Bayern 2


16

75 Jahre Befreiung von der Nazi-Herrschaft KZ-Gedenkstätte Dachau: Der lange Kampf um die Erinnerung

Nach dem 2. Weltkrieg mussten Nazi-Opfer gegen das Vergessen ankämpfen - während viele Deutsche nichts mehr von ihren Verbrechen wissen wollten. Die Geschichte der KZ-Gedenkstätte Dachau zeigt, wie hart der Kampf um die Erinnerung bis heute ist.

Von: Michael Backmund und Thies Marsen

Stand: 15.04.2020 | Archiv

Den Soldaten der 7. US-Armee bietet sich ein Bild des Grauens, als sie am 29. April 1945 mittags das KZ Dachau erreichen. Sie stoßen zunächst auf Waggons eines Evakuierungszugs, der zwei Tage zuvor aus dem KZ Buchenwald in Dachau eingetroffen ist – darin hunderte Leichen. Auch im Lager selbst türmen sich Tote. Über 32.000 Häftlinge sind zu diesem Zeitpunkt im völlig überfüllten KZ.

Häftlinge, teilweise in gestreifter KZ-Häftlingskleidung, nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau, Aufnahme vom 29. April 1945 | Bild: United States Holocaust Memorial Museum, Fotografie #45075 (gemeinfrei)

Häftlinge nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945

Hunderte Kranke und Unterernährte werden noch in den ersten Tagen und Wochen danach sterben. Schon zwei Tage nach der Befreiung begehen die Überlebenden, die noch oder bereits wieder stark genug dazu sind, eine 1. Mai-Feier auf dem einstigen Lagergelände und schwören, die Erinnerung an ihre toten Kameraden aufrechtzuerhalten.

Der lange Kampf um die Erinnerung beginnt

Doch es wird Jahrzehnte dauern, bis in Dachau angemessen der Verbrechen der NS-Zeit und ihrer Opfer gedacht wird. Und der Kampf um die Erinnerung ist bis heute nicht vorbei. Denn Erinnerung ist keine Sache der Vergangenheit, sondern findet in der Gegenwart statt und ist dementsprechend umkämpft. Auch jetzt wieder, etwa wenn führende AfD-Politiker die NS-Vergangenheit als "Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte" bezeichnen oder eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" fordern.

Ehemalige Häftlinge und ihre Angehörigen bei einer Gedenkfeier im Konzentrationslager Dachau.

An kaum einem Ort zeigt sich der Kampf um die Erinnerung so plastisch wie in Dachau, jener kleinen Stadt vor den Toren der "Hauptstadt der Bewegung", wo die Nazis im März 1933, keine zwei Monate nach ihrer Machtübernahme, eines ihrer ersten Konzentrationslager errichtet haben und wo die KZ-Gedenkstätte Dachau an die damaligen Verbrechen erinnert.
Heute ist die Gedenkstätte weitgehend akzeptiert – jahrzehntelang war das Gegenteil der Fall. Politik und Gesellschaft in der Bundesrepublik der Nachkriegsjahre hätten die Überreste des Lagers am liebsten abgerissen, planiert, ausgelöscht – und damit auch die Erinnerung an die Verbrechen, die hier passiert sind.

"Erinnerung war lange kein Thema. Die Überlebenden wurden ausgegrenzt, gleichzeitig kamen ehemalige Nazis wieder frei. Das gehört zu den betrüblichsten Kapiteln unserer Geschichte: Der Umgang mit den ehemaligen Verfolgten. Sie mussten sehr, sehr schnell erkennen, dass sie nicht gefragt waren."

(Friedbert Mühldorfer, ehemaliger Gymnasiallehrer und Führer von Besuchergruppen in der KZ-Gedenkstätte).

Der heute 68-jährige Friedbert Mühlberger hat jahrzehntelang Besucher durch die KZ-Gedenkstätte geführt – im Sinne der einstigen Häftlinge, die früher die Führungen gemacht haben. Mühldorfer kam Anfang der 1970er Jahre zum ersten Mal nach Dachau, lernte Überlebende des KZ Dachau kennen, engagierte sich schließlich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN).

