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Mehr als nur ein Schönheitsfehler Schielen (Strabismus)

Das eine Auge blickt geradeaus, das andere zur Seite, nach oben oder nach unten: Rund zwei Millionen Menschen in Deutschland schielen.

Von: Uli Hesse

Stand: 05.06.2020

Komiker Marty Feldman: Eines seiner Markenzeichen war sein schielender Blick | Bild: picture-alliance/dpa

Wer schielt, fällt nicht nur auf. Wenn Kinder schielen, entsteht dadurch oft eine Sehstörung: Das Gehirn bemüht sich, die unterschiedlichen Bilder beider Augen zur Deckung zu bringen. Gelingt dies nicht, wird das schielende Auge vom Gehirn ausgeblendet und kann keine volle Sehkraft entwickeln (Fachausdruck Amblyopie).

Wie entsteht Schielen?

In den ersten Lebensmonaten lernen Säuglinge das Sehen, in dem durch Umwelteindrücke die Netzhaut mit dem Gehirn verkoppelt wird. Wenn in dieser sensiblen Phase ein Auge durch Schielen unterdrückt wird, weil das Gehirn sonst zwei unterschiedliche Bilder bekommen würde, dann lernt ein Auge nicht das Sehen.

"Allerdings lässt sich das manchmal nur schwer feststellen, weil der Schielwinkel so minimal ist, dass es nicht auffällt. Man nennt das Mikrostrabismus; es lässt sich nur vom Facharzt feststellen. Eltern können daher manchmal nicht erkennen, dass sich ein Auge schlechter entwickelt als das andere – nur eine Untersuchung kann Aufschluss geben."

Prof. Dr. Siegfried Priglinger

Behandlung bei Kindern

Bei Kindern wird das gesunde Auge zeitweise abgeklebt, um das unterentwickelte Auge zu stimulieren. Dadurch wird das vernachlässigte, aber sonst gesunde Auge trainiert und lernt zu sehen, in dem Netzhaut und Gehirn neuronal verschaltet werden.

Wichtig bei der Therapie der Amblyopie ist, dass diese Therapie so früh wie möglich begonnen wird. Denn wenn das Kind in den ersten Lebensmonaten nicht sehen lernt, ist es sehr schwierig, das in den ersten Lebensjahren nachzuholen. Je älter die Kinder sind, umso geringer ist die Chance, die Amblyopie zu verhindern.

Tipp:

Daher ist es ratsam, schnell den Augenarzt aufzusuchen, wenn Kinder Auffälligkeiten zeigen: Es gibt ein Fenster bis etwa zum Ende des Grundschulalters, bei dem sich diese Amblyopie noch behandeln lässt. Danach kann das Auge nicht mehr umlernen, die Sehkraft bleibt teilweise stark eingeschränkt. Hier gilt: Je früher die richtige Diagnose gestellt und eine entsprechende Behandlung begonnen wird, desto besser ist die Aussicht auf Ausbildung eines normalen Sehvermögens.

Alarmsignale und "normales" Schielen

Ein neugeborener Säugling kann Gegenstände noch nicht fixieren. Es ist normal, dass seine Augen manchmal nicht ganz parallel stehen. Bedenklich wird es nur dann, wenn ein Auge ständig von der Richtung des anderen abweicht. Eltern sollten auch dann aufhorchen, wenn sich ein Kind besonders "tollpatschig" anstellt, ständig gegen Gegenstände läuft oder beim Betrachten von Bildern später beim Lesen über Kopfschmerzen klagt. Nicht immer nämlich lässt sich eine Fehlstellung der Augen ohne weiteres erkennen. Erst eine gründliche Untersuchung kann in diesen Fällen Klarheit bringen.

Behandlungsmöglichkeiten beim Schielen

Bestimmte Formen des Schielens lassen sich durch die richtige Brille beheben.

"Die Amblyopie selbst lässt sich meist später nicht wegoperieren, da die neuronale Verschaltung zwischen Auge und Gehirn fehlt und das Auge nie das Sehen gelernt hat. Am Schielwinkel kann ein erfahrener Operateur etwas ändern, so dass beide Augen wieder geradestehen."

Prof. Dr. Siegfried Priglinger


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