Bayern 2


6

Schmerzkarrieren Wann wird ein Schmerz gefährlich?

Schmerzen können eine Hilfe sein. Treten sie akut auf, weisen sie darauf hin, dass im Körper eine Störung vorliegt. Sie zeigen beispielsweise an, dass Steine die Harnleiter blockieren, dass ein Knochen gebrochen ist oder dass ein Zahn entzündet ist.

Stand: 12.10.2018

Patient im Schmerztherapiezentrum Erfurt | Bild: picture-alliance/dpa

Der Schmerz als Warnsignal des Körpers verschwindet wieder, wenn die Ursache beseitigt ist. Dennoch: die Schmerzen, die etwa bei einer Nierenkolik, einem Beinbruch oder nach einer Operation auftreten, muss ein Patient nicht einfach aushalten. Auch diese sogenannten akuten Schmerzen sollten rechtzeitig und ausreichend behandeln werden, sonst können sie chronisch werden.

Chronische Schmerzen

Chronische Schmerzen folgen anderen Gesetzmäßigkeiten als akute Schmerzen. Sie bestehen weiter, auch wenn die Ursache längst behoben ist. Nach einer Gürtelrose können zum Beispiel brennende Schmerzen bleiben oder das gebrochene Bein, das nach Einschätzung des Chirurgen gut zusammengewachsen ist, reagiert nach wie vor berührungsempfindlich. In solchen Fällen muss man den Schmerz sehr schnell und intensiv behandeln, denn chronische Schmerzen entstehen immer aus akuten Schmerzen.

Das Schmerzgedächtnis

"Der akute Schmerz entsteht, wenn Schmerzrezeptoren, das sind eine Art Fühler in unserem Gewebe, gereizt werden. Dies geschieht durch eine Verletzung oder eine sonstige Störung des Gewebes."

Dr. Müller-Schwefe.

Chronisch werden die Schmerzen, wenn Lernprozesse einsetzen. Dann verändert sich das Nervensystem. Denn die Nerven sind nicht nur Leitungen, die wie Telefondrähte Informationen transportieren, sondern sie passen sich der Information an, die sie übertragen. Das bedeutet: Wenn Nerven immer wieder oder über längere Zeit mit "schmerzhaften" Informationen konfrontiert sind, dann verändert sich ihr Steuerprogramm und zwar so, dass diese Nervenzellen ein Gedächtnis anlegen.

Das Einmaleins der Schmerzen

Dr. Müller-Schwefe vergleicht das Schmerzgedächtnis mit anderen Gedächtnisprozessen, denn sie funktionieren stets gleich: Schon in der Schule lernt man das kleine Einmaleins oder Englisch durch Wiederholen.

"Gedächtnis aufbauen bedeutet, das Steuerprogramm so zu verändern, dass die Reaktion auf eine kurze Anfrage völlig anders als vor der Programmänderung ausfällt."

Dr. Müller-Schwefe

Beispiel: Die Antwort auf die Frage "Wie viel ist fünf mal fünf?" hat jedermann sofort parat. Man muss nicht lange rechnen, weil man das oft genug wiederholt hat. Doch die Antwort auf die Frage "Wie viel ist 615 mal 739?" findet sich nicht im Gedächtnis; sie ist nicht eingeübt worden. Durch das Wiederholen der einfachen Dinge kann sich das Steuerprogramm der Nervenzellen verändern und deshalb fällt dann auch die Reaktion anders aus. Das gilt für Schmerz genauso wie für Rechenaufgaben.

Schmerz prägt sich dem Körper ein

"Wenn ein Schmerz immer wieder kommt, verändert diese Information das Steuerprogramm der Nervenzellen im Rückenmark, im Hirnstamm und schließlich in der Hirnrinde. Dort werden die Schmerzinformationen verarbeitet"

Dr. Müller-Schwefe

Die Folge dieser Veränderungen ist, dass schon kleine Reize Schmerzempfinden auslösen. Wurde ein Schmerzgedächtnis aufgebaut, können bereits harmlose Informationen wie etwa eine Dehnung, eine Berührung, Druck oder Zug - manchmal sogar zärtliches Streicheln - zur Qual werden, weil sofort die Nervenzellen anspringen, die Schmerzmeldung weiterleiten.

"Dieser Ablauf ist typisch für chronische Schmerzen."

Dr. Müller-Schwefe

Schmerz ist nicht gleich Schmerz!

Für den Laien sind Schmerzen eben Schmerzen. Und Schmerzmittel gleich Schmerzmittel. Es ist aber außerordentlich wichtig, die vielfältigen Ursachen von Schmerzen zu erkennen, weil eine erfolgreiche Behandlung jeweils eine ganz andere sein muss.

Beispiel chronische Kopfschmerzen:

Schon bei chronisch wiederkehrenden Kopfschmerzen unterscheidet man zwischen Migräne, Spannungskopfschmerzen, Cluster-Kopfschmerz,  Trigeminus-Kopfschmerz und einem chronischen Schmerz, der durch die zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln – dem Medikamentenkopfschmerz – entsteht. Die Behandlung ist in jedem dieser Fälle eine unterschiedliche und  sollte unbedingt durch einen Neurologen oder Schmerztherapeuten erfolgen.

Beispiel neuropathische Schmerzen:

Schmerzen, die durch eine Nervenschädigung entstehen, sogenannte neuropathische Schmerzen, zu denen beispielsweise die Gürtelrose oder die Polyneuropathie bei Diabetes gehören, werden mit speziell auf diese Nerven wirkenden Substanzen behandelt.

Beispiel Rückenschmerzen:

Bei Rückenschmerzen oder Bewegungsschmerzen handelt es sich nicht selten um  psychische Probleme, die nachweislich zu Veränderungen der Muskelspannung, aber auch zu einer Beeinträchtigung der körpereigenen Verarbeitung von Schmerzreizen führt. Hier helfen dann psychologische Verfahren oder Entspannungstechniken. Bei anderen Ursachen von Rückenschmerzen – zum Beispiel bei einem Bandscheibenvorfall – sollte  zunächst eine wirkungsvolle Schmerzbekämpfung mit Medikamenten erfolgen, damit der Patient sich weiter bewegen und die sogenannte Multimodale Therapie gut mitmachen kann. Falls allerdings Lähmungen oder andere Nervenausfälle nachgewiesen werden, muss operiert werden, um keine dauerhaften Nervenschädigungen zu riskieren.

Auch Osteoporose kann ähnliche Symptome wie ein Bandscheibenvorfall machen, wenn ein Wirbel zusammenbricht. Hier gibt es wiederum andere Behandlungstechniken, und auch die Nachbehandlung wird eine andere sein.

Andere Auslöser von chronischen Schmerzen

  • Tumorschmerzen – die mit starken Medikamenten, aber auch durch Bestrahlung (der Knochen) gut gelindert werden können.
  • Fibromyalgieeine immer noch rätselhafte Schmerz-Überempfindlichkeit des ganzen Körpers.
  • Arthrose – Veränderung der Gelenke, zum Beispiel der Knie- oder Hüftgelenke
  • Chronische Polyarthritis – das entzündliche Rheuma, eine Autoimmunerkrankung, die ebenfalls die Gelenke befällt, aber auch Auswirkungen im gesamten Körper haben kann.

6