Ein Lager für politische Gegner - vor allem aus der Arbeiterbewegung

Marschkolonne von Häftlingen des KZ-Dachau

Die Nationalsozialisten inhaftierten im KZ Dachau über 200.000 Menschen und ermordeten etwa 43.000 von ihnen: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Geistliche, Sucht- und psychisch Kranke, Arbeitsverweigerer, später Nazigegner aus ganz Europa. Kurz vor Kriegsende wurden in den Dachauer Außenlagern rund 10.000 Jüdinnen und Juden durch Arbeit vernichtet. Doch am Anfang hatte das Lager eine andere Funktion.

Vor einem Zeitungsartikel vom 22. März 1933 bleibt Friedbert Mühldorfer immer stehen, wenn er mit Schulklassen die KZ-Gedenkstätte besucht.

"Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager eröffnet. Es hat ein Fassungsvermögen von 5.000 Menschen. Hier werden die gesamten kommunistischen und – soweit notwendig – Reichsbanner- und marxistischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen."

(Zitat aus einem Zeitungsausschnitt vom 22. März 1933. Diese Pressemitteilung der NS-Behörden erschien beinahe wortgleich in fast allen deutschen Zeitungen, u.a. in den Münchner Neuesten Nachrichten und der Augsburger Zeitung.)

"Ich finde es eine Schlüsselstelle für das Verständnis des Lagers. Es stand in allen wesentlichen Zeitungen in Deutschland, es sollten alle lesen als Abschreckung", so Mühldorfer. "Der Zeitungsartikel beschreibt ganz offen die Funktion des Lagers: Ein Lager ausschließlich für die politischen Gegner, und zwar vor allem aus der Arbeiterbewegung."

Das KZ Dachau wurde errichtet für Kommunisten, Sozialisten, Marxisten, Gewerkschafter. Doch das wird oft unterschlagen. Noch schlimmer: Bis heute ist es eine Standardfloskel insbesondere von CSU-Politikern, sogenannte Linksextremisten mit Rechtsextremisten gleichzusetzen, selbst an einem Ort wie Dachau.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer besucht 2009 die KZ-Gedenkstätte Dachau.

"Die Menschen, die dieses Grauen überlebten, legten den Schwur ab: 'Nie wieder'. Dieses 'Nie wieder' eint uns Deutsche von heute mit den Opfern von damals (...) Dieses 'Nie wieder' muss uns vor allem anspornen, den Ansätzen von Extremismus, von links und von rechts (…) entschieden entgegenzutreten."

(Ministerpräsident Horst Seehofer, 2009 in seiner Rede in der KZ-Gedenkstätte Dachau).

Kommunisten und Nazis, Antifaschisten und Faschisten – alles das Gleiche? Ist es tatsächlich das, was uns Dachau lehrt? Die Botschaft der früheren Häftlinge ist eindeutig: "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!" schworen sich die Überlebenden bei ihrer Befreiung.

Die Haltung der bayerischen Staatsregierung hat Folgen: Bis heute wird die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes vom bayerischen Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft und beobachtet. Und diese Einstufung hat dazu geführt, dass der VVN Ende 2019 die Gemeinnützigkeit entzogen worden ist. 75 Jahre nach dem Ende des Naziregimes stand die Organisation der Nazi-Opfer vor dem finanziellen Ruin, nur eine breite gesellschaftliche Solidaritätsbewegung rettet bisher die VVN.

KZ wird zum Flüchtlingslager

Die meisten Deutschen wollten schon bald nach 1945 nichts mehr hören von der Nazi-Zeit – und waren gleichzeitig damals noch immer tief geprägt von zwölf Jahren Nazi-Propaganda. Das zeigt sich auch am Umgang mit dem KZ-Gelände in Dachau. Am 16. Januar 1948 beschlossen Vertreter aller Parteien im Bayerischen Landtag einstimmig: "Die Staatsregierung sei zu beauftragen mit der Militärregierung umgehend Verhandlungen aufzunehmen, um auf dem schnellsten Wege Lagerobjekte freizubekommen (Dachau) zur Errichtung von Arbeitslagern für asoziale Elemente."

