Bayern 2


9

Bauchweh, Kopfweh – Was kann es sein?

Von: Holger Kiesel

Stand: 12.10.2018

Schmerztherapien für Kinder werden in Deutschland noch selten angeboten. Im Bild: Krankes Kind im Bett mit Teddybär | Bild: picture-alliance/dpa

Schmerzen sind eine Erfahrung, die alle immer wieder machen müssen. Als Erwachsene entwickelt man Strategien, damit umzugehen. Man versucht sich bewusst zu entspannen oder abzulenken.

Experte und Studiogast:

Prof. Dr. Johannes-Peter Haas, Ärztlicher Leiter der Kinderklinik Garmisch-Partenkirchen gGmbH, Deutsches Zentrum für Kinder- und Jugendrheumatologie, Zentrum für Schmerztherapie junger Menschen

Kinder dagegen müssen Vieles erst lernen: Ihren Schmerz zu äußern, ihn richtig zuzuordnen und dann – sofern er nicht beseitigt werden kann - damit klarzukommen. Je nachdem, ob es sich um akute oder chronische Schmerzen handelt, für kürzere oder längere Zeit. Und natürlich spielen in der Schmerztherapie – gerade bei chronischen Schmerzen - auch Medikamente unterschiedlichster Stärke eine wichtige Rolle.

Warum hat man Schmerzen?

Schmerz ist ein ganz unmittelbares Warnsignal des Körpers. Er deutet auf eine Gefahr oder Verletzung hin, die eine Reaktion erfordert. Wenn Schmerz fühlbar wird, ist das aber bereits die letzte Stufe einer Reaktionskette. Die allermeisten Reize, die die Schmerzrezeptoren empfangen, nimmt man bewusst gar nicht wahr. Sie dienen lediglich dazu, Prozesse der Selbstregulation im Körper in Gang zu setzen, einen schmerzvermeidenden Reflex auszulösen (Wegziehen der Hand von der heißen Herdplatte) oder zur Schonung zu zwingen. Erst wenn eine geplante Handlung als Reaktion nötig ist (Behandlung, Wundversorgung) empfindet man Schmerz bewusst.

Schmerzempfinden bei Kindern und Erwachsenen

Ob und wie sich das Schmerzempfinden von Kindern und Erwachsenen unterscheidet, hängt stark vom Alter eines Kindes ab. Etwa ab dem Kindergartenalter gibt es gar keinen wesentlichen Unterschied in der Schmerzwahrnehmung mehr. Bei Babys und Kleinkindern dagegen sind viele Nervenbahnen im Gehirn und im Rückenmark noch nicht vollständig ausgebildet. Schmerz kann daher noch keiner bestimmten Körperregion zugeordnet werden, sondern wird nur als genereller Reiz wahrgenommen. Das erschwert das Monitoring und die Behandlung.

Schmerzen bereits im Mutterbauch?

Ob bereits ein Fötus im Mutterbauch Schmerzen empfindet, ist eine schwierige Frage. Die grundsätzlichen Voraussetzungen dafür – in Form erster neuronaler Strukturen – wären jedenfalls bereits ab etwa der sechsten Schwangerschaftswoche vorhanden. Allerdings besitzt er zu diesem Zeitpunkt noch kein Gehirnareal, in dem er solche Reize abbilden kann. Fest steht, dass bereits extrem kleine Frühgeborene ein – wenn auch sehr generalisiertes -

Schmerzempfinden haben.

Kleinkinder empfinden Schmerz anders
Annahmen, Säuglinge würden keinen Schmerz empfinden oder ihn sofort wieder vergessen, sind mittlerweile eindeutig wissenschaftlich widerlegt. Allerdings sind bei ihnen die Neuronen, die die Schmerzintensität regulieren, noch nicht voll ausgebildet. Außerdem fehlen Kleinkindern die Möglichkeiten, bewusst mit Schmerz umzugehen (Ablenkung, Entspannung). Auch kulturell bedingte Faktoren, die das Schmerzempfinden beeinflussen - zu beobachten etwa im Zusammenhang mit den Initiationsriten mancher Kulturkreise - spielen in diesem Alter noch keine Rolle.

Schmerzen zuordnen

Wie erkennt man Schmerz bei Kindern, die aufgrund ihres Alters oder einer Behinderung (noch) nicht sprechen können? Verschiedene Signale können Hinweise auf Schmerzen geben:

  • Das Kind wird zunehmend unruhig und unleidlich.
  • Es nimmt eine Schonhaltung ein.
  • Seine Herzfrequenz steigt.
  • Sein Blutdruck ist erhöht.
  • Es trinkt nicht mehr.
  • Es zeigt andere Stresssymptome.

Ähnliches gilt auch für Kinder, die zwar schon sprechen, aber Schmerz noch nicht richtig zuordnen können. Mithilfe sogenannter 'Schmerzskalen' kann die Summe der vorhandenen Werte und Symptome mittlerweile entsprechend interpretiert werden, sodass gezielter behandelt werden kann.

Formen des Schmerzes

Eine grundsätzliche Unterscheidung ist die zwischen akuten (plötzlich auftretenden, meist ereignisbezogenen) und chronischen (dauerhaften, wiederkehrenden) Schmerzen: Schmerzen die länger als drei Monate anhalten. Außerdem bestehen große Unterschiede in der Schmerzqualität (beispielsweise dumpf und pochend). Manche Schmerzen treten bei bestimmtem Verhalten auf (etwa Belastungsschmerzen), andere haben gar keinen Bezug. Zu den häufigsten einer bestimmten Körperregion zugeordneten Schmerzen, gerade bei Kindern und Jugendlichen, gehört der Kopfschmerz.

Dem Text liegt ein Gespräch mit Prof. Johannes-Peter Haas, Ärztlicher Leiter der Kinderklinik Garmisch-Partenkirchen gGmbH, Deutsches Zentrum für Kinder- und Jugendrheumatologie, Zentrum für Schmerztherapie junger Menschen, zugrunde.

Kinder können zwar Schmerzen äußern, aber was steckt wirklich dahinter? Im Bild: Arzt beim Abhören eines kranken Kindes beim Hausbesuch. | Bild: colourbox.com zum Artikel Gründe für Schmerzen bei Kindern Diagnose bei Kindern

„Mama, das tut so weh“ – Kinder können zwar Schmerzen äußern, aber was steckt wirklich dahinter? Und beschreiben sie immer den richtigen Körperteil? [mehr]

Jeder Schmerz bei Kindern ist 'behandlungsbedürftig'. Im Bild: Baby bei der Verabreichung eines Zäpfchens in die Nase. | Bild: colourbox.com zum Artikel Schmerztherapie Schmerz muss behandelt werden

Oft hilft es, das Kind in den Arm zu nehmen oder auch ein Pflaster. Manchmal sollten aber auch Kinder Schmerztabletten nehmen. Wann genau? [mehr]

Älterer Mensch mit den Händen vor dem schmerverzerrten Gesicht  | Bild: colourbox.com zum Thema Schmerzempfinden Unterschiede bei Mann, Frau und Alter

Was ist Schmerz? Keine leichte Frage. Tatsächlich kann man Schmerz nur subjektiv bestimmen. Und nicht nur jeder Einzelne empfindet anders – auch Männer, Frauen und alte Menschen leiden unterschiedlich. Doch Hilfe gibt es für alle. [mehr]


9