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Risikobalance durch Risflecting Vom Umgang mit Tiefschneekick und weißem Rausch

Wenn Neuschnee gefallen ist, lockt der weiße Rausch. Gerade Jüngere suchen den „Kick“ im Tiefschnee, und welcher Skifahrer möchte nicht den „Flow“ erleben, wenn er in fluffigen Pulver eintauchend nur noch den Moment des Abfahrtsrausches lebt und das Risiko vergisst. Niemand sollte sich einfach hineintreiben lassen von der Lust oder der Sucht nach dem Tiefschnee-Kick. Der österreichische Risikopädagoge Gerald Koller hat in den vergangenen 20 Jahren ein ausgeklügeltes Modell namens „Risflecting“ entwickelt. Risflecting heißt, das Risiko zu reflektieren und zu lernen, richtig damit umzugehen.

Von: Georg Bayerle

Stand: 12.01.2019

Vom Umgang mit Tiefschneekick und weißem Rausch | Bild: BR; Georg Bayerle

Der entscheidende Schritt ist anzuerkennen, dass es ohne Risiko nicht geht - am Berg genauso wie im Leben, sagt Gerald Koller. Risiko hat mit Herausforderungen und Unsicherheiten im Sinne einer Managementstrategie zu tun, ebenso mit emotionalen Aspekten wie Angst und Lust. Risiko kann man nicht minimieren oder vermeiden, denn dann müsste man das Leben vermeiden. Straßenverkehr ist Risiko, Beziehung ist Risiko, Natursport ist Risiko, wobei Risiko nicht mit Gefahr zu verwechseln ist. Im Gegensatz zum Risiko bedeutet Gefahr die unmittelbare Bedrohung der Existenz. Doch während die Gesellschaft Gefahr und Risiko praktisch deckungsgleich versteht, betont Gerald Koller, wie wichtig es ist, Risiko und Gefahr deutlich voneinander zu trennen. Ein Beispiel: Man sagt Kindern, dies oder das ist gefährlich. Dabei ist es für eine Zweijährige nicht gefährlich, ein 30 Zentimeter hohes Betonmäuerchen zu erklettern - es ist riskant.

Die Menschheit hat, so Gerald Koller, nur deshalb überlebt, weil das Gehirn zwischen Gefahr und Risiko unterscheiden kann. Sich ins Risiko zu begeben, ist persönlichkeitsbildend, denn eine riskante Situation erzeugt gemischte Gefühle von Angst, Unsicherheit, Lust und Herausforderung und muss erst einmal gesteuert werden können. Um dem gerecht zu werden, hat Gerald Koller eine eigene Methodik entwickelt – das Risflecting, und zwar anhand der zunehmenden Unfälle im Tiefschnee. Die Frage war: Haben sich die vor allem jugendlichen Skifahrer überfordert oder hat sie der Powder-Hang überfordert. Zur Warnung klassische Totenköpfe aufzustellen, hatte nur zu einer Erhöhung der Attraktivität geführt. Schließlich ist bekannt, dass, wenn man sagt, du kannst überall hingehen, nur nicht zu einem bestimmten Punkt X, dann treffen sich nahezu alle binnen kurzer Zeit an genau jenem Punkt. Verbote erhöhen also nur die Attraktivität dessen, was man verhindern will. Stattdessen setzt Gerald Koller mit seinem Modell Risflecting bei den Szene-Leadern an, also bei denen, die auch in einer Gruppe die treibende Kraft sind.

Drei Techniken bilden das Handwerkszeug, um in Risikosituationen die richtige Entscheidung zu treffen: erstens „take a Break“, also nimm dir eine kurze Bedenkzeit, wie fühlst du dich, bist du bereit? Zweitens „look at your friends“ - schau, wie es den anderen geht und ob es ihnen gut dabei geht. Und drittens reflektiere die Sache am Tag danach gemeinsam mit denjenigen, mit denen du unterwegs warst. So entsteht aus dem Erlebnis plus Reflexion eine wertvolle Erfahrung, und die wiederum hilft, Risiken richtig einzuschätzen und mit ihnen gut umzugehen. Gerade die Berge bieten dafür einen Erfahrungsraum, in dem man für das Leben lernt.

Während man Gefahren meiden sollte, gehört das Risiko nicht nur dazu, sondern trägt auch zur Persönlichkeitsbildung bei. Die Gesellschaft aber versucht mit ihrem Sicherheits- und Kontrollbedürfnis jegliches Risiko auszuschalten. Übertragen auf den Berg heißt das, dass Skifahren im freien Gelände nicht per se als lebensgefährlich hingestellt werden sollte. Es kommt eben immer ganz genau darauf an, wie Hang und Schneelage beschaffen sind und welches Können die einzelnen Mitglieder einer Gruppe haben. Erst durch das Unterwegssein im freien Erfahrungsraum Berg entwickelt man diese besonderen Fähigkeiten, zu denen auch gehört, richtig miteinander zu reden und zu spüren, wie es den anderen geht. Oder anders gesagt – nicht nur auf den Kopf, sondern auch auf das Bauchgefühl zu vertrauen!


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