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Schädlinge im Museum Käfer und Motten fressen unsere Kulturgüter

Die Holztafel, auf die Albrecht Dürer sein Selbstbildnis gemalt hat. Die Polizeiakten zum Fall "Räuber Kneißl", die im Bayerischen Hauptstaatsarchiv lagern: All das sind wertvolle Objekte. Für Insekten sind sie vor allem eins: lecker.

Von: Julie Metzdorf

Stand: 17.05.2019

Die wichtigste Aufgabe von Museen ist es, Natur- und Kulturgüter zu sammeln, sie zu erforschen und vor dem Verfall zu schützen. Die Finken, die Charles Darwin von den Galapagosinseln mitbrachte. Die Holztafel, auf die Albrecht Dürer sein Selbstbildnis gemalt hat. Die Polizeiakten zum Fall "Räuber Kneißl", die im Bayerischen Hauptstaatsarchiv lagern: All das sind wertvolle Objekte, die es für kommende Generationen zu bewahren gilt. Für manche Insekten aber sind diese Dinge vor allem eines: Nahrung. Nahrung, die in Unmengen zur Verfügung steht, an dunklen, ruhigen Orten, an denen im Sommer und im Winter 20 Grad oder mehr herrschen. Für Insekten kommt das einem Gala-Diner im Luxusressort gleich – nur, dass sie hier sogar täglich schmausen können. Parkettkäfer und Teppichfresser, Kleidermotten, Holzwürmer, Pelzkäfer, Papierfischchen, Termiten: Die Liste der Insekten, die unseren Kulturgütern gefährlich werden können ist lang. Sie alle ernähren sich von tierischen oder pflanzlichen Materialien. Und die sind in den Museen etwa in Form von Papier oder Holz üppig vorhanden.

Termiten verspeisen fast unbemerkt hölzernes Boot aus der Südsee

Reiner Pospischil | Bild: pmp-biosolutions.de

Dr. Reiner Pospischil ist Entomologe und Parasitologe

Besuch bei Reiner Pospischil in Stommeln bei Köln. Pospischil ist Spezialist für eingeschleppte Arten. Er hat viele Artikel und Bücher über Schädlinge geschrieben. Sein Haus beherbergt nicht nur eine Bibliothek mit Fachbüchern aus aller Welt, sondern auch Hunderttausende Fotos und eine riesige Insektensammlung. In einem der Schaukästen liegt neben den Übeltätern selbst auch ihr Werk: ein völlig zerfressenes Stück Holz. Tatsächlich hat es auch in deutschen Museen schon Termiten gegeben: Das Ethnologische Museum in Berlin hat in den 80er Jahren ein hölzernes Boot aus der Südsee erworben. Erst 30 Jahre später bemerkten Museumsmitarbeiter, dass kleine Kotbrösel von dem Boot herabfielen. Bis dahin hatten die Tiere ihren Kot in den selbst gefressenen Hohlräumen verstaut. Erst als die voll waren, schoben sie die Pellets nach außen und wurden dadurch entdeckt. In der Zwischenzeit hatten sie bereits eine benachbarte venezianische Gondel angegriffen. Die Termiten konnten getötet und die Boote gerettet werden. Wie es im Inneren der Holzplanken aussieht, weiß niemand so genau, aber sie sind stabil genug, um sie demnächst im neuen Humboldt-Forum in Berlin auszustellen.

