Bayern 2


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Untergrund-Literat Reinhard Gehret Suche nach einem Phantom und seinem Nachlass

Axel Hacke war von seinem tragischen Schicksal und seinen düsteren Texten fasziniert. Trotzdem ist Reinhard Gehret heute völlig unbekannt. Ein Ausnahme-Autor, der früh starb und Berge von Texten hinterlassen hat. Eine Spurensuche.

Von: Benedikt Mahler

Stand: 12.11.2019

Wer war Reinhard Gehret? Von dem Mann, der im April 1986 mit gerade einmal 36 Jahren tot in einer West-Berliner Wohnung liegt, ist kaum etwas bekannt. Nur die Textgebirge, diese vielen tausend handgeschriebenen Papierseiten um ihn herum, verraten, dass er wie ein Besessener geschrieben haben muss. Überall ist Papier verstreut, Bücher liegen herum. Fast 20.000 Seiten Tagebücher, ordentlich abgeheftet und penibel nummeriert in dutzenden Ordnern. Literarische Texte, Fragmente. Hunderte Tonbänder und Kassetten. Kladden mit Sprachstudien, Griechisch, Latein, Esperanto. Hölzerne Stempelsets mit selbstentworfenen Symbolen.

Der einzige, der sich schon einmal mit dem Leben und dem Werk des unbekannten Autors beschäftigt hat ist Journalist und Kolumnist Axel Hacke. Vor mehr als 30 Jahren hat er einen Artikel über Gehret und die Berliner Untergrundliteraten geschrieben. Er heißt „Sterben vor prima Kulisse“ und ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Doch auch dieser Text lässt viele Fragen offen. Warum ist Gehret so früh gestorben und was ist aus seinem Nachlass geworden? Die Suche beginnt:

Kindheit in Karlstadt - Nachrkiegsdeutschland, fränkische Provinz

Reinhard Gehret wird 1949 in Karlstadt am Main geboren. Nachkriegsdeutschland, fränkische Provinz. Sein Vater war im Dritten Reich bei der SS. Nach dem Krieg arbeitet der als Metzger und betreibt einen kleinen Gasthof. Er ist sehr hart zu seinem Sohn. Reinhard ist dagegen sensibel, introvertiert und neigt schon als Jugendlicher zur Melancholie, die sich zu einer ernstzunehmenden Depression auswächst. Mit Siebzehn versucht er sich umzubringen. Mit einem Bolzenschussgerät aus der Schlachterei seines Vaters. Er setzt es an seine Stirn und drückt ab. Aber er überlebt. Schwerverletzt. Gehret wird nach einer Notoperation in der Würzburger Uniklinik gerettet, muss fortan jedoch mit einem blinden linken Auge und Diabetes leben.

Die Flucht nach Berlin

„Ich habe keine Familie mehr“, schreibt er 1967 in sein Tagebuch, bevor er in den Nachtzug nach Berlin steigt. In der geteilten Stadt blüht der junge Mann richtig auf: Er zieht mit Freunden um die Häuser, holt das Abitur nach und studiert Sprachen an der Freien Universität. Geld verdient er als Hilfsarbeiter in Druckereien. In jeder freien Minute greift er zu Stift und Papier: Alles wird aufgesogen, protokolliert. In den frühen Morgenstunden, vor Schichtbeginn, entwirft Reinhard Gehret eine literarische Form, die er „Fölmen“ nennt: Wilde, assoziative Kurztexte, gefüllt mit Wortneuschöpfungen wie ‚Tränenzirkus‘ oder ‚Maikäferlikör‘. Manchmal spricht er die Werke gleich nach ihrer Entstehung auf Band:

Die zwei Leben des Reinhard Gehret

In seinem Tagebuch, das er mehr als zwanzig Jahre kontinuierlich führt, arbeitet er sich auch an der eigenen Vergangenheit, der Projektionsfläche der strengen Vaterfigur ab. Sein Schreibstil ist schnell, eine Seite entsteht oft in weniger als zehn Minuten. Am Anfang und am Ende ist die genaue Zeitangabe notiert, bisweilen mitten im Wort.

Schlaflied
„Ich habe die Decke über mich gezogen & die Augenlider.
Und ich warte ein wenig
bis die Wörter kommen
Buchstabenbilder mit angeheiratetem Lautwerk
und Wortfühler
und Wortgliedmaßen
Assoziationen und anderes Spielzeug
Bewustsstseinsreste und vergessenes Wissen
Nur nachdenken darf man nicht.
– Sonst biste gleich wieder wach.“

Reinhard Gehret hat nicht nur wie ein Besessener geschrieben. Er hat auch wie ein Besessener gelebt – um darüber wieder zu schreiben. Er schläft wenig, isst unregelmäßig, raucht Haschisch und dokumentiert die Rauschzustände. Mit 36 Jahren stirbt er schließlich an Diabetes, die er sich durch seinen Selbstmordversuch selbst beigebracht hatte. Er fiel in seiner Wohnung einfach um, niemand war da, um ihm wieder aufzuhelfen. Zwei Leben hat dieser Reinhard Gehret geführt. Eines, in dem er nicht mehr leben wollte, und weiterleben musste. Und eines, in dem er leben und schreiben wollte - und sterben musste. Er hinterlässt einen großen Schatz in seinem Nachlass, den es jetzt zu heben gilt.

Der Untergrund-Literat Reinhard Gehret
Auf der Suche nach einem Phantom und seinem Nachlass
Feature von Benedikt Mahler

Regie: Martin Heindel
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Till Ottlitz
Produktion: BR 2019

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