Der Plan wurde nicht verwirklicht. Doch nur wenige Monate später beschloss der Landtag, in den einstigen Häftlingsbaracken sogenannte Vertriebene unterzubringen: Mehr als 15 Jahre wurde das KZ-Gelände als Flüchtlingslager genutzt. Die Bewohner versuchten, sich wohnlich einzurichten: Es gab Kneipen, ein Kino, sogar eine Außenstelle des Finanzamts. Und jede Form der Erinnerung sollte beseitigt werden: Im Juni 1955 beantragte der Dachauer CSU-Landrat Heinrich Junker sogar den Abriss des früheren Krematoriums des KZ Dachau, in dem die überlebenden Ex-Häftlinge eine erste Ausstellung über das KZ eingerichtet hatten. Die früheren KZ-Häftlinge wollten das jedoch nicht hinnehmen und gründeten das internationale Dachau Komitee neu, das als geheime Organisation bereits im KZ bestanden hatte.

Zu den wenigen Unterstützern aus der bayerischen Politik gehörte der SPD-Politiker Wilhelm Hoegner. Der Sozialdemokrat war selbst vor den Nazis ins Exil geflohen. Mitte der 1950er Jahre wurde er während der sogenannten Viererkoalition kurzzeitig bayerischer Ministerpräsident. Als solcher hielt er am 24. April 1955 bei der Gedenkfeier zum 10. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau eine eindrucksvolle Rede.

Der bayerische Ministerpräsident und SPD-Politiker Dr. Wilhelm Hoegner - Aufnahme von 1946. | Bild: AP Photo/Sanders

"Das deutsche Volk vergisst zu schnell. Es will aus der Geschichte nichts lernen. Nur so ist es zu verstehen, dass die Schuldigen an dem größten Unglück unserer Geschichte nach dem Umlauf von zehn Jahren Rechtfertigungen schreiben konnten, ohne dass man sie öffentlich an den Pranger stellt, ja, dass Schuldige sich schon wieder frech als Ankläger aufspielen durften."

(Wilhelm Högner am 24. April 1955)

"Der Geist der Lagerstraße": die KZ-Gedenkstätte wird eingeweiht

Die heutige KZ-Gedenkstätte in Dachau

Dass schließlich doch noch eine angemessene Gedenkstätte in Dachau entstand, ist einer in der bayerischen Geschichte einmaligen Koalition zu verdanken: Ex-Häftlinge gründeten ein Kuratorium, darunter CSU-Politiker wie Alois Hundhammer, Geistliche wie der Weihbischof Johannes Neuhäuser – und Kommunisten wie Otto Kohlhofer.
Er war es, der die verschiedenen politischen Fraktionen versöhnte, indem er den "Geist der Lagerstraße" beschwor, den die spätere Leiterin der KZ-Gedenkstätte Barbara Distel so beschreibt: "Wir müssen zusammenstehen. Wir haben im Lager gelernt, dass es auf den Einzelnen ankommt und man gemeinsam für dieses Ziel kämpfen muss."

Dieser "Geist der Lagerstraße" schweißte die ehemaligen Leidensgenossen zusammen – in der Gesellschaft aber blieben die Ex-Häftlinge isoliert. Doch schließlich erreichten sie doch, dass ihr Wunsch in Erfüllung ging: Am 9. Mai 1965, 20 Jahre nach der Befreiung, versammelten sich 640 ehemalige Dachau-Häftlinge und einige tausend Besucher auf dem einstigen Appellplatz und feierten endlich die Einweihung der KZ-Gedenkstätte. Im Archiv der Gedenkstätte befindet sich ein bewegendes Dokument, das an diesem 9. Mai 1965 verlesen wurde: Ein Manifest des Internationalen Dachau-Komitees – man könnte es als das Vermächtnis der Dachau-Häftlinge bezeichnen.

