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Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung Raul Krauthausen: "Inklusion ist keine Checkliste"

Vor Treppen stehen und nicht weiterkommen, weil der Aufzug wieder nicht funktioniert: Raul Krauthausen sitzt im Rollstuhl und erlebt das quasi täglich. Darum hat er den Verein "Sozialhelden" gegründet, der sich für eine behindertengerechte Gesellschaft einsetzt. Der Menschenrechtsaktivist fordert mehr Gesetze, damit Behinderte ihre Rechte einklagen können.

Von: Veronika Lohmöller

Stand: 03.12.2019

Aktivist für Inklusion und Menschen mit Behinderung: Raul Krauthausen | Bild: © picture alliance

Mit welchen Barrieren haben Sie zu kämpfen, wenn Sie unterwegs sind, Herr Krauthausen? Womit werden Sie da konfrontiert?

Barrieren gibt es viele. Die aufzulisten würde den Rahmen der Sendung sprengen. Ich würde sagen, die Barriere in den Köpfen ist die größte Barriere, weil wir glauben, dass allein das Appellieren an Menschen schon eine inklusive Gesellschaft schaffen würde. Das ist aber nicht so. Ich glaube fest daran, dass eigentlich nur Gesetze und auch Rechte Menschen mit Behinderung wirklich weiterbringen bei der Teilhabe in unserer Gesellschaft. Dazu gehört auch, dass sie ihre Rechte einklagen. Die Möglichkeiten, jemanden zu verklagen, wenn er oder sie nicht Barrierefreiheit ermöglicht oder eben die Schule das Kind mit Behinderung nicht aufnehmen möchte. Hier immer nur an den Goodwill eines Einzelnen zu appellieren, löst nicht das Problem.

Was in der Politik gerne als Inklusion bezeichnet wird, klappt also noch nicht in Deutschland, weil die Gesetze fehlen?

Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen

Ganz genau. Wir brauchen nur mal nach Österreich zu schauen, wo bereits vor zehn Jahren beschlossen wurde, dass die Privatwirtschaft seit Anfang dieses Jahres verklagt werden darf, wenn sie nicht barrierefrei ist. In Deutschland diskutieren wir noch nicht einmal über diese zehnjährige Übergangszeit. Soweit ich weiß, ist die österreichische Privatwirtschaft daran nicht zugrunde gegangen. Im Gegenteil: Die Dienstleistungen dort sind wesentlich besser geworden für Menschen mit Behinderung im Sinne der Barrierefreiheit – allein schon dadurch, dass es Schlichtungen gibt. In Deutschland gibt es einen vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Privatwirtschaft. Die Angst, dass man sie überfordern könnte. Und das ist letztendlich auch das Märchen, das ihnen die Wirtschaft erzählt, aber in Wirklichkeit auch andere Länder. Die Vereinigten Staaten von Amerika oder sogar Großbritannien haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, dass, wenn man die Privatwirtschaft in die Verantwortung nimmt, diese dann auch letztendlich Barrierefreiheit herstellen kann.

"Für mich ist Inklusion keine Checkliste, die wir irgendwie abhaken können. Sondern Inklusion ist immer ein Prozess, ein Prozess der Annahme und der Bewältigung menschlicher Vielfalt."

Raul Krauthausen

Sie haben ja ganz konkrete Forderungen. Haben Sie sich denn schon mal an einen Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen gewandt? Die gibt es ja von der Bundesregierung oder auch von Landesregierungen.

Das Dilemma an den Beauftragten für die Menschen mit Behinderung der Länder und des Bundes ist ja, dass das im wahrsten Sinne des Wortes zahnlose Tiger oder Tigerinnen sind; dass sie zwar Beauftragte sind, aber keinen Minister-Status oder Ministerinnen-Status haben, und dass sie relativ wenig Handhabe haben, auch rechtlich. Die können immer nur beratend zur Seite stehen, wenn Ministerien irgendwelche Gesetzesvorschläge machen. Und sie können mahnen und appellieren wie ein Bundespräsident, aber sie können nicht wirklich Gesetze verhindern mit einem Veto.


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