Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


24

Glufamichl und gscherte Moin Alemannisch-bajuwarischer Friedensdialog

Wissen Sie, wer oder was ein "Glufamichl" ist? Und wer oder was ist eine "gscherte Moin"? Man versteht sie kaum, die Allgäuer, und die Allgäuer verstehen sich nicht mit den Schwaben, und die bayerischen Schwaben wiederum verstehen sich nicht mit den vorgeblich "echten" Bayern. Und weil dem so ist, versucht Ulrike Zöller einen multikulturellen innerbayerischen Friedensdialog zu stiften.

Von: Ulrike Zöller

Stand: 05.04.2014 | Archiv

Schwaebische Teilnehmer mit einem Erntewaegele und Ziegen-Vierergespann beim Trachtenumzug beim Oktoberfest in Muenchen | Bild: Egginger, Karl-Heinz / Süddeutsche Zeitung Photo

"Der Dialekt isch ganz andersch, i hab aber nia versucht den oberbayerische Dialekt nach zmacha. Z Mincha tint se si scho a bissle schwer mit unsam Oberallgäuer Dialekt zum verstande."

(Josef Althaus)

"Des is ja wirklich a andere Sprache, ich hab jetzt meine Sprachkenntnisse erweitert. Mir war’s nicht wirklich bewusst, dass es ein anderer Sprachraum ist, das ist davor an mir vorbeigegangen."

(Evi Kegelmaier)

Ein tiefer Bruch zieht sich durch den Süden des Freistaates. Der Graben zwischen den alemannischen Schwaben und den bajuwarischen Altbayern ist tiefer, als man denkt. Der Lech, die Grenze zwischen Oberbayern und Schwaben, ist nicht nur Sprachgrenze, teilt den Freistaat nicht nur in s-t und scht- Sprachler auf, der Lech teilt Welten: die des schwäbischen Mächlers, der unermüdlich Dinge erfindet, die seinen Alltag an Erfolgserlebnissen und finanziellen Gütern bereichern, und die des Baiern, der gern trinkt und feiert, dessen Lager und Geldbeutel aber ohnehin gefüllt sind. Und das möchte er gern jedem zeigen, der prunkende, protzende Barockmensch. Der Schwabe wiederum hat gern "sei Sach im Beutele", nach außen hin aber zeigt der Wohlhabende ein Gesicht, das einer Kirchenmaus die Tränen ins Gesicht treibt.

Wer war schuld am bayerisch-schwäbischen Zerwürfnis?

Kaiser Napoleon Bonaparte

Schuld daran, dass sich die beiden Volksgruppen überhaupt miteinander beschäftigen und voneinander abgrenzen müssen, trägt Napoleon Bonaparte. Er fasste im Jahr 1803 verschiedene schwäbische Gebiete, kleine Fürstentümer und Grafschaften zur "Baierischen Provinz Schwaben" zusammen. Und diese zusammen gewürfelte Provinz schlug er dem 1806 gegründeten neuen Königreich Bayern zu.

"Jetzt sind wir bayerisch. Gnade uns Gott!" Ein Spruch, den jeder bayerische Schwabe kennt und als obersten Glaubenssatz jeder Betrachtung über das Bayerischsein der Schwaben voranstellt.

Vor allem die Bewohner der stolzen alten Römerstadt Augsburg, der Freien Reichstadt, Welthandelsmetropole der Renaissance, fühlten sich bis ins Mark beleidigt: Sollten sie sich doch ab 1803 der unbedeutenden neuen Hauptstadt München unterordnen und zu kleinbürgerlichen Provinzstädtern werden. - Warum aber sind sich die Bayern und die Schwaben bis heute noch nicht grün? Warum ist der bayerisch-schwäbische Graben nach über 200 Jahren noch nicht zugewachsen?

"Sind alle Schwaben 'Glufamichl' - phantasielose Erbsenzähler? Und alle Bayerinnen 'Gescherte Moin'? - also ungehobelte, ungezügelte Frauenzimmer? - Ist es wirklich so, dass eine altbayerische Übermacht den Schwaben die Luft zum Atmen nimmt?"

(Ulrike Zöller)

Zurückhaltende Schwaben überollt von Neuschwanstein-Touristen

Touristen fotografieren Schloss Neuschwanstein

Im Gegensatz zu den Oberbayern, deren Kultur stark mit den bajuwarischen Nachbarn in Österreich verwandt ist, verweisen die Schwaben gern auf ihre alemannischen Stammesgenossen in der Schweiz. Die alemannische Freiheitsbewegung stößt sich daran, dass Altbayerisches in den Medien und in der Kulturpflege allbestimmend ist, dass die zurückhaltende schwäbische Art überrollt wird von Menschen, die das Schloss Neuschwanstein im Ostallgäuer Stammesgebiet profitlich vermarkten, aber nicht auch nur einen Satz eines Allgäuer Bauern verstehen (wollen). Was auch schwer ist: Oder wissen Sie etwa, was ein Gliefele oder ein Glufamichl ist? - Es gibt übrigens viele unentdeckte Gemeinsamkeiten zwischen Bayern und Schwaben - und es gibt sicher auch Wege, die zueinander führen.


24