Aus dem Manifest des Internationalen Dachau-Komitees

Die ehemaligen Dachauer Häftlinge aller Nationen und unterschiedlicher religiöser und politischer Ansichten vereinbarten an diesem 20. Jahrestag ihrer Befreiung:

- alles einzusetzen, damit in jedem Land die Erinnerung an die Toten aufrechterhalten wird und ihre Familien geehrt werden,
- den Geist des brüderlichen Zusammenstehens der im Lager unter ihnen herrschte aufrechtzuerhalten.

20 Jahre nach ihrer Befreiung sind sie einig wie im Lager. Sie verkünden ihren Willen, alles einzusetzen, damit es nie wieder ein 'Dachau' geben wird.

Ein wichtiges Ziel dabei: "Die Verjährung der NS-Verbrechen zu verhindern und die Verbrecher der gerechten Strafe zuzuführen".

Erste Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau wurde Ruth Jakusch, geborene Eisenberg. Der Tochter einer jüdischen Familie aus dem Frankfurter Bürgertum war über viele Stationen die Flucht nach England gelungen. Von dort kehrte sie als Dolmetscherin der Alliierten bei den Dachauer Prozessen zurück. Zwischen 1945 und 1948 wurden über 1700 Mitglieder der SS-Wachmannschaften von KZs angeklagt. Über 200 wurden von der US-Besatzungsmacht hingerichtet, doch bis zum Ende der 1950er, als längst deutsche Behörden wieder das Sagen hatten, waren alle Kriegsverbrecher wieder auf freien Fuß.

Ruth Eisenberg lernte in den Dachauer Prozessen den früheren KZ-Häftling Hugo Jakusch kennen, der als Zeuge geladen war – die beiden verliebten sich und heirateten. Hugo berichtete 1988 über seine Ehefrau: „Der Ruth ihre Geschwister sind alle in Auschwitz geblieben. Und das ist natürlich auch eine Sache, dass wir uns so gut verstehen. Die Ruth hat ja in Dachau das Museum gegründet und aufgebaut. Die Regierung wollte das gar nicht. Das Internationale Dachau-Komitee hat es dann aber doch durchgesetzt." Und an eine Auseinandersetzung erinnerte sich Hugo Jakusch besonders:

Hugo Jakusch, Widerstandskämpfer und KZ-Überlebender

"In der Ausstellung ist ein großes Foto drinnen, wo man den Hitler mit Krupp sieht und mit noch so ein paar Industrielle, wie sie da verhandeln. Und dieses Plakat sollte unbedingt weg. Das möchten sie gerne weghaben, dass der Krupp und die anderen nichts zu tun gehabt hätten mit Hitler. Aber die haben den Hitler groß gemacht."

(Hugo Jakusch)

Der Hungerstreik der Sinti und die Roma-Fluchtburg Dachau

Abgesandte von Organisationen der Sinti legen im ehemaligen Konzentrationslager Dachau Kränze nieder.

Kaum ein Kapitel der NS-Zeit wurde so lange verdrängt, wie das Schicksal der Sinti und Roma, die wie die Juden seit Jahrhunderten diskriminiert und ausgegrenzt werden – bis heute. Bayern spielte dabei eine besonders traurige Rolle: Schon lange vor 1933 richtete die Münchner Polizei eine sogenannte Zigeuner-Zentrale ein, tausende Sinti wurden registriert. Die Daten machten es den Nazis leicht, ihre Vernichtungspolitik auszuführen. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten mindestens 300.000 deutsche Sinti und osteuropäische Roma, unzählige wurden entrechtet und enteignet, eingesperrt, deportiert und zwangssterilisiert.

Geschwächte Sinti im Hungerstreik 1980

Und auch nach 1945 wurden die Daten unter dem Namen Landfahrer-Zentrale von der bayerischen Polizei weiterverwendet. Der Verband deutscher Sinti – Vorläufer des heutigen Zentralrats der Sinti und Roma – machte 1980 auf diesen Skandal aufmerksam: Mit einem Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Die Versöhnungskirche wird zur Roma-Fluchtburg

13 Jahre später wurde die Gedenkstätte erneut Schauplatz einer politischen Aktion. Diesmal waren es vor allem Roma aus Osteuropa und vom Balkan.