Das Problem wird durch den internationalen Warenhandel verstärkt

In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl der schädlichen Exoten in Deutschland stark gestiegen. Laut Reiner Pospischil liegt das unter anderem an den Veränderungen im internationalen Warenhandel. Mit der Segelschifffahrt bis 1900 kamen die Ladungen nur in den großen Häfen an, in den großen Häfen kannte man viele Exoten schon sehr lange, die sich aber dort nie etablieren konnten, und damit war keine Gefahr gegeben, ins Landesinnere kamen die in der Regel gar nicht, weil die Waren alle umverpackt wurden. Ab den 1950er Jahren änderte sich die Situation. Damals kamen große Containerschiffe auf, zugleich verkürzten sich die Transportzeiten. In den letzten Jahren geht der Trend dahin, dass die Container in den Häfen gar nicht mehr ausgeladen, sondern per Lastwagen direkt weiter ins Landesinnere gebracht werden. Während des Transports können sich Schädlinge im Inneren der Container ungestört vermehren und am Zielort ausschwärmen.

Nicht die Motten schaden, sondern ihre Larven

Stephan Biebl steht im Verkehrszentrum des Deutschen Museums auf der Theresienhöhe in München. Biebl ist Schädlingsbekämpfer in der fünften Generation. Der selbsternannte Holzwurmflüsterer hat sich als Freiberufler auf Schädlinge in Museen und historischen Gebäuden spezialisiert. Eines der Insekten mit dem größten Schadpotential ist die Kleidermotte. Sie frisst gerne Tierhaare, beziehungsweise das darin enthaltene Keratin. Ob königlicher Hermelinmantel oder indianischer Federschmuck: Was auch immer Anteile von Schurwolle, Pelz, Fell oder Federn enthält, steht auf ihrem Speiseplan. Genau genommen sind es nicht die Motten, die den Schaden anrichten, sondern deren Larven. Sie fressen mehrere Monate vor sich hin, bevor sie zu dem kleinen Schmetterling mit den silbrig glänzenden Flügeln werden. Der legt dann neue Eier ab – und zwar bis zu 200 Stück und unter optimalen Bedingungen bis zu vier Mal im Jahr.

Mit Schlupfwespen Kleidermotten bekämpfen

Pelzmotte (Tinea pellionella), Larve in ihrem Gehäuse.

Zusammen mit Verena Reitz, der Leiterin der Museumswerkstatt, durchforstet Stephan Biebl alle vier Wochen die rund 60 Fahrzeuge mit gefährdeter Textilausstattung. Sie haben Klebefallen für die Schädlinge angebracht, und die werden regelmäßig überprüft. Außerdem legen sie zur Bekämpfung der Schadinsekten kleine grüne Kärtchen aus. Auf denen werden in den kommenden Wochen Feinde der Kleidermotte schlüpfen: 4000 winzige Schlupfwespen. Das sind sogenannte Eiparasiten: Sie suchen die Eier der Kleidermotten, piksen sie an und legen ihre eigenen Eier darin ab. So schlüpft statt einer Motte eine neue Schlupfwespe. Der Vorgang wiederholt sich solange, bis keine Motteneier mehr vorhanden sind und die letzten Schlupfwespen einfach absterben.

Der Wunsch Dinge zu erhalten, widerspricht der Natur

Die Kleidermotte frisst gerne Tierhaare und deshalb stehen auch die mit Rosshaar befüllten Sitze mancher Oldtimer auf ihrem Speiseplan.

Im Verkehrszentrum des Deutschen Museums hat das Verfahren gefruchtet: Bei den letzten Kontrollen in den drei Messehallen haben Stephan Biebl und Verena Reitz immer nur einzelne Motten gefunden. Doch ganz wird man Schädlinge im Museum nie loswerden. Im Grunde ist das, was wir als Schädlingsbefall bezeichnen ein ganz natürlicher Vorgang: Organische Substanzen unterliegen nun einmal dem Kreislauf des Lebens aus Werden und Vergehen. Der Wunsch vieler – aber auch nicht aller – Kulturen, Dinge zu erhalten, widerspricht im Grunde genommen der Natur. Kategorien wie "Schädling" oder "Nützling" entspringen der Perspektive des Menschen. Doch es ist dem Menschen nun einmal ein Grundbedürfnis, wertvolle Kulturgüter und Naturschätze an kommende Generationen weiterzugeben.


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