Bayern 2


13

Reliquienraub Der unheilige Plan des Bayernherzogs

Bayerns Herzog Wilhelm V. war begeisterter Reliquiensammler. Dafür schreckte er selbst vor Raub nicht zurück: Ziel seiner Begierde war das kostbare "Reichsheiltum", das im protestantischen Nürnberg lag.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 20.06.2019 | Archiv

München, 1584. Ein hagerer, asketisch wirkender Mann mit Bart ist im Halbdunkel einer Kirche tief ins Gebet versunken. Vier Stunden verbringt er betend auf Knien – täglich. Dazwischen widmet er sich geistlichen Betrachtungen, geht zur Beichte, hört mehrere Messen, erforscht mittags wie abends sein Gewissen.

In jenen Sommertagen des Jahres 1584 jedoch quälen ihn eigentümliche Gedanken. Sie kreisen um Knochen. Heilige Gebeine, die er unbedingt in seinen Besitz bringen will. Egal, auf welche Weise.

Der Asket mit dem Bart ist nicht etwa ein Mönch. Sondern ein durch und durch katholischer Herrscher. Es ist Wilhelm V., Herzog von Bayern.

Im Kampf ums Seelenheil geht Herzog Wilhelm V. notfalls auch über Leichen

Verbrennung von drei als Hexen verurteilten Frauen, um 1580

Mit ihm setzt die systematische Hexenverfolgung in Bayern ein. In Schongau lässt er 63 Frauen enthaupten und verbrennen. Auch die Calvinisten sollen nach seinen Vorstellungen am besten ausgerottet werden.

Ketzerische Täufer werden gefoltert und hingerichtet. Und Lutherische, wie die im oberbayerischen Miesbach und in Schliersee, werden mit Gewalt bekehrt oder vertrieben. Wer keinen Beichtzettel vorweisen kann, wird des Landes verwiesen.

Ein besessener Sammler von Kunstwerken und Diamanten - und Reliquien

Wilhelm V., Herzog von Bayern (1579-1597)

Das Christlich-Asketische ist nur die eine Seite des grüblerischen und oft schwermütigen Katholiken. Die andere ist eine antik-sinnesfreudige. Zwar ohne die Ausschweifungen anderer Renaissancehöfe, aber mit umso mehr Liebe zu Prunk und Pracht. Eine Liebe, die Tradition hat im Hause Wittelsbach. Den vom Vater Albrecht V. geerbten Schuldenberg erhöht Wilhelm V. geradezu spielerisch.

Der Herzog lässt gerne prächtige Kirchen und Residenzen bauen und ist ein besessener Sammler von Kunstwerken und Diamanten. Und: Wilhelm hat ein großes Faible für Reliquien.

Daher ist es dem glühenden Katholiken auch ein Dorn im Auge, dass sich ausgerechnet einer der kostbarsten Reliquienschätze des Abendlandes, das sogenannte "Reichsheiltum", jenseits der Grenze in der – protestantisch gewordenen – Reichsstadt Nürnberg befindet.

Mit Hilfe eines Agenten soll der heilige Schatz geraubt werden

Das muss sich ändern, findet Wilhelm und entwirft eigenhändig einen recht unheiligen Zwölf-Punkte-Plan: Sein Agent für Reliquienbeschaffung soll in Begleitung eines Schlossergesellen "under cover" nach Nürnberg reisen, um die begehrten Reliquien zu rauben und nach Bayern zu bringen: "Alles wholbedechtlich und listig …"

Die "Reichskleinodien" und das "Reichsheiltum"

Deutsche Kaiserkrone, Reichskreuz, Reichsschwert und Reichsapfel. (Weltliche Schatzkammer. Wien, Kunsthistorisches Museum)

Die Reichskleinodien sind die Herrschaftsinsignien der Kaiser und Könige im Heiligen Römischen Reich.

Vornehmstes Objekt ist die Reichskrone. Daneben gelten Reichsapfel, Szepter, Schwerter und Krönungsmantel als Zeichen der von Gott verliehenen Macht.

Zu diesen Reichskleinodien gehört seit dem Mittelalter auch das Reichsheiltum. Es ist eine Sammlung der allerkostbarsten Reliquien. Im Mittelalter glaubte man, dass sie direkt aus den Tagen Christi stammen.

Die Heilige Lanze, mit der der römische Hauptmann Longinus einst Jesus in die Seite stach. Das Reichskreuz mit Partikeln vom Kreuz Christi. Ein Span von der Krippe des Herrn, ein Gewandstück des Evangelisten Johannes, ein Zahn Johannes des Täufers, ein Stück vom Tischtuch des Letzten Abendmahls. Ein Stück vom Schürztuch Jesu von der Fußwaschung.

Was für ein großartiger Schatz! Kaiser Sigismund hatte ihn im Jahr 1424 nach Nürnberg transportieren lassen, versteckt in einem ordinären Fischwagen, auf der Flucht vor den rebellischen Hussiten, die versucht hatten, diesen Staatsschatz aus der Burg Karlstein bei Prag zu rauben. Seit 160 Jahren also lag er nun in der Reichsstadt Nürnberg. Aber die war zwischenzeitlich protestantisch geworden ...

Thomas Grasberger erzählt einen politisch brisanten Kirchenkrimi und geht auch der Frage nach, wie es heutzutage in Bayern um Reliquien steht.


13