übersinnlichen in seiner bayerischen Ausprägung.

Von: Justina Schreiber

Stand: 04.03.2017 | Archiv

In Zeiten, in denen Retreats in Indien oder Selbsterfahrungstrips durch Australien zum bürgerlichen Standardprogramm gehören, sieht man die Gretchenfrage nach der Religion nicht mehr so eng. Mütter machen Qi-Gong, Väter meditieren, Kinder praktizieren Yoga. Die Grenzen zwischen christlichem und "heidnischem" Kultus, zwischen Wellness und Spiritualität, zwischen Psychotherapie und Esoterik verschwimmen. Zurück zur Natur, zurück zum Ritus, zurück zu mir selbst: mit den modernen Sehnsüchten füllt sich - wie nebenbei - auch das alte Brauchtum wieder mit Sinn.

Räucherseminar im Allgäu mit Wildkräuterführerin Christa Schneider

"Das Räuchern zum Beispiel. Ich nehme jetzt nicht den Weihrauch der Kirche, die haben da ihre eigenen Mischungen, aber ich nehme ein Harz, ein einheimisches, ein Lärchenharz, ein Kiefernharz, verbinde das mit Kräutern, die bei uns wachsen, den Beifuß, den Salbei, das Johanniskraut, die Engelwurz, die alle ihre Wirkung auf der physischen, aber auch auf der psychischen Ebene haben. Mein Ansatz ist immer: Körper, Seele, Geist im Ganzen betrachtet."

(Susanne Schury, Kräuterfrau)

Susanne Schury versteht sich als moderne bayerische Kräuterfrau. Aus gutem Grund lebt sie mit ihrem Mann auf der Fraueninsel im Chiemsee, wo das Ehepaar Seminare für Rutengehen und Geomantie anbietet.

"Es heißt: die Fraueninsel ist das Herzchakra des Chiemgaus."

(Susanne Schury)

Über Bayerns Fluren liegt ein ganz besonderer Segen

Der Untersberg in Berchtesgaden

Das "Herzchakra der Erde" soll sich exakt im Berchtesgadener Untersberg befinden. Und - ob es der Kini ahnte? - Schloss Neuschwanstein gilt als starker kosmischer Einstrahlungspunkt. Aber wer noch nie einen Baum umarmt hat, kann nicht erspüren, welche spirituelle Schwingungen zugewucherten Kulthöhlen, Runensteinen, Teufelslöchern oder angeblich keltischen Opferstellen heute noch innewohnen. Gut nur, dass es eine ganze Reihe von Naturcoaches, Ritualberaterinnen und Kraftortführern gibt, die - nicht ganz selbstlos - neben Handauflegen und energetischen Raumreinigungen auch Visionssuchen, Seelenrückholungen oder echten bayerischen Schamanismus anbieten.

Trost für das abergläubische Volk

Therese Neumann alias Resl von Konnersreuth (1898-1962

Doch gespottet ist schnell. Hat nicht das abergläubische Volk schon immer lieber als beim Pfarrer bei unorthodoxen Spinnern und vermeintlichen Wundertätern Trost und Hilfe gesucht? Und verglichen mit den blutigen Ekstasen einer Resl von Konnersreuth liefert ein moderner Vollmondevent unter Anleitung einer jungen Lichtbringerin gewiss den größeren Mehrwert. Denn wer wollte nicht das Gekrächze der Kolkraben verstehen lernen oder in Kontakt treten mit den eigenen Ahnen?

"Energetischer Ausgleich" in Form einer Euro-Spende

Hildegard von Bingen (1098-–1179), Benediktinerin und Mystikerin im 12. Jahrhundert

Auch wenn viele moderne Schamanen und Ritualarbeiterinnen als Lohn für ihre Bemühungen nur einen "energetischen Ausgleich" in Form einer gewissen Euro-Spende verlangen: Der Markt vereinnahmt doch alles. Hildegard von Bingen dreht sich vermutlich jedes Mal im Grabe um, wenn wieder ein neuer Keks oder Tee mit ihrem Namen in den Regalen der Naturkostläden erscheint. Eins bedingt das andere: Je ohnmächtiger sich der Einzelne angesichts der globalen Wirkkräfte in einer profanen Welt fühlt, umso mehr sehnt er sich nach echter Evidenz. Der Kult, den Kräuterfrauen, Heiler, Geomanten und andere Kraftort- oder Energiespezialisten um Achtsamkeit und Intuition treiben, hat hier eine seiner Wurzeln.


35