Bayern 2


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Die letzten Zeugen Als Kind in Auschwitz

Sie wurden als Kinder nach Auschwitz verschleppt. Manche haben dort ihre Eltern zum letzten Mal gesehen. Und trotzdem haben sie den Horror des Holocaust überstanden. Fünf Überlebende erzählen ihre Geschichte.

Von: Thomas Muggenthaler

Stand: 04.04.2020

Ruth Melcer war acht Jahre alt, als sie gemeinsam mit den Eltern aus ihrer polnischen Heimat nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Der Himmel schien rot zu sein, den Geruch nennt sie unglaublich. Alle, die keine Schwerstarbeit leisten konnten, wurden in Auschwitz ins Gas geschickt. Das traf vor allem Kranke, Alte und eben Kinder. Die kleine Ruth Melcer hatte Glück, sie wurde von älteren Gefangenen vor der SS versteckt.

"Ihr werdet das alles nicht überleben ... "

"Auschwitz wird man nie los", sagt Ruth Melcer.

"Dann kamen wir nach Auschwitz und das war ein Schock. Ich glaub, ich habe in dem Moment gar nicht mehr gewusst, was los ist. Auschwitz war, das kann man nicht schildern, das war so, dass wenn man nach Auschwitz kommt, war alles andere ausgelöscht.
Und so kamen wir nach Birkenau. Wir waren im A-Lager und sind in eine Baracke gekommen. Die Pritschen waren mir schon ein Begriff und da war ein riesengroßer Ofen in der Mitte. Und da ist eine Kapo (Häftlinge mit Leitungsfunktion, die dafür von der SS Vergünstigungen bekamen, Anm. der Redaktion) herumgelaufen mit einer Peitsche und hat immer auf Polnisch geschrien: 'Ihr werdet das alles nicht überleben! Ihr werdet hier verrecken!' Das war die Begrüßung von Auschwitz."

(Ruth Melcer)

"Als erstes sah man diese fünf Schornsteine ..."

Heinz Kounio aus Thessaloniki war bei der Ankunft in Auschwitz 15. Ihm half, dass er Deutsch sprach und als Übersetzer für die Transporte griechischer Juden eingesetzt wurde.

"Alle Transporte von Griechenland sind immer direkt nach Auschwitz-Birkenau gegangen. Wir waren der allererste Transport. Sieben Tage lang in einem Waggon. Wir kamen am frühen Morgen an - um drei, vier Uhr. Auschwitz. Große Kälte. Das einzige, was wir gesehen haben, war ein sehr großer Mond. Und dann die Schreierei der SS! Die haben immer auf den Kopf geschlagen, die Schläge haben den Schrecken noch größer gemacht. Schon am nächsten Morgen haben wir ganz genau gewusst, was passiert ist. Das hat man gerochen. Das war der erste Eindruck und der schlimmste. Da sah man diese fünf Schornsteine: Erst kommt Feuer, dann Dampf, und als drittes schwarzer Rauch. Man hat das so gemacht, damit wir das sehen."

(Heinz Kounio)

"Suchst Du Deine Mutter? Da geht sie hoch ..."

Peter Johann Gardosch aus Ungarn war zwar schon 13 Jahre, aber er kam nur dank einer Lüge mit dem Leben davon: Weil er recht groß für sein Alter war, glaubte ihm die SS, dass er angeblich schon 17 war.

"Meine Mutter hatte sich extra einen Strohhut gekauft hat. Denn es hieß, man müsse zur Feldarbeit. Und damit sie vor der Sonne geschützt wird, hatte sie einen Strohhut. In Auschwitz sind wir aus dem Waggon und dann hieß es: 'Schnell, schnell!' Gebrüllt haben die wie die Irren: 'Frauen rechts, Männer links!' Und schon war sie weg. Ich habe sie noch gesehen, bis ihr Strohhut verschwunden ist. Da war keine Möglichkeit für Abschied. Und nachher im Lager sahen wir diese riesigen quadratischen Backsteinschornsteine. Aus diesen Schornsteinen stiegen immer Flammen und Rauch. Und da waren alte Lagerinsassen, die haben gesagt: 'Suchst Du Deine Mutter? Da geht sie hoch!'"

(Johann Peter Gardosch)

"In Auschwitz habe ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen ..."

Auch die Brüder Michal und Josef Salomonovic haben überlebt. Josef war vier Jahre alt, als er, sein älterer Bruder und seine Eltern im Jahr 1941 deportiert wurden.

"Wir standen immer Appell - eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden ... Meistens hieß es: 'Schnell, schnell! Los, los! Mütze ab, zwei, drei, vier! Mütze auf, zwei, drei, vier!' Wir mussten stehen bei dem Appell und die Kapos sind immer herumgelaufen und haben gesucht, ob jemand krank ist. Wenn sich jemand hingesetzt hat, war er krank. Wenn sich jemand hingelegt hat, war er schwer krank. Und derjenige, der sich hingesetzt hat, wurde getötet. Das war schrecklich!"

(Michal Salomonovic)

"Das Wichtigste für mich, das war dieser Löffel. Dieser Löffel war immer in der Tasche von meinem Wintermantel. Weil meine Zähne waren weg, nur die hinteren waren noch da. Ich konnte nicht beißen. Aber mit diesem Löffel konnte ich schaben, mit dem konnte ich Suppe essen - auch ohne Zähne."

(Josef Salomonovic)

Diese fünf Zeitzeugen hat Autor Thomas Muggenthaler für sein radioFeature getroffen und interviewt. Ihre Geschichten bewegen. Und es sind wertvolle Zeitdokumente.

Lesetipps: Zeitzeugen erzählen ihre Geschichte

  • Peter Gardosch: Mit 13 durch die Hölle - Aus Ungarn nach Auschwitz deportiert, weiter in das KZ Dachau, Außenlager Kaufering III und nach dem Todesmarsch von amerikanischen Soldaten in Fürstenfeldbruck befreit. Verlag Hartung-Gorre, 272 Seiten, 2019, deutsch
  • Heinz Kounio: Ein Liter Suppe und 60 Gramm Brot - Das Tagebuch des Gefangenen Taschenbuch: 256 Seiten, Verlag: Hentrich und Hentrich Verlag Berlin, 2016, deutsch
  • Ruth Melcer: Ruths Kochbuch - Die wunderbaren Rezepte meiner jüdischen Familie. Taschenbuch: Gerstenberg Verlag; 160 Seiten, 2015, deutsch
  • "Josef 'Pepek' Salomonovic. Die Suche nach der gestohlenen Kindheit" - Ein Filmporträt über das Leben von Josef Salomonovic, Regisseur: Peter Hackl 70 Minuten

Weitere Publikationen zum Thema von Thomas Muggenthaler

  • Wir hatten keine Jugend - Zwangsarbeiter erinnern sich an ihre Zeit in Bayern. Lichtung Verlag, Viechtach 2003
  • Verbrechen Liebe - Von polnischen Männern und deutschen Frauen: Hinrichtungen und Verfolgung in Niederbayern und der Oberpfalz während der NS-Zeit. Ed. Lichtung, Viechtach 2010
  • "Ich lege mich hin und sterbe! – Ehemalige Häftlinge des KZ Flossenbürg berichten", Verlag Ernst Vögel, Stamsried 2005

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