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Rolf Dieter Brinkmann "Rom, Blicke" und andere multimediale Werke

Rolf Dieter Brinkmann ist der Godfather der deutschen Pop-Literatur. Seine multimedialen Arbeiten faszinieren bis heute und gelten als Vorformen digitaler Schreibweisen. Markus Mayer portraitiert den Schriftsteller aus Köln.

Stand: 14.03.2018

Als "literarische Langzeitbeziehung" bezeichnet Markus Mayer sein Verhältnis zu Brinkmann, der ihn nie losließ. Brinkmann habe die richtigen Fragen gestellt. Markus Mayer spricht auf der Suche nach Spuren des Schriftstellers mit dessen alten Weggefährten. Außerdem fragt er, wie sich Brinkmanns Text-Bild-Collagen mit heutigen Seh- und Lesegewohnheiten wahrnehmen lassen.

"Brinkmann hat mich beim Erwachsenwerden begleitet, bei dem, was nach dem Körperwachstum einsetzt. Er hat Gedichtzeilen geschrieben, die ich immer noch mit mir herumtrage, Empfindsamkeit ohne Kitsch. Ob er sich dabei angreifbar machte, war ihm egal."

Markus Mayer

Sinn-Detektiv und Gegenwarts-Befrager

Rolf Dieter Brinkmann wurde während des Krieges 1940 in Vechta in Niedersachsen geboren. Auf eine abgebrochene Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten folgte eine Buchhändlerlehre, danach ein Pädagogik-Studium. Er war ein Autor mit Popappeal, aber ohne Popglamour. Ein förmlicher, höflicher Außenseiter, der Wert auf Distanz legte, der sich um das Innere, die Seele kümmerte und zeigte, was die Welt draußen mit uns anrichtet. Rolf Dieter Brinkmann war aber auch ein wütender Dichter, seine Themen sind Aufruhr und Widerspruch gegen die Verhältnisse, die Realität, den Zustand der Menschen. Er setzte sich mit der modernen Gesellschaft auseinander und sprach sich für eine Subjektivitätserweiterung durch populäre Medien wie Kino, Radio oder Fernsehen aus, die in der Literatur seiner Zeit keinen Platz fanden. Er war Sinn-Detektiv, Gegenwarts-Befrager mit einem leidenschaftlichen Verhältnis zu Sprache und Wirklichkeit, immer vom Konkreten ausgehend.

Neue Blicke auf Rom, die ewige Stadt

Sein Prosaband Rom, Blicke entstand Anfang der 1970er bei einem Stipendiums-Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom. Der Band ist ein Extrembeispiel von Reiseliteratur, ein Buch voller Foto-Text-Collagen, Bilder, Zeichnungen, Stadtpläne, Fotostrecken ohne Unterscheidung zwischen Wort und Bild. Dreckige Ecken sind da zu sehen, Müll, nicht die Postkarten-Kulisse der Sehenswürdigkeiten. 1979, als Rom, Blicke erstmals erschien, wurde diese Form noch "Fotoroman" genannt und passte nicht in die gängigen Vorstellungen von Literatur. Heute findet man in den Schreibweisen des Internets vergleichbare Herangehensweisen.

ACID oder Die neue amerikanische Literatur

Ein Mensch, der Brinkmann sehr gut kannte, war Ralf-Rainer Rygulla, Publizist, Übersetzer, Autor. Die beiden beschäftigten sich mit der literarischen Szene der USA, ihre Übersetzungen amerikanischer Underground-Gedichte unter dem Titel ACID machten Ende der 1960er die Werke der jungen amerikanischen Schriftsteller in Deutschland bekannt und brachten einen bisher ungewohnten Ton in die Literatur. Ganz anders als die von Brinkmann als genormt empfundenen westdeutschen Literaturprodukte sprengten sie Gattungsgrenzen und beschäftigten sich mit neuen Techniken und der Wirkung von Medien. Collagen, Fotos, Zeichnungen und Texte illustrieren und erweitern erzählerische Formen. Auch Tonaufnahmen und bewegte Bilder gingen in Brinkmanns Werk ein.

"Das Schreiben selbst war für ihn Leben. Da gab’s keinen Unterschied. Für ihn war Leben, Atmen, Essen gleichwertig mit Schreiben."

Ralf-Rainer Rygulla

Er spürte die Ansprüche des materiellen Zeitalters deutlich, kämpfte um Wertschätzung, durchlitt Schaffenskrisen. Am Existenzminimum lebend wetterte er gegen die Massen- und Wohlstandsgesellschaft. Seine Hassausbrüche machten deutlich, wie groß seine Ablehnung gegen das "Angst- und Todes-Universum einer mörderischen, verwüstenden Zivilisation" war.

Wahrheit hinter Bildern und Worten?

Rolf Dieter Brinkmann hat ein vielschichtiges Werk hinterlassen, bei dem es ihm nicht um eine multimediale Selbstdarstellung ging, sondern um das Durchkämpfen zu einer Wahrheit, die sich hinter Bildern und Worten verbirgt. Es wäre interessant, wie Brinkmann die Möglichkeiten des Internets nutzen würde, wie er das Medium an sich rezipieren würde. Leider wird man das nie erfahren. Denn Rolf Dieter Brinkmann starb im April 1975 im Alter von 35 Jahren bei einem Autounfall in London.