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Außenpolitik-Experte Sebastian Sons Saudischer Journalist Khashoggi - ermordet in der Türkei?

Wo ist Jamal Khashoggi? Einiges deutet darauf hin, dass er im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde. Welche Folgen hätte das? Ein Gespräch mit Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Von: Kerstin Grundmann

Stand: 09.10.2018

Saudischer Journalist Khashoggi  | Bild: dpa-Bildfunk

radioWelt: Wie plausibel ist für Sie die These, dass Khashoggi im Konsulat getötet worden sein soll?

Sebastian Sons: Ich mag das noch nicht wirklich glauben wollen, auch aus dem Grund, weil es ein strategischer Fehler für Saudi-Arabien wäre, einen solchen politischen Mord zu begehen. Für den Kronprinzen Mohammed bin Salman, der sehr darauf achtet, das Image im Ausland zu verbessern und Saudi-Arabien als modernes, offenes Land darzustellen, wäre das eine Image-Katastrophe; nicht nur das, es wäre eine politische Krise, die für Saudi-Arabien große Auswirkungen hätte. Dementsprechend bin ich von den Meldungen noch nicht überzeugt. Und ich hoffe auch, dass Kashoggi, den ich auch persönlich ganz gut kannte, noch am Leben sein wird.

radioWelt: Wie gefährlich war denn der Journalist für das Regime in Riad und damit vielleicht auch selbst gefährdet?

Sebastian Sons: Khashoggi war immer ein kritischer Kopf, aber er war kein Fundamental-Oppositioneller. Er hat Dinge angesprochen, auch schon zu seiner Zeit in Saudi-Arabien, mit denen er sich schon mit den Eliten angelegt hat- Aber er hat eigentlich auch immer betont, dass er ein Freund des Königshauses sei; er hat teilweise auch eng mit dem Königshaus zusammengearbeitet in seiner Karriere und dementsprechend ist er niemand gewesen, der wirklich auf den Sturz oder auf eine Revolution in Saudi-Arabien hingearbeitet hat. Deshalb mag ich auch den Begriff "Dissident" nicht- Er war ein kritischer Journalist, der den Finger in die Wunde gelegt hat, wenn es darum ging, die Wirtschaftsreformen in Saudi-Arabien zu kritisieren und auch zu sagen, dass da vieles noch im Argen liegt. Damit ist er auch nicht der einzige gewesen. Nur: Die Zeiten sind härter geworden, auch für kritische Köpfe in Saudi-Arabien. Das wusste er. Und dementsprechend hat er das Land auch letztes Jahr verlassen.

radioWelt: Wie geht denn das Königshaus prinzipiell mit Regimekritikern um? Gibt es andere Fälle, wo Oppositionelle im Ausland getötet worden sind?

Sebastian Sons: Das ist ganz schwer zu sagen, inwieweit das tatsächlich auch schon mal vorgekommen ist. Es gibt auch Gerüchte von Entführungen. Aber grundsätzlich muss man sagen, dass Saudi-Arabien in der Vergangenheit rote Linien nicht hat überschreiten lassen, wenn es darum ging, das Königshaus zu kritisieren oder die Religion bzw. die Religionsgelehrten. Dann ist das Königshaus schon immer recht hart gegen Kritiker vorgegangen. Aber es gab auch immer den Versuch, sie in das System wieder einzubinden, den Konsens zu suchen, ob das jetzt islamistische Kritiker waren oder ob das auch politische Kritiker waren.
Mohammed bin Salman fährt ja eine härtere Linie und das richtet sich vor allem gegen Aktivisten und auch gegen Personen des Establishments, wie man im November letzten Jahres gesehen hat, als der führende Minister und auch Mitglieder des Königshauses hat inhaftieren lassen. Das ist mit Sicherheit eine Dimension, wo viele Menschen in Saudi Arabien, die sich politisch geäußert haben, doch zunehmend vorsichtig werden, welche roten Linien denn jetzt überhaupt noch gelten und wann man denn eine rote Linie überschritten hat; das wissen wenige. Und dementsprechend ist es für kritische Stimmen in bestimmten Bereichen doch schwieriger geworden.

radioWelt: Welches Eskalationspotenzial zwischen Saudi-Arabien und der Türkei hat dieser Fall Kashoggi?

Sebastian Sons: Das ist in der Tat eine wichtige Entwicklung. Die Türkei und Saudi-Arabien haben insbesondere auch aufgrund des Syrienkriegs keine gute Beziehung miteinander derzeit. Die Türkei gilt als Unterstützer des politischen Islams, der Muslimbrüder aus Riad. Und dementsprechend sieht man hier, auch in sozialen Medien in Saudi-Arabien, eine türkische, aber auch eine katarische Verschwörung. Mit dem kleinen Land hat ja Saudi-Arabien im Moment auch Probleme. Und ich glaube, dass die Vorwürfe weiterhin anhalten werden von beiden Seiten: die Türken werden versuchen, die Saudis zu einer Aufklärung zu drängen, während die Saudis sagen, das ist dann auch Aufgabe der Türkei, und auf ihrem Standpunkt beharren werden. Ich glaube, das hat tatsächlich das Potenzial für eine längerfristige Krise und es ist insbesondere auch wichtig, wie sich die USA als der wichtigste Verbündete Saudi-Arabiens positioniert, ob hier auch von Donald Trump nachhaltiger Druck ausgeübt wird, Aufklärung zu leisten, oder ob man versucht, das unter den Teppich zu kehren. 


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