Bayern 2


7

Katherine Mansfield kneippt Die Schriftstellerin in Wörishofen

Die Schriftstellerin Katherine Mansfield war schwanger. Unehelich. Um das zu verbergen, reiste sie 1909 für mehrere Monate nach Wörishofen. Zu einer angeblichen Kneipp-Kur. Eine Sendung über scheinbare Wassertherapien im Patriarchat.

Von: Carola Zinner

Stand: 13.05.2021 | Archiv

Im Jahr 1909 reiste die Schriftstellerin Katherine Mansfield nach Wörishofen, um sich dort, wie es offiziell hieß, zu erholen. In Wirklichkeit sollte der ruhige Kurort - damals noch ohne den Namenszusatz "Bad" - als Versteck dienen für die Neuseeländerin, die zuvor unehelich schwanger geworden war. Sie hatte sich zwar daraufhin verheiratet, doch nicht mit dem Vater des Kindes - und den Ehemann anschließend so schnell verlassen, wie sie mit ihm zusammengefunden hatte. Mansfields Mutter, die eigens aus Neuseeland angereist war, hatte nun Wörishofen angeordnet - vermutlich, damit die Tochter dort anonym das Kind zur Welt bringen und zur Adoption freigeben sollte.

Nach ihrer Fehlgeburt blieb Katherine Mansfield noch in Wörishofen

Statue zur Erinnerung an Katherine Mansfield im Kurpark von Bad Wörishofen

Kurze Zeit nach der Ankunft dort erlitt die 21-Jährige jedoch eine Fehlgeburt. Trotzdem blieb Mansfield danach noch für mehrere Monate in dem halb bäuerlichen, halb modernen Kurort. "Sie genoss das Barfußgehen und Wassertreten in heilenden Quellen, sie lebte von frischem Obst und unternahm lange Spaziergänge durch die Wälder der Umgebung, bis sie keine Veronal-Tabletten mehr brauchte", berichtet eine Freundin.

"Zu dieser Zeit galt sie als sehr fortschrittlich, die Kneippkur, die dort auch angeboten wurde, und Katherine Mansfield fing während dieser Monate im Allgäu, in Wörishofen, das ja damals noch gar nicht Bad Wörishofen war, fing sie an, die Situation, die sie dort erlebte, auch schreibend zu verarbeiten."

(Patricia Plummer, Professorin für Englische und Postkoloniale Literatur an der Universität Duisburg-Essen)

"Die Verhältnisse waren natürlich sehr einfach; es gab keine befestigten Straßen, dafür aber Kuhfladen, Pferdeäpfel und dampfende Misthaufen vor den Bauernhöfen. Das war so das, was natürlich den Gast erst mal empfangen hat. Manchmal liest man vom mondänen Kurort Wörishofen, der war aber damals alles andere als mondän."

(Michael Scharpf, erster Vorsitzender des Verschönerungsvereins Bad Wörishofen)

Pfarrer Sebastian Kneipp hatte Wörishofen weltweit bekannt gemacht

Pfarrer Sebastian Kneipp (historische Postkarte)

Wüsste man nicht, dass Mansfield sich in dieser Zeit bei einem Liebhaber mit einer Geschlechtskrankheit ansteckte, es klänge wie die perfekte Umsetzung der von Pfarrer Sebastian Kneipp entwickelten Wasser- und Lufttherapie. Diese hatte Wörishofen über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht. Mit mondänen Kurorten wie Karlsbad oder Baden-Baden allerdings hatte der Ort im Unterallgäu nur wenig gemeinsam.

"In einer deutschen Pension"

In dem Erzählband "In einer deutschen Pension", in dem Mansfield später ihre Erinnerungen an den Aufenthalt dort verarbeitete, finden sich denn auch nicht etwa Herz-, Casino- oder Genesungsgeschichten, sondern spöttische Betrachtungen über die Deutschen am Esstisch - "am Fleisch", wie es heißt, oder die düstere Schilderung einer freudlosen kleinbürgerlichen Ehe.

Buchtipp:

Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden

  • Autorin: Katherine Mansfield
  • Übersetzerin: Elisabeth Schnack
  • Herausgeber: Diogenes; 1. Edition (28. August 2012)
  • Gebundene Ausgabe: 912 Seiten
  • ISBN-10: 3257068395
  • ISBN-13: 978-3257068399

7