In den 90er Jahren kämpfen Roma für das Asylrecht in Deutschland.

Die Auseinandersetzung um das Asylrecht war damals auf dem Höhepunkt: Nach der Wiedervereinigung war die rassistische Gewalt eskaliert, Asylunterkünfte wurden angegriffen, Dutzende Migranten und Geflüchtete bei Anschlägen ermordet. Statt den rassistischen Pogromen entschieden entgegen zu treten, beschloss die Bundesregierung unter Kanzler Kohl gemeinsam mit der oppositionellen SPD das Asylrecht stark einzuschränken. Dabei war das Asylrecht eine der zentralen Konsequenzen, die aus der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gezogen worden waren.

Direkt von der Asylrechtseinschränkung betroffen waren auch Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden bzw. deren Nachkommen: Roma aus Südosteuropa. Hunderte suchten nun Schutz vor Abschiebung in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Die evangelische Versöhnungskirche wurde im Mai 1993 zur Roma-Fluchtburg – für Menschen wie Rudko Kawczynski.

"Wir, die Glück hatten, dass unsere Eltern überlebt haben, die hier die Schwächsten sind in diesem Land, sind wieder diejenigen, an denen man ungestraft Unrecht begehen kann, an denen man seine Vergangenheit bewältigen kann durch fortgesetztes Unrecht. Seit ein paar Wochen hören wir ständig, tagtäglich von Überfällen, von Brandstiftungen, von Morden, von Vertreibungen, von so genannten Asylkompromissen, die nichts anderes bedeuten als die Vorbereitung zur Deportation, zur Massendeportation von Menschen, von Fremden, die in diesem Land Zuflucht suchen."

(Rudko Kawczynski, Rom und Cinti Union e.V.)

53 Tage dauerte die Besetzung der Versöhnungskirche, doch Bayerns Innenminister Günther Beckstein blieb unerbittlich – er ließ sogar ein mit Stacheldraht eingezäuntes Abschiebelager vorbereiten und drohte damit, die KZ-Gedenkstätte von der Polizei räumen zu lassen. Nach zähen Verhandlungen erhielten die Roma schließlich freien Abzug und mussten Bayern verlassen. In den folgenden Monaten wurden fast alle in die vom Bürgerkrieg zerstörten Regionen Jugoslawiens abgeschoben.

Streit um Zwangsarbeit und die Verantwortung der Täter

Simon Snopkowski, Max Mannheimer, Edmund Stoiber und Romani Rose bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Befreiung 1995.

Schon zwei Jahre später folgte der nächste Einsatz der bayerischen Polizei unmittelbar vor der Gedenkstätte – und wieder ging es um ein verdrängtes Kapitel der Nazi-Vergangenheit: Zwangsarbeit und Wiedergutmachung. Der 30. April 1995 war ein ganz besonderer Tag: Nicht nur, weil der 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau begangen wurde. Auch weil sich ein ganz besonderer Gast angekündigt hatte: Edmund Stoiber, der erste bayerische Ministerpräsident seit vier Jahrzehnten, der bei einer Gedenkfeier in Dachau sprach, der erste bayerische Ministerpräsident überhaupt, der der Gedenkstätte einen offiziellen Besuch abstattete.

50 Jahre nach Kriegsende hatte sich das gesellschaftliche Klima gewandelt. Die alten Nazis in den Institutionen und Parteien waren pensioniert oder tot. Deutschland war frisch wiedervereinigt und bemüht, die Ängste seiner Nachbarn vor einem erneuten deutschen Großmachtstreben zu zerstreuen. Umso wichtiger war es, sich als geläuterte Nation zu präsentieren, die ihre Lektion aus der NS-Vergangenheit gelernt hatte.

Auf dem Weg zur Gedenkfeier werden Ex-Häftlinge und Besucher von 36 Transparenten in sieben Sprachen begrüßt.

Während Stoiber in Dachau sprach, kam es draußen vor der Gedenkstätte zu Protesten. Auf Dutzenden Transparenten in sieben Sprachen forderten Demonstrantinnen und Demonstranten unter anderem eine Entschädigung für all jene, die während der NS-Zeit für deutsche Behörden und Konzerne Zwangsarbeit leisten mussten.

