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Schimpfwörter und Beleidigungen Wie man jemanden beleidigt und trotzdem politisch korrekt bleibt

"Dumm", "behindert", "schwul": Viele Beleidigungen in der deutschen Sprache werden auf Kosten bestimmter Gruppen gemacht. Warum Nazis nicht dumm sind und wir aufpassen sollten, wie wir Menschen beleidigen, erklärt die Autorin Seyda Kurt.

Von: Kathrin Wiewe

Stand: 20.10.2020

Hurensohn | Bild: picture-alliance/dpa

Frau Kurt, welche Beleidigung haben Sie zuletzt gemacht?

Ich benutze recht häufig das Wort "Scheiße". Also ich fluche so vor mich hin mit "Scheiße", aber ich benutze das auch, um andere Menschen zu beleidigen. Also, dass jemand ein "Scheißmensch" ist oder ein "Scheißtyp".

Das geht nicht auf Kosten von anderen. Auf wessen Kosten gehen die meisten Beleidigungen in der deutschen Sprache?

Das ist davon abhängig, in welchem Umfeld, welchem Milieu und welcher Altersklasse man sich bewegt. Ich glaube, bei jüngeren Menschen gibt es sehr viele sexistische Beleidigungen, zum Beispiel "Hurensohn". Bei uns auf dem Schulhof war das sehr beliebt. Sexistische und Sexarbeiter*innen-feindliche Beleidigungen gibt es viele.

In meinem Umfeld, und da spreche ich auch von mir selber, gibt es eine sehr geringe Sensibilität für ableistische Beleidigungen, also das, was Menschen mit Behinderungen betrifft. Das kennt man ja, wenn Leute das Wort "behindert" als eine Abwertung benutzten. Aber das hört dort noch nicht auf: "etwas ist total dumm" oder "etwas ist verrückt" - das alles fällt in diese ableistische Kategorie. Da geht es darum, Menschen mit Behinderung oder Menschen mit psychischen Erkrankungen herabzusetzen.

Also ist "dumm" auch schon eine politisch inkorrekte Beleidigung?

In gewissem Sinne schon, wenn man davon ausgeht, dass mit "dumm" und "schlau" in unserer Gesellschaft eine sehr binäre Denkweise aufgemacht wird, um die Intelligenz von Menschen zu beurteilen. Wobei aber viele Bereiche der Naturwissenschaften zum Beispiel sagen, es gibt nicht per se dumme Menschen. Deshalb finde ich das schwierig, diese binäre Denkweise fortzuführen. Und ich finde es problematisch, weil diese Kategorien in unserer Gesellschaft auch an moralische Kategorien gekoppelt sind. Also, dass "schlau" gut ist und "dumm" ist böse. Und das wird oft benutzt, um arme Menschen oder Menschen aus bildungsfernen Familien zu degradieren.

Und manchmal frage ich mich, ob man einfach zu faul ist, nachzudenken, was man eigentlich mit "dumm" meint. Also zum Beispiel gibt es auch diesen Spruch: "Nazis sind dumm". Was soll das denn heißen, dass Nazis dumm sind? Wenn man sich rechte Parteien anschaut, in Deutschland zum Beispiel die AfD, da sind so viele Leute mit einer Promotion. Also heißt es damit, dass die bildungsfern sind? Das sind sie auch nicht. Sie sind halt einfach rassistisch.

Was sagt es über jemanden aus, auf wessen Kosten er beleidigt?

Entweder ist die Person nicht sensibilisiert genug. Das passiert sehr oft im ableistischen Bereich. Obwohl ich auch finde, dass man immer eine Verantwortung trägt für das, was man sagt. Und wenn man zum Beispiel sexistische oder homofeindliche Begriffe benutzt, gehe ich davon aus, dass diese Person tatsächlich homofeindlich ist oder kein Problem damit hat, solche Bedeutungen und Zuschreibungen zu reproduzieren.

Wozu führt das in den Köpfen, wenn man das immer weiter reproduziert?

Beleidigungen funktionieren sehr stark über Tabubrüche. Ich finde, das zeigt sehr gut, was in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, was stigmatisiert wird, was marginalisiert wird. Es trägt zumindest einen Teil dazu bei, gewisse Zuschreibungen zu normalisieren. Und da sollte man sich Gedanken machen, sich damit selber auseinanderzusetzen: Wie funktioniert unsere Gesellschaft eigentlich? Was wird hier auf- und abgewertet?

Haben Sie einen Leitfaden, wie man politisch korrekt beleidigen kann?

Es gibt gewisse Tipps und Tricks. Also die sind jetzt auch nicht immer unverfänglich. Ich gebe zum Beispiel den Ratschlag, man kann auf Tierbezeichnungen zurückgreifen oder auf neutralere Bereiche der Sprache, wie zum Beispiel auf Gegenstände. Aber auch da muss man immer schauen, denn es gibt trotzdem Begriffe, die einfach aus historischen Gründen auf irgendeine Art und Weise konnotiert sind. Auch im Tierbereich, das "verrückte Huhn" im Bezug auf Frauen oder die "blöde Kuh".

Es gibt auch narrative Beleidigungen. Eine Formel, die ich sehr schön finde, die kommt aus dem Jiddischen: "Dem Köter sollen alle Zähne ausfallen, bis auf einen, damit er Zahnweh haben kann". Sonst finde ich zum Beispiel den Fäkalbereich ganz interessent in der deutschen Sprache, weil Begriffe wie "Scheiße" oder "Kacke" durch dieses Doppel-S oder dieses "ck" so starke und kräftige Laute haben.

Haben Sie ein paar Wörter, die man jedem politisch korrekt einfach so vor die Füße werfen kann?

Ich finde, "Arschloch" ist relativ unverfänglich, weil es eben keine Gruppe von Arschlöchern gibt, die diskriminiert werden in unserer Gesellschaft. Das hat mal der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch gesagt. Sonst finde ich so etwas wie "Arschgeige" ganz schön. Als gute Alternative zu "Hurensohn" kann man einfach "Hundesohn" sagen. Ich mag auch "Schweinehund", so ganz klassisch.

Ganz zum Schluss noch: Was ist Ihre Lieblingsbeleidigung?

Es gibt im Dialekt, zum Beispiel im Berlinerischen, ganz schöne Beleidigung und Schimpfwörter, so was wie "Fatzke", "Rabenaas", "du falscher Fuffziger". In Dialekten findet man immer sehr witzige Sachen. Oder bei Gemüse finde ich "du Kohlkopf" ganz schön.

Seyda Kurt

ist Autorin, Kolumnistin und Moderatorin. Sie schreibt und spricht über Film und Theater, intersektionalen Feminismus, Anti-Rassismus und Innenpolitik.

Auf dem Zündfunk Netzkongress 2020 leitet sie den Workshop "Politisch korrekt beleidigen".


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