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Schmerztherapie Tabletten und andere Möglichkeiten der Behandlung

Eine chronische Schmerzkrankheit ist eine Erkrankung des ganzen Körpers und der Seele des Patienten: Deshalb ist es so wichtig, dass die Behandlung durch ein Zusammenwirken von Schmerzärzten, Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten, manchmal auch von Spezialisten in komplementären Verfahren wie Akupunktur oder Hypnotherapie, vor allem aber durch die aktive Mitwirkung des Patienten selbst erfolgt.

Stand: 12.10.2018

Therapeut drückt Gegenstand in die Achselhöhle einer Patientin zur Schmerzlinderung | Bild: colourbox.com

Bei der Behandlung chronischer Schmerzen reicht es also nicht aus, die Ursachen zu behandeln. Therapieziel ist es, auch das Schmerzgedächtnis zu beeinflussen. Die aufgebauten Lernprozesse müssen wieder rückgängig gemacht werden. Denn Nerven können auch vergessen und zur Ruhe kommen.Die Schmerztherapie wirkt darauf hin, dass sich das ganze Nervensystem wieder entspannt.

Die vier Komponenten der Schmerztherapie

Die Schmerztherapeuten (Algesiologen) unterscheiden vier Schwerpunkte in der Behandlung von Schmerzen:

  • Verhinderung von Gedächtnisprozessen

Wenn man frühzeitig genug eingreift, kann man die Chronifizierung von Schmerzen verhindern. Sind die Schmerzen bereits chronisch, muss man diese Lernprozesse wieder umkehren. So kann man bewirken, dass das Schmerzgedächtnis gelöscht wird und der Schmerz wieder verschwindet.

  • Einbeziehung der körpereigenen Schmerzkontrolle

Der Körper besitzt ein eigenes Schmerzkontrollsystem. Dieses produziert unter anderem Morphin, mit Endorphin, Serotonin und auch körpereigenes Cannabis. Serotonin spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Schmerztherapie versucht dieses körpereigene Schmerzkontrollsystem zu stärken.

  • Verbesserung der gestörten Körperfunktionen

Patienten mit Schmerzen können sich in aller Regel nicht so wie Gesunde bewegen. Die Folge ist beispielsweise, dass Muskeln abgeschwächt werden, andere sich verkürzen und dass Gelenke nicht reibungslos funktionieren. Diese gestörten Körperfunktionen sind bei 80 Prozent der Schmerzpatienten die Ursache ihrer Schmerzen, teils aber auch erst die mittelbare Folge anderer Schmerzen.

  • Aufbrechen sozialer Isolation

Schmerzpatienten ziehen sich oftmals zurück und werden einsam. Sie isolieren sich sozial, denn auch die Seele leidet, wenn man immer körperliche Schmerzen hat. Schmerztherapeuten sprechen hier von einem schmerzbedingten Psychosyndrom. Die Reintegration in das soziale Leben ist deshalb ebenfalls ein wichtiges Standbein der Schmerztherapie.

Medikamente gegen den Schmerz

Medikamente spielen in der Schmerztherapie eine wichtige Rolle. Sie können helfen, das Schmerzgedächtnis zu löschen. Wenn im Nervensystem Lernprozesse in Gang gekommen sind, wird zum Beispiel Morphin eingesetzt, das laut Dr. Müller-Schwefe "das körpereigene Endorphin nachmacht". Andere Substanzen wirken beruhigend auf die Nervenzellen ein. Bei Gewebeschädigungen - etwa Verletzungen oder Entzündungen - werden entzündungshemmende Mittel verwendet.
Kombinationen sind notwendig, wenn eine Entzündung zu behandeln ist, die schon länger andauert und bereits ein Schmerzgedächtnis aufgebaut wurde.

Angst vor Abhängigkeit: Wie groß ist die Gefahr?

"Die Angst vieler Patienten vor einer Abhängigkeit von starken Schmerzmedikamenten ist unbegründet - vorausgesetzt die Präparate werden richtig eingesetzt."

Dr. Müller-Schwefe

Dabei gelten laut dem Schmerzexperten folgende Regeln:

  • Schmerzpatienten, die beispielsweise stark wirksame Schmerzmittel vom Morphintyp (also Opioide) brauchen, müssen sie in einer Darreichungsform bekommen, die diese Substanzen sehr gleichmäßig freisetzt. Somit besteht keine Sorge, dass die Patienten abhängig werden.
  • Die Gefahr, dass die Patienten immer mehr brauchen, besteht nur dann, wenn man kurzwirksame Substanzen nimmt. Dann haben nämlich die Patienten immer wieder nach der kurzen Wirkdauer Schmerzen. Folglich wollen sie zu früh ihr Medikament nehmen und verlangen zunehmend mehr, um diese schlechte Schmerzerfahrung nicht zu wiederholen.

Das heißt: Wenn man mit gleichmäßig freisetzenden Präparaten arbeitet (zum Beispiel auch mit Pflasterdarreichungen), besteht die Gefahr der Abhängigkeit nicht.

"Neuere Medikamente berücksichtigen auch die Tatsache, dass unter einer Behandlung mit Opioiden in fast allen Fällen eine Darmträgheit auftritt, die man bisher mit entsprechenden zusätzlichen Mitteln - Laxantien - bekämpfen musste. Eine neue Medikamentengeneration (die Kombination von Oxycodon und Naaloxon) verhindert diese manchmal unangenehme Nebenwirkung."

Dr. Marianne Koch

Darüber hinaus gibt es eine neuere Substanzgruppe starker Schmerzmittel, die körpereigene Schmerzkontrolle verstärkt und nur geringe Opioidwirkung hat und somit auch weniger Nebenwirkungen auf den Darm (Tapentadol).

Schmerz und Depression - gehen leider oft Hand in Hand

"Die Schmerzforschung hat herausgefunden, dass Schmerzen auch in Gehirnregionen wirksam werden, die mit dem Gefühlsleben der Patienten zu tun haben, dem sogenannten 'Limbischen System'. Dadurch wird klar, warum Schmerzpatienten so oft gleichzeitig unter Depressionen leiden. Die Experten wollen auf diese Tatsache in Zukunft noch stärker eingehen und den Patienten durch die zusätzliche Gabe von antidepressiv wirkenden Medikamenten nicht nur seelische Unterstützung geben, sondern dadurch auch gleichzeitig ihre Schmerzwahrnehmung positiv beeinflussen. Oft sind diese Schmerzen in Ruhe, also in der Regel nachts stärker als in Bewegung."

Dr. Marianne Koch

Tipp:

Schmerzexperten finden Helfen kann hierbei das Adressverzeichnis der Deutschen Schmerzliga, das bundesweit über 3.500 Ärzte ausweist. Darunter finden sich viele hochspezialisierte Schmerztherapeuten, sogenannte Algesiologen. Für Nichtmitglieder kostet der Service fünf Euro.


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