Alles verlief friedlich, bis die Polizei eingriff ...

Alles verlief völlig friedlich, bis plötzlich die Polizei eingriff. Mit Gewalt entrissen die Beamten den Demonstranten eines der Transparente mit der Aufschrift: "Die Täter haben Namen: BMW, Siemens, BASF, Deutsche Bank, Daimler Benz, Dresdner Bank, Bayer Werke."

... und ein Transparent beschlagnahmte.

Das Transparent wurde beschlagnahmt und gegen den Anmelder der Demonstration ein Verfahren eingeleitet:  Der KZ-Überlebende Martin Löwenberg, der in der NS-Zeit selbst Zwangsarbeit leisten musste.

Die Bilder zum Polizeieinsatz stammen aus dem Werkzyklus »history is a work in process« der Künstlerin Petra Gerschner.

Weil auf dem Transparent die Namen deutscher Firmen genannt wurden, die sich durch Zwangsarbeit bereichert hatten, leitete die Münchner Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Löwenberg ein. Nach massiven Protesten und Medienberichten wurde das Verfahren eingestellt. Und die Debatte um die Entschädigung für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nahm Fahrt auf.

Übergibt die Polizei das Areal des ersten Lagers der Gedenkstätte?

25 Jahre sind seitdem vergangen. Und vielleicht können sich Besucherinnen und Besucher in Dachau schon bald nicht nur über Geschichte des KZ, sondern auch über die bewegte Geschichte der Gedenkstätte informieren. Denn die Staatsregierung hat Ende 2019 beschlossen, dass die KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg erweitert und ihre Ausstellungen aktualisiert und neugestaltet werden sollen – rund 110 Millionen Euro sind fest zugesagt.

Geht es nach dem Willen von Gedenkstätten-Leiterin Gabriele Hammermann wird dann auch die Nachkriegsgeschichte ausführlich dargestellt: "An mehreren Orten wollen wir uns auf die Nachkriegsgeschichte beziehen, in der der Kampf der Überlebenden für diesen Ort eine ganz zentrale Rolle spielt. Das wird letztendlich nahezu ein Drittel der zukünftigen Hauptausstellung ausmachen." Auch die Frühphase des Lagers und die Rolle bei der Verfolgung der antifaschistischen Gegner aus der Arbeiterschaft soll zukünftig noch stärker thematisiert werden. Etwa indem auch Gebäude des sogenannten ersten Lagers, das von 1933 bis 1937 bestand, in die Ausstellung einbezogen werden.

Doch diese Gebäude, darunter auch die frühere SS-Kommandatur, gehören derzeit nicht zur KZ-Gedenkstätte. Denn der Großteil des ehemaligen Lagers wird seit Jahrzehnten von der Bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt. Wie wichtig es wäre, diesen Teil des einstigen KZ in die neue Ausstellung zu integrieren, erklärt Mühldorfer: "Die früheren Häftlinge hätten alle gesagt, dass das von zentraler Bedeutung ist. Hier könnte man darstellen, was die erste Funktion des Lagers überhaupt war. Man sollte diesen historischen Ort nicht unterschätzen." Doch noch ist offen, ob die Bayerische Bereitschaftspolizei tatsächlich historische Gebäude an die Gedenkstätte abgeben wird.

"Erinnerung ist keine Sache, die einfach stattfindet, sondern Erinnerung war zu allen Zeiten auch Objekt von unterschiedlichen Interessen und war umkämpft; und aus diesen Kontroversen lässt sich sehr viel lernen."

(Friedbert Mühldorfer)

Die Autoren

Thies Marsen berichtet als Hörfunkjournalist seit Jahrzehnten über neue und alte Nazis, unter anderem berichtete er für die ARD im NSU-Prozess.
Michael Backmund ist Journalist, Autor und Filmemacher.
Beide Autoren berichten zudem seit Mitte der 1990er Jahre über die KZ-Gedenkstätte Dachau.


16