Bayern 2


2

Ausgezeichnet mit dem Publizistikpreis: Gras als Medizin - Was bei der Cannabis-Legalisierung falsch läuft

2020 wird in Deutschland zum ersten Mal medizinisches Gras geerntet - wenn alles gut geht. Denn seit der Legalisierung von Cannabis in der Medizin gibt es immer wieder Pannen. Unter denen leiden vor allem die Patienten, die Konzerne wittern weiter das große Geschäft.

Von: Nicolas Martin

Stand: 12.11.2019

Anja Weiß steht in ihrer kleinen Küche, in ihrem Haus in der Eifel. Auf einem einfachen Gasherd mischt die 51-Jährige in einem Aluminiumtopf Butter mit Kokosöl - und Cannabis. Sie will nicht, dass ihr echter Name genannt wird. Wegen der vielen Vorurteile.

Cannabis helfe ihr besser als jedes andere Medikament, sagt Anja Weiß. 30 Jahre lang hat sie als Hebamme gearbeitet und fast 3.000 Kinder auf ihrem Weg in die Welt begleitet. „Ich leide an schweren neuropathischen Schmerzen - das sind im Grunde Nervenschmerzen, die aufgrund einer Nervenschädigung entstanden sind. Starke Kopfschmerzen – Migräneanfälle, bei denen nichts geholfen hat, 15 Mal im Monat. Starke spastische Verspannung im Rücken, in der Brustwirbelsäule, Sensibilitätsstörungen in den Extremitäten – das ist ganz vielschichtig“, erzählt Weiß. Ihre seltene Krankheit heißt Syringomyelie.

Wie viele Cannabis-Patienten hat Anja Weiß vorher schon das halbe Apothekensortiment durchprobiert. Zuerst nimmt sie Antidepressiva, Migränemittel – sogenannte Triptane - und probiert viele andere unterschiedliche Schmerzmittel. Das Cannabis-Rezept ist für sie die Rettung.

Cannabis auf Rezept

Seit März 2017 dürfen Ärzte Cannabis in Deutschland als Arzneimittel verschreiben. Doch bisher läuft hierzulande vieles nicht rund. Eine erste Ausschreibung für den Anbau war fehlerhaft, deshalb muss Cannabis in Deutschland immer noch zu 100 Prozent importiert werden. Politiker agieren als Getriebene von Gerichten, Ärzte sind sich beim Thema nicht einig, es fehlt an Forschung. Leidtragende sind die Patienten. Sie können ihre Sorte Gras in den Apotheken häufig nicht finden und sie bekommen die Kosten für ihre Medizin oft nicht erstattet.

Weil sie sich ihre Therapie mit Apothekenpreisen nicht leisten konnten, klagten einige. Sie wollten ihr Cannabis selbst anbauen und sie bekamen Recht. Es waren klare Präzedenzfälle. Die Bundesregierung hatte wohl Angst, die Kontrolle zu verlieren, Angst vor tausenden Cannabis-Plantagen in deutschen Hinterhöfen, auf Balkonen und in Gärten. Nur deshalb kam das Gesetz.

„Dieses Gesetz ist wegen dieser Entscheidung zum Eigenanbau - ich sage es mal ein bisschen flapsig, mit heißer Nadel gestrickt worden. Viele Juristen, die an dieser Gesetzgebung beteiligt waren, haben gesagt, das ist jetzt nicht wirklich das beste Gesetz, das jemals vom Deutschen Bundestag verabschiedet wurde, was juristische Feinheiten angeht. Man hat so ein paar Dinge, weil es schnell gehen musste, einfach entweder ganz vergessen oder nicht perfekt zu Ende gedacht“, sagt Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie ist eine der anerkanntesten Expertinnen für Cannabis als Medizin und hat den Bundestag bei der Gesetzgebung beraten.

Juristische Fehler

Wegen dieser juristischen Fehler sei heute das Autofahren für Cannabis- Patienten immer noch sehr schwammig geregelt. Auch die im Gesetzentwurf angelegte Begleitstudie wird zu einer Begleiterhebung abgeschwächt und liefert fast drei Jahre später kaum aussagekräftige Daten, darüber wie die neue Medizin wirkt.

Zu den Fehlern gehört auch, dass die Bundesregierung sich bei den Patientenprognosen katastrophal verrechnet hat. Mit 700 neuen Nutzern von medizinischem Cannabis im Jahr hat sie gerechnet. Doch schon heute beziehen zehnmal so viele Menschen wie vorhergesagt Cannabis auf Rezept. Das geht aus Anfragen bei den vier größten Krankenkassen hervor.

Cannabis - das große Geschäft

Medizinisches Gras könnte also schon bald ein großes Geschäft werden: Die Börsen zumindest sind wie im Rausch. Davon getrieben drängen Cannabis-Konzerne auch auf den deutschen Markt - sie kommen vor allem aus Kanada, dem Vorreiter in Sachen Cannabis.

Hendrik Knopp will Cannabis in Deutschland anbauen. Er bewirbt sich 2017 bei der Ausschreibung vom Bundesinstitut für Arzneimittel. Er kommt in die engere Auswahl, dann klagen unterlegene Unternehmen wegen Formfehler und bekommen Recht. Die Ausschreibung war mangelhaft. Das Verfahren muss neu aufgerollt werden. Inzwischen hat er den Zuschlag bekommen, aber die erste Ernte verzögert sich mindestens um ein Jahr.

„Fakt ist, dass die Bundesregierung die Versorgung mit Medizinal-Cannabis für die Patientinnen und Patienten total verschleppt hat“, sagt Kirsten Kappert-Gonther, eine der gesundheitspolitischen Sprecherinnen der Grünen im Bundestag. „Und jetzt ist der Fall eingetreten, dass wir viel zu wenig Medizinal-Cannabis zur Verfügung haben, um wirklich den notwendigen Bedarf der Patientinnen und Patienten zu decken."

Am Patienten vorbei

Die Cannabis-Patientin Anja Weiß ist verzweifelt: Vor einem halben Jahr wurde ihre Klage auf Kostenübernahme vor Gericht abgelehnt. Sie muss ihre Medizin weiter selbst bezahlen. Doch weil sie das nicht dauerhaft kann, hat sich Weiß entschieden, auf die Hälfte ihrer verschriebenen Dosis zu verzichten: „Die Schmerzen haben massiv zugenommen, die Schlafstörungen haben massiv zugenommen. Die Kopfsschmerzen sind stärker geworden. Ich hab den Konsum von den Triptanen wieder hochnehmen müssen, weil ich es einfach nicht geschafft habe, über den Tag zu kommen. Das hat mich mächtig zurückgeworfen.“

Wenn Sie mehr über Cannabis als Medizin erfahren möchten, hören Sie das Feature "Gras als Medizin: Wie Deutschland in die Cannabis-Zukunft stolpert", eine Sendung von Nicolas Martin.

Regie: Susi Weichselbaumer
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Johannes Berthoud
Produktion: BR/SWR 2019


2