Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton

Allotria und Gauklerball Münchens wilde Künstlerfeste

Ulrich Zwack begibt sich auf Maskenschau und lässt Münchner Künstler-, Gaukler-, Weiße-, und Schabernackt-Bälle sowie Atelier-, und Arkadienfeste Revue passieren.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 25.02.2017 | Archiv

Die bayerische Landeshauptstadt gilt nicht gerade als Faschingshochburg. Doch zumindest um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg war sie das durchaus. Allein 1914 fanden dort  533 Maskenbälle und 145 Schwarz-Weiß-Bälle statt. Vor allem die Künstler der Schwabinger Bohème sorgten für ausgelassenes Treiben. Zuerst nur in Form von wilden Atelierfesten, aber zunehmend auch von Künstlerbällen. Schon im Fasching 1895 wurde in der Schwabinger Brauerei erstmals die vorwiegend von Künstlern und Studenten besuchte, legendäre "Schwabinger Bauernkirchweih" begangen. Schier gigantisch waren die Bälle der von den Malerfürsten Franz von Lenbach, Franz von Stuck und Friedrich August von Kaulbach dominierten Künstlergesellschaft "Allotria" im 1900 vollendeten Künstlerhaus am Lenbachplatz. Absoluter Höhepunkt war das "Arkadienfest"  von 1913, das über 2000 Faschingsfans anzog. Manche waren gar bis aus St. Petersburg angereist.

Münchner Faschings-Impressionen

Die berüchtigten "Schabernackt-Bälle" im Löwenbräukeller

"München Schabernackt"

Weil dergleichen manchen Bohemiens dann doch zu pompös war, gründete ein Teil der Künstlerschaft schon 1904 ein eigenes regelmäßiges Faschingsfest in der  Schwabinger Brauerei. Den "Gauklerball". Ihn gibt es heute immer noch – bzw. wieder. Allerdings findet er jetzt ironischerweise im Künstlerhaus statt. Auch sonst haben Faschingsbälle in München nach wie vor Konjunktur. Künstlerfeste kann man sie oft nicht mehr nennen, aber ausgelassen sind z.B. die "Weißen Bälle" in der Schwabinger Max-Emanuel-Brauerei noch allemal. Inwieweit die berüchtigten "Schabernackt-Bälle" im Löwenbräukeller wirklich so wild sind, wie sie sein möchten, ist allerdings eine Ermessensfrage … und Geschmackssache – wie letztlich der ganze Fasching.

Die "Weißen Feste"

Es gibt eine Münchner Faschingsveranstaltung, die - obgleich erst vor 50 Jahren begründet - ein wenig an die Tradition der alten Künstlerfeste anknüpft: Die sogenannten Weißen Feste in der Max Emanuel Brauerei im Univiertel. Celile Mittermeier, heutige Alleingeschäftsführerin und Witwe des langjährigen Wirts Sepp Mittermeier, schildert die Anfänge:

"Zu den Weißen Festen erschienen Studenten und Kunstprofessoren. Da haben sich die Mädels freiwillig als Modelle gemeldet und wurden dafür von den Herren, die sie malen durften, den ganzen Abend lang eingeladen. So hat das in der Max Emanuel Brauerei stattgefunden. Einfach künstlerisch. Kommt von Künstler."

(Celile Mittermeier)

Die ersten 20 Jahre der Weißen Feste hat die heutige Schirmherrin und Wirtin Celile Mittermeier noch gar nicht miterlebt. Anders Michaela May, die dort Ende der 1960er, Anfang der 70er regelmäßig anzutreffen war.

Michaela May

"Also in die Max Emanuel-Brauerei ist schon mehr der studentische Clan hingegangen. Da warn auch schon welche drunter, die von der Kunstakademie da waren, die sich dann auch relativ phantasievoll mit Blüten, Blumen und dergleichen selber gemacht ham und konstruiert ham. Aber das Gros der damaligen Zeit war dann eher lässig. Und dann war faszinierend natürlich dieses ultraviolette Licht, es war komplett dunkel, außer diesem Licht und diesen weißen Kleidern. Ich hatte ein weißes Spitzenkleid aus London mir gekauft, des war grad ganz in, Mini mit Glöckchen und Flower Power. Des war so die Zeit. Und Live-Bands ham gespielt, und es war natürlich dunkel, teilweise …"

(Michaela May)

Die Weißen Feste sind nach wie vor Kult

Autor Ulrich Zwack bereitet sich auf seine Interviews bei den "Weißen Festen" vor

Sie finden auch nicht nur einmal im Jahr statt, sondern in einer langen Saison wie 2017 stolze 13 Mal. Und zu jeder Veranstaltung kommen bis zu 500 Gäste. Nur das letzte „Weiße Fest“ ist eigentlich ein „schwarzes.“ Denn es steigt immer am Faschingsdienstag und da wird um Mitternacht bekanntlich der Fasching zu Grabe getragen. Was den unbestreitbar vorhandenen großen Reiz der Weißen Feste genau  ausmacht, ist nur sehr schwer zu erklären. Nur am alters- und herkunftsmäßig bunt gemischten Publikum kann es nicht liegen.