Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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"Der Laden" 60 Jahre Münchner Lach- und Schießgesellschaft

Es gibt nur wenige Kabaretts in Deutschland, die es zu so großer Berühmtheit gebracht haben wie diese kleine Schwabinger Bühne: "Der Laden". Katinka Strassberger erinnert an die nun schon 60 Jahre währende Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft.

Von: Katinka Strassberger

Stand: 10.12.2016 | Archiv

Das Ensemble der Lach und Schießgesellschaft in den 60er Jahren - (v.l.oben) Hans J. Diedrich, Jürgen Scheller, Klaus Havenstein; (v.l.unten) Ursula Noack und Dieter Hildebrandt | Bild: pwe/ddp images /Süddeutsche Zeitung Photo

Es war ein erlesenes Ensemble von Kabarettisten, das am 12. Dezember 1956 mit dem Programm „Denn sie müssen nicht, was sie tun“ in einem kleinen Schwabinger Theater Premiere feierte: Ursula Herking und Klaus Havenstein, die zuvor bei der „Kleinen Freiheit“ waren, Hans Jürgen Diedrich von den „Amnestierten“ und ein junger Student namens Dieter Hildebrandt.

Sammy Drechsel war der Manager

Sammy Drechsel während seiner Tätigkeit als Reporter (1955)

Dass diese Gruppe überhaupt zusammen kam und das Unternehmen „Lach- und Schießgesellschaft“ schnell zu einem der erfolgreichsten Kabaretts der Republik avancierte, hatte sie nicht zuletzt ihrem Manager Sammy Drechsel zu verdanken. Der bestens vernetzte Sportreporter war bis zu seinem Tod 1986 das Herz der „Lach und Schieß“, sorgte für volle Vorstellungen und regelmäßige Fernsehpräsenz. Bis heute unvergessen: die alljährliche Silvestersendung „Schimpf vor 12“. Achim Strietzel, Rainer Basedow, Renate Küster, Jochen Busse, Bruno Jonas: die Liste an herausragenden Kabarettisten, die Sammy Drechsel für den „Laden“ verpflichten konnte, ist lang. Mit Klaus Peter Schreiner und Dieter Hildebrandt verfügte die „Lach und Schieß“ zudem über zwei exzellente Texter, denen es auf unvergleichliche Weise gelang, auch komplexe politische Themen satirisch-pointiert zu durchdringen.

Dieter Hildebrandt (1961)

"Das Gründungsteam der Lach und Schieß bestand aus Zugereisten, die es eher zufällig an die Isar verschlagen hatte. Sammy Drechsel war gebürtiger Berliner und arbeitete hauptberuflich als Sportreporter für den Bayerischen Rundfunk. Er war aber auch ein leidenschaftlicher Kabarett-Fan und trieb sich gerne in Künstlerkneipen herum. Auch in der 'Alten Laterne' an der Leopoldstraße. Dort sah er eines Abends ein Amateur-Kabarett, das ihn aufhorchen ließ: 'Die Namenlosen'. Dieter Hildebrandt und Klaus Peter Schreiner, beide Studenten am Theaterseminar von Artur Kutscher, hatten dieses Ensemble im Januar 1955 gegründet. Drechsel, der ein ausgeprägtes Gespür für Talente hatte, bot ihnen eine Zusammenarbeit an. Als die 'Namenlosen' Anfang 1956 auseinanderbrachen, beschlossen Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt, gemeinsam etwas Neues auf die Beine zu stellen."

(Katinka Strassberger)

60 Jahre "Lach und Schieß"

Ein neues Ensemble gibt Hoffnung für die Zukunft

Das neue Ensemble mit Sebastian Rüger (l.-r.), Caroline Ebner, Frank Smilgies und Norbert Bürger

Die erfolgsverwöhnte Bühne hatte aber auch Krisen zu bewältigen. 1972 zum Beispiel, als das Ensemble auseinanderbrach und 1986, als Sammy Drechsel starb. Sein geniales Geschäftsmodell, nämlich mit traumhaften Fernseh-Einschaltquoten die Existenz des kleinen Ladens abzusichern, ging vor dem Hintergrund  vieler neuer Sender, die auf den Markt drängten, nicht mehr auf. Bis 1999 gelang es dennoch, die Ensemble-Tradition des Hauses kontinuierlich fortzuführen. Danach wurde die „Lach und Schieß“ immer mehr zu einem Ort für Gastspielauftritte anderer Kabarettisten. Mit Caroline Ebner, Norbert Bürger, Sebastian Rüger und Frank Smilgies gibt es nun erstmals seit Jahren wieder ein Ensemble, das hoffen lässt, dass der frühere Geist des Hauses wieder eine Zukunft hat.

"Wer sind wieder wir?"

Diese mehrdeutige Frage passt perfekt als Überschrift für das erste Programm dieses famosen Quartetts, das die Tradition des klassischen Nummernkabaretts überzeugend in die Jetzt-Zeit katapultiert. Mit einer temporeichen und raffiniert strukturierten Collage, die deutlich spürbar von der interdisziplinären Folkwang-Philosophie durchdrungen ist. Von mehr oder weniger moralinsaurer Besserwisserei: keine Spur. Stattdessen ein schillernder Mix aus klug reflektierenden Texten, lustvoller Komik und herrlich schräger Musik.

"Uns war schon bewusst, in welche Fußstapfen wir treten und haben die auch definitiv in der Arbeit nie ganz außer acht gelassen, aber haben es ganz gut geschafft, uns davon nicht lähmen zu lassen."

(Sebastian Rüger)

"Ich fand es schon eine große Aufgabe, und hat mich ein bisschen eingeschüchtert, also wir mussten da unseren eigenen Weg finden, unsere eigenen Fußstapfen, das war letztlich die Aufgabe.  Und das haben wir dann eben auch versucht."

(Caroline Ebner)

"Das Schöne ist halt in dem Fall auch, dass jeder Musik machen kann und dass wir als Band auftreten können, sonst würde es wieder so ein typisches 'hier Schauspieler, da Musik'. Für dieses Format, was wir machen, ist es wichtig, dass jeder alles macht, dass alles ineinandergreift, also dass es eine Collage wird. Auf allen Ebenen eigentlich."

(Norbert Bürger)

"Im Wesentlichen verbindet uns glaub ich auch, dass wir da wahnsinnig offen sind und gar nicht in diesen Kategorien so zuhause sind, Comedy, Theater, Musikkabarett – ruhig mal alles zulassen. Und gucken, was draus wird."

(Frank Smilgies)

60 Jahre Münchner Lach- und Schießgesellschaft - Sendungen und Mitschnitte zum Jubiläum:


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