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Irreführende Bezeichnung Der Bewegungsschmerz

Entgegen dem Wortlaut werden als Bewegungsschmerzen alle Schmerzen bezeichnet, die vom Bewegungssystem ausgehen. Das heißt: auch Schmerzen, die in Ruhe auftreten.

Stand: 30.11.2016

Celine Wilde, Spielerin der Deutschen Hockey-Nationalmannschaft, bei einem Sturz während der Olympischen Spiele 2012 (beim Spiel gegen Australien) | Bild: picture-alliance/dpa

Das Bewegungssystem umfasst alles, was der Mensch braucht, um sich zu bewegen, also Knochen, aber auch Muskulatur, Bänder, Sehnen und Nerven. Für die meisten Bewegungsschmerzen findet sich deshalb im Röntgenbild kein Nachweis.

Wenig Aufschluss durch Röntgenbilder

"Die Patienten haben massive Schmerzen, obwohl das Röntgenbild nichts anzeigt. Auf der anderen Seiten sieht man oft dramatische Röntgenbilder mit teils heftig veränderten Knochen, aber die Untersuchten haben keine Beschwerden."

Dr. Müller-Schwefe

Häufigster Auslöser: Bagatellunfälle

Die häufigsten Ursachen für Bewegungsschmerzen sind Funktionsstörungen. Auslöser dafür sing oft kleinere Unfälle, die nicht ernst genommen werden, zum Beispiel Stürze von der Kellertreppe oder vom Wickeltisch, Rad-, Ski- oder Schulunfälle, auch kleinere Autounfälle, bei denen äußerlich nichts verletzt und auch nichts gebrochen wurde. Bei diesen Störungen kommt es in der Folge zu einer Veränderung der Muskelfunktion und damit zu einer Fehlbelastung von Gelenken. Die Folge können Schmerzen sein, die von Kopf bis Fuß bestehen.

Schmerzen nach Operationen - und anderes

Nicht selten sind Operationen die Ursache für spätere Bewegungsschmerzen. Auslöser ist die Lagerung des Patienten während der Narkose, die der betäubte Patient nicht korrigieren kann, auch wenn sie ihm unangenehm ist. Zum Beispiel klagen mitunter Patientinnen nach einem Kaiserschnitt über Rücken- und Kopfschmerzen. Weitere Ursachen für Bewegungsschmerzen sind entzündliche Veränderungen durch Rheuma oder Arthritis, aber auch Abnutzungserscheinungen, etwa Arthrose.

Richtige Diagnose

Für eine sinnvolle Diagnose muss der Patient ausführlich befragt werden, wann und welche Schmerzen er hat.

"Zudem muss der Patient von Kopf bis Fuß eingehend untersucht werden. Ein Patient mit Kopfschmerzen hat ein Recht darauf, das auch sein Becken angeschaut wird und sein Rücken und seine Füße. Jemand, den Rückenschmerzen plagen, kann verlangen, dass auch seine Kopfgelenke angeschaut werden."

Dr. Müller-Schwefe

Diese Art der Diagnose nennt sich neuroorthopädische Untersuchung, weil sie in den Bereichen der Neurologie und Manualtherapie entwickelt wurde. Spezialisiert auf neuroorthopädische Untersuchungen sind Manualtherapeuten und Schmerztherapeuten.

Neue Therapieansätze

"Wir sehen Bewegungsschmerz heute völlig anderes als früher", betont Schmerzspezialist Dr. Müller-Schwefe. Nach dem klassischen Therapieansatz wurden Patienten einfach zur Krankengymnastik geschickt. Der Erfolg blieb allerdings vielfach aus. Studien belegen, dass 27 Prozent der Rückenschmerzpatienten nach der klassischen Rehabilitation mehr Schmerzen haben als zuvor. Grund dafür ist, dass 56 Prozent der Patienten die verordneten Übungen aufgrund ihrer Schmerzen nur sehr eingeschränkt durchführen können.

Effektive Schmerztherapie

"Der richtige Ansatz ist eine effektive Schmerztherapie. Untersuchungen zeigen, dass rund 47 Prozent dieser Patienten eine Verlängerung ihrer Rehabilitationsmaßnahmen brauchen. Diese Zahl sinkt auf 27 Prozent, wenn Patienten eine gute Schmerztherapie erhalten. Durch effektive Schmerztherapie könnten bundesweit allein bei Rückenschmerzpatienten jährlich 1,3 Millionen Reha-Tage eingespart werden!"

Dr. Müller-Schwefe

Mobil trotz Bewegungsschmerzen

Wer Schmerzen hat, versucht sie zu vermeiden. Doch ruhig stellen, verschlimmert das Problem, veranschaulicht Dr. Müller-Schwefe:

"Der Körper ist ein fauler Hund, alles was er nicht benützt, wird abgebaut und reduziert. Das bedeutet Muskulatur verschwindet und zwar in ganz kurzer Zeit. Gelenkkapseln und Sehen ziehen sich zusammen. Am Ende kann man sich gar nicht mehr rühren. Deshalb ist Bewegung existenziell."

Dr. Müller-Schwefe

Tipp

Der Schmerzexperte Dr. Müller-Schwefe rät Bewegungsschmerzpatienten dringend, nicht lange mit dem Arztbesuch zu warten. Auch nach einem kleinen Sturz sollte man gleich überprüfen, ob die Funktion gestört ist und eine entsprechende Therapie einleiten.

"Die Devise heißt nicht: 'Zähne zusammenbeißen und durch', sondern: 'ausreichende Schmerzkontrolle und dann Bewegung!'"

Dr. Müller-Schwefe


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